1Vier Jahre nach dem Mord in Angarsk ein Urteil gefällt

Am Freitag Nachmittag hat ein Gericht in Angarsk am Baikalsee das Urteil im Mordfall des Umweltschützers Ilia Borodajenko gefällt. Vier der 20 Angeklagten wurden zu Haftstrafen von 8 und 8,5 Jahren verurteilt, die anderen 16 Angeklagten erhielten geringere, zur Bewährung ausgesetzte Strafen. Die zu realen Haftstrafen Verurteilte wollen in die Revision gehen. Aber auch die russische Staatsanwaltschaft will in die Revision gehen, da ihr ein Teil der Bewährungsstrafen zu milde erscheint.
Der aus dem Fernen Osten Russlands stammende 21-jährige Antifaschist und Atomkraftgegner Ilia Borodajenko war im Juli 2007 nach Angarsk am Baikalsee gereist, wo Atomkraftgegner aus verschiedenen Regionen Russlands ein Camp errichteten. Damit wollten sie gegen die Urananreicherungsanlage von Angarsk demonstrieren, die unter anderem auch Atommüll aus Deutschland lagert.
Am 21. Juli 2007 war das Zeltlager der Umweltschützer von einer Gruppe von 20 Jugendlichen überfallen worden. Die Angreifer hatten eigens weiße Armbinden getragen, um sicherzustellen, dass man in dem Gerangel nicht auf einen der eigenen Leute losschlage. Bordajenko, der in dieser Nacht am Lagerfeuer saß, war das erste Opfer der Schläger. Zwei Tage nach dem Überfall erlag er seinen Verletzungen in einem Krankenhaus von Angarsk. Neben Borodajenko waren sieben weitere Umweltschützer zum Teil schwer verletzt worden. Der Überfall von Angarsk gilt als der schwerste Übergriff gegen die russische Umweltbewegung.
Borodajenko ist der erste russische Atomkraftgegner, der wegen seiner Überzeugung ermordet worden ist. Sofort nach Bekanntwerden des Mordes hatten sich 2007 spontan deutsche Umweltschützer vor der Urananreicherungsanlage in Gronau versammelt, um gegen den Mord ihres russischen Kollegen zu protestieren. Da das Urenco-Werk in Gronau dort entstehenden Atommüll nach Angarsk liefere, so die deutschen Umweltschützer damals, müsse die Urenco auch über ihre eigene Mitverantwortung nachdenken.
In einer ersten Stellungnahme äußerten sich Vertreter der russischen Sektion von „Greenpeace“ enttäuscht über das Urteil. Keiner der Drahtzieher sei vor Gericht gestellt worden. Viele russische Umweltschützer gehen davon aus, dass nicht die jungen Männer auf die Idee gekommen seien, das Zeltlager der Umweltschützer zu überfallen. Dafür spreche auch, dass sich die Angeklagten gute Anwälte hatten leisten können. Viele kritisieren auch, dass den Urteilen der „Rowdytum“-Paragraph zu Grunde liege. Dies verharmlose die Verwundung von sieben Personen und den Mord an einem der Mitglieder dieser Gruppe. Völlig außer acht gelassen habe das Gericht auch den Umstand, dass die Angreifer der Neonaziszene zuzurechnen sind.
Wie recht die Umweltschützer mit ihrem Verdacht liegen, zeigt der Fall von Jewgenij Panow, der für seine Beteiligung an dem Überfall eine Bewährungsstrafe erhalten hatte. Für Panow dürfte diese Bewährungsstrafe jedoch kaum von Bedeutung sein. Er hatte von dieser im Gefängnis erfahren. Dort sitzt er die nächsten 18 Jahre wegen der Morde an zwei Ausländern, die er nach dem Überfall auf die Umweltschützer begangen hatte.


Siehe auch:
http://www.taz.de/Russland/!2190/
Photos von einer Gedenkveranstaltung anlässlich des ersten Todestages von Ilja:
http://kissmybabushka.com/?p=524