Kampf der Kulturen?

Aber ja, haben die Griechen nicht Glück? Einige Tage wird man jetzt eine Treibjagd veranstalten und der Welt das immer wiederkehrende Schauspiel zeigen, das sie verdient. Die Hubschrauber kreisen, die Autos werden kontrolliert, die Innenministerinnen und Innenminister bewegen die Lippen bei abgeschaltetem Gehirn, und die nicht von den Mitgliedern der Glaubensgemeinschaften gewählten Oberschwätzer verkünden, dass Religion Liebe sei mit allen Nächstinnen und Nächsten. Nur wenn die Waffen geweiht sind, der Krieg ein religiös berechtigter, da ist nix mehr mit Liebe! Im Morgenmagazin, dem Zentralorgan der hürdenlosen Flachdenkerei, verkünden die Meinungs-Verneblerinnen und Meinungs-Vernebler, es handle sich bei dem Sturm auf eine Zeitungsredaktion mit Todesfolge um einen „Kampf der Kulturen“.

Wer nun als erster meldet, dass die beiden Mörder bei einer Schießerei erledigt wurden, hat dann die Krone des Einschaltquotensiegs auf seiner Seite. Den Ton geben heute jene an, die verkünden, dass, was ist, gut ist, weil es ist, und natürlich schlecht ist, was sie als schlecht verkaufen. Eine  Gegenwart schottet sich so ab gegen Modelle einer besseren Zukunft wie gegen Erinnerungen an eine bessere Vergangenheit. In Politik, Wissenschaft und Kunst herrscht zunehmend die Machbarkeitsideologie. Was technisch möglich ist, wird gemacht, ungefragt, welchem Zweck es dient, welche Inhalte es vermitteln soll. Hauptsache, es klingelt in der Einschaltquotenkasse.

„Wir sind …“, höre und lese ich überall dort, wo die dicke Luft der Unfreiheit Tag und Nacht fröhliche Urstände feiert, und, ich gebe es gerne zu: Ich hab schon genug Probleme ich selbst zu sein, und zum „Wir“, da führt schon lang kein Weg mehr hin. Die Deppen der „Freie-Fahrt“-Forderung, damit sie freie Bürgerin und Bürger sind, die haben ganze Arbeit geleistet! „Auch Österreich ist Charlie“ titeln die Salzburger Nachrichten, die sich als „interessanteste Zeitung Österreichs“ bezeichnet. Österreich ist weder „Charlie“ und auch nicht ein „Wiener Schnitzel“!

Und wie immer, wenn das Entsetzen so groß ist, dass einem die Worte fehlen, da sprudeln die Phrasen aus Hohlkopfquellen und es gibt eine auf  Tatsachen gestützte Gefahrenprognose. „Nine-Eleven“ grölt es, und ich frage mich, wo die alle waren, als es den 11.9.1973 gab. Schon vergessen, dass da die „God-bless-America“-Gesellschaft zugeschlagen hat?

Ein unentwirrbarer Begriffsbrei schlägt zu: Pressefreiheit, Flugüberwachung, Integration, Solidarität, Angriff auf freiheitliche Demokratien - politischer Sprengstoff. Die weltweite Innenministerriege denkt nach, wie man endlich die Freiheit der Gedanken in den Griff bekommt und bereiten für kommende Diktaturen die Vorratsdateneliminierungsspeicherung vor.

Pressefreiheit? Im Namen von Persil, Daimler-Benz, VW oder Red Bull-Anzeigen, oder dem „Ich-bin-doch-nicht-blöd“-Gewerbe in allen Medien?

Solidarität? Mit den im Mittelmeer Ertrunkenen, mit denen, die mit Waffen, die auch in Frankreich ein Blutbad anrichteten, gute Geschäfte machen?

Zwo drei! Ein Lied:

Brüder, sagt mir doch was Freiheit ist
Ist sie häßlich oder schön
Kann man sie fühlen oder riechen
Oder kann man sie auch sehn.
Fährt die Freiheit im Mercedes
Oder fährt sie Cadillac
Oder trägt sie einen Zylinder
weißes Hemd und schwarzen Frack

Und ich bin kein Frosch im Brunnen
Der ein Stück vom Himmel sieht
Und denkt er hätt die Welt gesehn
Das geht mir aufs Gemüt

Vielleicht kann man die Freiheit saufen
So wie Schnaps und Bier und Wein
Ich hab das oft schon ausprobiert
Das kann ja gar nicht sein
Denn komm ich aus meiner Kneipe
kann ich kaum noch gerade gehn
Da ist die einzge Freiheit die ich hab
Alles besoffen zu verstehn

Und ich bin kein Frosch im Brunnen ...

Von der Unternehmerfreiheit
tun mir schon die Knochen weh
mit Schwielen an den Händen
kaputtes Portemonnai
Und drum scheiß ich auf die Freiheit
der Unternehmer-BRD
steckt Euch die Freiheit in den Arsch
dass ich sie bloß nicht seh

Chancengleichheit, Mitbestimmung
Ei, was kann denn das schon sein
Vielleicht dass ich den Nagel halte
mein Chef der haut ihn rein
hört ihn brüllen, hört ihn schreien
wie gut es uns doch geht
dem Unternehmer glaub ich gern
der lebt ja vom Prolet

Und ich bin kein Frosch ...

Hat mein Boss sich sattgefressen
Schmeißt er mir ´nen Knochen hin
Ein Trinkgeld ist der Stundenlohn
im Vergleich zu dem Gewinn
Und nicht Freiheit sondern Ketten
das schenkt uns das Kapital
Unsre Freiheit die heißt Klassenkampf
Das ist die einz´ge Wahl

Und ich bin kein Frosch ...

(Text und Musi: Eck, Klaus der Geiger, Toni - 1980 )

Kampf der Kulturen?

Ich hab Probleme Mensch zu sein!

Dieter Braeg