Bunt, vielfältig, unübersichtlich und vor Ort verankert –
Gemeinsam kämpfen Wendlands Bevölkerung und angereiste Umweltschützer gegen den Castor
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Die Fahrt durch die idyllische nächtliche absolut dunkle Waldgegend am Donnerstag endete abrupt. Gespenstisch baute sich mitten auf der Kreuzung im Dorf Metzingen bei Gorleben ein panzerartiges Fahrzeug, mit zwei Blaulichtern auf seinem Dach auf, und spie wie ein hässlicher Drachen Wasser – in die Luft, auf die Straße, direkt auf die vielen Menschen, die irgendwo vor diesem Ungetüm saßen und standen. Aus einem der vielen Polizeiwagen drohte eine Stimme mit Konsequenzen. Doch was sie genau sagte, ging unter im rhythmischen Getrommel der Samba-Band, die am Straßenrand denen, die vor dem Wasserwerfer ausharrten, Mut zutrommelte.
Die Polizisten, die dicht nebeneinander am Straßenrand stehen, lassen durch ihren weiße Helme keine Emotionen erkennen. Niemand darf durch, auf die andere Straßenseite oder auch nur einfach auf die Straße. Irgendwann führen zwei Polizisten einen, der trotz Wasserwerfer auf der Straße geblieben ist, mit auf den Rücken gefesselten Händen ab.


Bunt, vielfältig und unübersichtlich, von der SPD bis zu den Autonomen

Der Widerstand gegen den Castor im Wendland ist vielfältig, bunt und phantasievoll. Dies zeigen auch die jüngsten Aktionen, die Mahnwachen, Schülerdemonstrationen, Laternenumzüge, Straßenblockaden, Konzerte, gewaltfreien Trainings. Die Bauern, die auf der Demonstration am Samstag mit 452 Treckern anwesend waren, hatten ein eigenes Camp, von dem aus sie ihre phantasievollen Aktionen planten. Das Spektrum reicht von SPD-Mitgliedern, Kirchengemeinden bis zu Autonomen.
In einer gemeinsamen Pressekonferenz im Rathaus von Dannenberg äußern am Samstag morgen alle Parteien, mit Ausnahme der CDU, ihre Ablehnung der Castortransporte.
Ein Gang durch einige Camps zeigt, dass sich bereits vor der Großdemonstration am vergangenen Samstag über 2000 Protestiererinnen und Protestierer in den Camps auf den Castor vorbereiteten. Überhaupt nicht einschätzen lässt sich die Zahl derer, die privat in Wohnungen oder Scheunen untergekommen sind. Auch das dürften noch einmal einige hundert sein.
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Nicht alle halten sich an das Gebot der Gewaltfreiheit. Eine Journalistin wurde von einem Polizeihund gebissen, mehrere Aktivisten klagten über Schmerzen in den Augen, nachdem sie mit Pfefferspray der Polizei in Kontakt gekommen waren.

„Ich kann jetzt nicht mehr weitersprechen“, unterbrach mich an einem Abend ein Bewohner des Lagers in Metzingen am Telefon. „Die Polizei hat soeben vor der Einfahrt zum Camp Wasserwerfer aufgefahren.“

Die Polizeistrategie schweißt Anwohner und angereiste Protestierer noch mehr zusammen

Die Versuche der Polizei, vor allem die Camps zu drangsalieren, sie mit Wasserwerfern und Personenkontrollen einzuschüchtern oder gar ganz zu verbieten, haben einen, von der Polizei so sicherlich nicht beabsichtigten Effekt. Immer mehr Bewohner der umliegenden Dörfer nehmen Blockierer auf, geben ihnen in ihren Wohnungen, Scheunen etc. Unterkunft. In der Folge verliert die Polizei die Übersicht. Die dezentral in Familien Untergebrachten lassen sich nicht beobachten und nicht kontrollieren, sie bewegen sich häufig in Wagen mit einheimischen Nummernschildern fort.
So ist es auch der Polizeitaktik zu verdanken, dass sich die Landbevölkerung noch mehr mit den angereisten Protestierern solidarisiert, noch mehr von ihnen privat Unterkunft gewährt.
Einheimische, die sich aus Angst vor der Polizei nicht mehr aus dem Haus trauen, dürften wohl für immer das Vertrauen in diese Regierung verloren haben.

Internationale Zusammenarbeit

4„Was ihr diese Tage in Dannenberg organisiert habt“, erklärt der eigens aus Russland angereiste Umweltschützer Wladimir Slivjak, hat international eine große Bedeutung. Die größten Fernsehkanäle Russlands hätten über die Aktionen im Wendland berichtet.
Slivjak ist einer von zahlreichen ausländischen Atomkraftgegnern, die einen sehr weiten Weg auf sich genommen hatten, um in Dannenberg mit dabei zu sein, wenn der Castor kommt. Knapp zehn russische Umweltschützer, zahlreiche französische, japanische, niederländische und britische Atomkraftgegner waren bei den Aktionen gegen den Castor von Anfang an dabei. Die Französin Charlotte Mijeon hatte noch wenige Tage zuvor in Frankreich gegen den Castor protestiert, die Informationen über die französischen Protestaktionen direkt an die Anti-Atom-Initiativen im Wendland weitergeleitet. Sie war mit ihrem Wagen ins Wendland gekommen, um auch hier gegen den Castor zu protestieren und gemeinsam mit den Umweltschützern in Deutschland über die weiteren Aktivitäten zu beratschlagen.

3Die St. Petersburger Rechtsanwältin Olga Krivonos, die in ihrer Heimatstadt regelmäßig das Mandat für festgenommene Umweltschützer und andere Aktivisten übernimmt, ist beeindruckt von dem Ermittlungsausschuss linker Anwälte in Dannenberg, die gemeinsam eine juristische Betreuung für die Festgenommenen organisieren.

Kein Dialog und keinen Frieden

Die Redner der Kundgebung am Samstag sind wütend. Zu viel sei man angelogen und betrogen worden. Seit 2003, berichtet Kerstin Rudek von der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, habe man in Gorleben erhöhte Grenzwerte. Bei den Protesten würden Bürgerrechte massiv eingeschränkt. Mit so einem Gegner könne es keinen Frieden und keinen Dialog geben.

Auch die Rednerin aus Fukushima ist wütend. Seit der Katastrophe kämpfe sie vor allem um eines, für einen weltweiten Ausstieg aus dieser lebensfeindlichen Technik, so die Rednerin aus dem fernen Japan.

5Jochen Stay von „ausgestrahlt“ lässt kein gutes Haar an den Grünen und an Umweltminister Röttgen. Sicherlich hätte Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Kretschmann und die Grünen das Recht, einen Fehler, den Jürgen Trittin vor zehn Jahren bereits gemacht hatte, als er sagte, nach dem rot – grünen Atomausstieg hätten sich die Aktionen in Gorleben erübrigt, wieder zu machen. Doch wir als Bewegung können zu  dieser Politik nur Nein sagen.

Es sei Quatsch, wenn Bundesumweltminister Röttgen behaupte, die Frage eines Endlagers sei offen. Man brauche nur einen Blick in den Haushalt 2012 zu werfen. Dann erkenne man, dass der Minister lüge.

Dort sind 73 Millionen Euro für den Ausbau von Gorleben vorgesehen, aber nur 3 Millionen für die Suche nach einem anderen Standort, so Stay.