Wo immer Sie sich auch gerade befinden: Rühren Sie sich nicht vom Fleck, denn es könnte Ihr letzter gewesen sein. Nie zuvor war das Böse so immer und überall wie jetzt.

Die Massenmedien befürchten, dass sie bald keine Massen mehr als Kundschaft haben werden; täglich berichten sie, dass wir von der Gewalt umzingelt sind, dass uns ein gespenstisches Lasso aus Mord und Totschlag alltäglich einzufangen vermag. Wer morgens noch die Tageszeitungen aufschlägt, schlägt sie gleich wieder zu, damit das Unheil nicht auch noch seinen Lauf auf einen selber nimmt. Das Frauen nicht nur bei Nacht sondern auch am Tage nicht mehr das Haus verlassen – das ist eine weitere Bedrohungswahrheit!

Es ist leider eine düstere Selbstverständlichkeit geworden, dass das finstere Verhängnis immer lauert. und nichts anders im Sinn hat, als uns den Garaus zu machen.

Führende Händler von Hacken und Harpunen, von Revolvern, Maschinenpistolen und Macheten sollen bereits, noch vor dem Weihnachtsgeschäft, restlos ausverkauft sein. Nur in wenigen Städten werden noch Restposten an Rasiermessern feilgeboten. Überall findet man leblose Menschen.  

Nicht nur das unbekannte, aber offenbar sich auf unheimliche Weise vermehrende Gelichter geht um, sondern auch die Angst. Wer ist noch imstande, das Gras so rasch wachsen zu hören, um herauszufinden, dass er in dieses nicht bald beißen wird? Wer hat das Zweite Gesicht, um den Bösen Blick zu erkennen? Die niedrige Gesinnung treibt fröhlich Urständ!

Hüten Sie sich davor, mutwillig Ihre Wohnung zu verlassen. Schon im Korridor davor können Kreaturen lauern, die es nur darauf abgesehen haben, es auf Sie abzusehen. Meiden Sie Aufzüge; in denen werden alle, die auf einem Treppenabgang nicht erdolcht werden können, erdrosselt. Gehen Sie nach Einbruch der Dunkelheit – für diese Jahreszeit gilt 0 bis 24 Uhr – nicht allein auf die Straße, vor Ihrem Haus wimmelt es nur so von mörderischem Gesindel.

Schauen Sie jedem Menschen, der Ihnen näher als vierzig Meter kommt, sehr aufmerksam ins Gesicht. Wenn er eine fahle oder dunkle Haut hat, etwas abstehende Ohren und ein bisschen rötliche Augen, dann seien Sie auf der Hut. Solche Elemente sind zu allem fähig, vor allem zu den unbeschreiblich niederträchtigen Taten, die Sie erst auf Ihrem Grabstein lesen würden.

Vermeiden Sie familiär, partnerschaftliche, sexuell überschreitende Beziehungen. Seit längerem wird beobachtet, dass Menschen, die mit einem anderen zusammenleben, häufiger erschlagen werden als solche, die keinen anderen Menschen kennen. Oft genug geht dem Mord eine erotische Spannung voraus (entweder sie hat gerade Lockenwickler auf, wenn er endlich einen Ständer hat, oder sie will seinen stehen sehen, wo er schon einen sitzen hat). Auch verbale, urbane Auseinandersetzungen („Wenn Du noch mal Gabalier hörst, ist Lebensende angesagt!“). Ein Familienverband bietet noch mehr Morbides. Wenn Sie Tochter sind, wird Ihr Vater Sie erwürgen, damit Sie Ihrer Mutter nicht sagen können, warum er der Nachbarin immer die Fenster putzt. Wenn Sie Sohn sind, wird Ihre Mutter Sie vergiften, damit Sie Ihrem Vater nicht sagen können, warum der Briefträger dreimal wöchentlich angeblich eingeschriebene Flugblätter bringt. Wenn Sie Mutter sind, wird Ihre Tochter Sie erschießen, weil der Briefträger eigentlich ihr Freund ist. Wenn Sie Vater sind, wird Ihr Sohn Sie erschlagen, weil Sie ihm nie gesagt haben, ein Bub könne onanieren.


Selbstverständlich gibt es auch noch ganz andere Konstellationen, in denen Sie gezwungen sind, Mitmenschen am weiteren Einatmen zu hindern. Es gibt genug Leute, die mehr auf der Kante haben, als es dem Gegenwert einiger Briefmarken entspricht; es gibt immer wieder politisch gewählte Stimmenschänder. Aber vergessen Sie nicht, dass Sie, wir alle, eventuell im Visier stehen: Das menschliche Zusammenleben ist immer mehr zu einem Zusammentöten geworden. Wir können uns nicht mehr darauf verlassen, dass der Nächste es gut mit uns meint, wir könnten da schon selbst der Nächste sein, der den Löffel abgibt … Immerhin können wir uns, in einer Epoche des Entsetzens, in der die schuldlosen Köpfe nur so vor sich hin rollen, damit trösten, dass bekanntlich alle, die dran glauben müssen, selig werden.

Menschen, die an der Humanität  meiner Polemiken zweifeln, möchte ich  daran erinnern, das Neujahrskonzert ist vorbei. Bald und solange der Morgen noch graut, der Abend rotgrünblaugelblila strahlt,  ist alles möglich …

Dieter Braeg