Am elften August soll die Welt untergehen; da bleibt gerade noch Zeit für

letzte Gedanken . . .

Wir haben uns seit je daran gewöhnt, dass, wenn es nicht gerade schüttet oder schneit oder hagelt, die Sonne scheint. Die direkteste Keimzelle unseres Lebens will sich am elften August mittels einer gigantischen Finsternis verabschieden.

Ologen aller Art, von Meteoro- über Geo- bis Astro-, sagen seit Monaten voraus, dass infolge dieses Ereignisses dem Planeten Erde der Garaus gemacht werden könnte.

Unsere kleine, heimelige, behagliche Welt, in der alle Menschen einander so unendlich liebhaben, könnte mit einem Mal zu einer endlichen Leichenhalle werden.

Im Schatten des riesigen Schattens, der über uns alle fallen wird, wird der Umwechselkurs des Dollars auf den Euro nur noch ein Schlagschatten seiner selbst sein. Stolze Firmenpleiten werden zu marginalen Lappalien der ökonomischen Geschichte werden. Hasardeure werden, fern jedweder Anklage, ihr doch noch angenehmes Schicksal kurzfristig bejubeln, Zechpreller werden sich einen Schuldschein auf den zwölften August ausstellen lassen, etwas intelligentere Autofahrer werden nicht mehr als zwei Liter tanken, Bücherfreunde werden nur noch Novellen kaufen, Musikfreaks werden sich in Läden erkundigen, ob es noch die kleinen Schallplatten mit der Geschwindigkeit von 45 Umdrehungen gibt.

Der Sommerschlussverkauf wird zu einem ungeahnten Sonderangebotswühltischkampf werden; Ballkleider werden um 80,- Euro angeboten werden (um 60,- Euro, wenn vier Bikinis miterstanden werden), Fracks werden an jene Männer verschenkt, die einen Sonnenschirm für 10,- Euronen kaufen; Sonnenbrillen, Feldstecher, Karl Kraus´ Buch „Nachts“ sowie Valium werden gratis auf den Straßen verteilt werden.

So bekömmlich die Zuwendungen auch sind, die vor dem Weltuntergang offeriert werden, so sehr gilt es doch, das Leben davor noch einmal gedanklich zu ordnen. Waren wir im Umgang mit unseren Mitmenschen anständig genug?

Haben wir der kleinkrämerischen und deshalb verhassten Muttikanzlerin die Pest nur an den Hals gewünscht, oder ist sie infolge unseres inneren Flehens so jäh verstorben? Haben wir unseren liebsten Lebenspartner wirklich dadurch in eine Rage versetzt, die seine Stimmbänder funktionsunfähig machte, weil er herausfand, dass wir noch einen zweiten lieben Lebenspartner hatten? Haben wir Großmutters köstliches Sparbuch vor oder nach ihrem Ableben behoben?

Mein Gott, die Kinder! Was kann ihnen noch Gutes getan werden, wenn es soweit ist, also wenn es aus und vorbei ist? Kaum eine hat ein Eichkätzchen berühren können, vielen ist „Pippi Langstrumpf“ nicht einmal vorgelesen worden, nur wenige Buben haben ein ordentliches Taschenmesser gekriegt, noch weniger einen versilberten Kamm, den man mit sich tragen kann, um sich in irgendeinem Schuppen standesgemäß frisieren zu können, und die meisten haben noch nicht einmal vom Grünen Veltliner gekostet.

Wir Großen haben es da angesichts des schon so bald erkenntlichen Endes unseres lieben Planeten viel einfacher: Wir hauen uns alles auf den Schädel, was wir noch besitzen. Wir veräußern unsere Häuser und Wohnungen, unsere Autos und Versicherungen, unsere Einrichtungen und Sparbücher. Wir machen uns ab jetzt noch wunderschöne drei bis vier Wochen (die Sonne ist nie ganz präzise) und gedenken des schönen alten Satzes: Nobel geht die Welt zugrunde.

Wer sich die Kleinkariertheit des Auftakts der wie auch immer gearteten Wahlkämpfe anschaut, schließt ohnehin nicht mehr ganz aus, dass die Welt am Zugrundegehen ist. Noch sind zwar keine wirklichen Schlammschlachten eröffnet worden, aber bis auf die überraschend zahmen Grünen haben alle anderen Parteien schon die Kampfstellung des „Wir-wünschen-einen-schönen-Urlaub“ eingenommen, was vor allem die daheimgebliebenen Sozialhilfeempfänger und Arbeitslosen ungemein freut.

Wozu also noch auf den September warten? Das wunderschön blitzende Lächeln der Muttikanzlerin kann den Weltuntergang auch dann nicht verhindern, sollte Herr Vizekanzler stimmenstärkster Politiker werden.

Bisher ging Deutschland jedem auf den Leim, am liebsten aber auf den, den es sich selbst gelegt hat. Es ist nach wie vor ein zutrauliches Land, in dem sich recht unbehelligt Schafe wie Schurken tummeln dürfen, wenn sie nicht Flüchtlinge sind. Es ist das Land, in dem laut Karl dem V. die Sonne niemals untergeht.

Wenn sie, am elften August, aber dennoch untergeht? Wenn es unvermittelt Nacht wird über Bayern und wenn alle Dresdner ihr Rathaus nicht mehr finden? Wenn in dieser biblischen Finsternis selbst Diebe zu beten anfangen, weil sie die Schlösser nicht mehr erkennen, die sie knacken wollen? Werden wir uns da in diesen Stunden der allgemeinen Beklommenheit nicht fragen: Warum hab ich Trottel gestern noch einen teuren Teppich gekauft?

Dieter Braeg