6. Landesparteitag der bayerischen Linken verpasst Chance zur Neuorientierung

1Schwache Beteiligung
Von den insgesamt 200 zur Verfügung stehenden Delegiertenmandaten konnten nur 172 ordnungsgemäß mandatiert werden. Unter den nicht-mandatierten Delegierten befanden sich auch alle 20 Mandate des Jugendverbands ['solid], dem am Sonntag zuvor von seiner Bundesschiedskommission aufgrund einer dreitägigen Unterschreitung der Mindesteinladungsfrist alle Mandate aberkannt sowie die ersatzweise Entsendung seiner Delegierten des 5. Landesparteitags untersagt wurde. Der ['solid] Landessprecher_innenrat kritisierte in einer Erklärung insbesondere, dass er erst sechs Wochen nach der Einladung durch die Verfahrenseröffnung vom dem Fehler erfahren hat und diesen nicht mehr durch fristgerechte Wiederholung heilen konnte.

 

 


2Mit bis zu 138 anwesenden Delegierten war der sechste Landesparteitag (LPT) derjenige mit der bislang schwächsten Beteiligung. Dieser Umstand, die weiterhin sinkenden Mitgliederzahlen, wie auch die Tatsache, dass die bayerische Linke seit Dezember 2011 in den Umfragen nicht über 2 % gelangt ist, war für Landessprecher Xaver Merk kein Anlass, eine Krise des Landesverbandes zu erkennen.

Im Süden nichts Neues

Wie aufmerksame Mitglieder der Tagespresse entnahmen, stand Parteivorsitzender Klaus Ernst auf der Tagungsprogramm. Mit atypischer Beschäftigung, Pendlerpauschale, Bezinpreisdeckelung und  Betreuungsgeld standen ausschließlich bundespolitische Themen auf seiner Redeliste. Auch die beiden Evergeens Koalitionen und Selbstbeschäftigung fehlten nicht. Wer dieser Partei helfen wolle, der brauche keine Diskussion über uns selbst, so Ernst. Mehr als verhaltenen Applaus erntete er dafür nicht.

Auch für ehemals brisante Aussagen wie, "Wir suchen uns unsere Partner nach der Wahl", regte sich kaum noch eine Hand zum Beifall. So fern von der Realität schien diese Projektion selbst seinen beharrlichsten Anhängern.Von wenig Realitätssinn zeugte auch seine am Montag bekannt gegebene Mitgift-Wunschliste an die Piraten. Kein Wunder, wenn eine Landtags-Listenverbindung mit den Piraten bereits hier und da diskutiert wurde.

Die Piraten dürfte es allerdings kaum beeindrucken, liegt diese in der jüngsten Emnid-Umfrage für die CSU selbst in Bayern bei 8 %, während für die Linke keine Angaben mehr gemacht werden. Ihre Zustimmungswerte dürften damit unter 1.5 %, also 15 Stimmen von 1.000 Befragten gefallen sein. Angesichts dieses rasanten Zerfalls an Unterstützung muss das Medienecho auf den Parteitag, entgegen lieb gewonnener Verschwörungstheorien über die „bürgerlichen Medien“ als geradezu enthusiastisch betrachtet werden.

Augen zu und durch

Landessprecher Xaver Merk ficht dies indes nicht an. Sein Appell, Auseinandersetzungen der Strömungen nunmehr zu beenden und ab der kommenden Woche den Wahlkampf aufzunehmen, waren ebensowenig geeignet Begeisterung auszulösen, wie die Vorgabe, in den Landtag einzuziehen, die Bundestagsmandate zu erhalten und die kommunalen Mandate zu vervielfachen.

Auch die Aufzählung vergangener innerparteilicher Konflikte und einer langen Liste absolvierter politischer Pflichttermine mobilisierte keinerlei Kampfgeist oder politische Leidenschaft. Sein trotzig in Richtung der Autoren des Antrags „Für einen Neustart in Bayern“ gerufene Beschwörung, dass „unsere Partei lebt, mit allem was eine Partei interessant macht“, vermochte auch im eigenen Lager wenig zu überzeugen.

Dem Finanzbericht der Landesschatzmeisterin mussten die Delegierten ohne Vorlage eines Geschäftsberichts folgen. Verantwortlich dafür sei die säumige Buchhaltung einiger Kreisverbände. Dafür informierte sie umfassend über eine Anzeige wegen Veruntreuung gegen den geschäftsführenden Landesvorstand, der zwar nicht die Aufnahme von Ermittlungen, dafür aber ein diffamierendes Medienecho zur Folge hatte. Im anschließenden Bericht der Revision spielt noch einmal der Aufbaufonds zur Unterstützung kleiner Kreisverbände eine Rolle. 10 % des bayerischen Beitragsaufkommens sind für diesen Zweck festgeschrieben.  Die dem Fonds für das Jahr 2011 zustehenden Mittel waren allerdings noch nicht zugegangen..

3Gastredner Ioannis Komianos, Sprecher des Vereins für Fremdenfreundlichkeit, schilderte eindrücklich Verelendung, Hunger und Not unter der griechischen Bevölkerung. Sein Aufruf zur Solidarität mit den Griechinnen und Griechen an die deutschen Gewerkschaften hätten sich viele Delegierte jedoch schärfer gewünscht.

Die Rede der kommissarischen Landessprecherin Anny Heike sollte auf die Wahlen orientieren. Die Linke sei für sie die letzte Partei der „moralischen Instanz“. Genau an dieser Stelle machten spätere Redebeiträge jedoch einen Widerspruch zwischen Reden und Handeln aus, zwischen dem wie nach Außen und nach Innen gehandelt wird. Ihre Aufzählung bekannter Forderungen wirkte fahrig und unstrukturiert.

Lebhafte Aussprache zu den Berichten

Nachdem ein Antrag auf eine zweistündige Debatte zur innerparteilichen Verfasstheit keine Mehrheit gefunden hatte, beschäftigten sich viele Wortbeiträge in der anschließenden Aussprache mit diesem Thema. Hier wurde kam dann auch das Dossier über die sogenannten "Gegenkräfte" zur Sprache. 3Beate Jenkner, Bezirksrätin von Oberbayern,erklärte, der Skandal bestehe nicht darin, dass dieses Dossier in die Medien gelangt sei; der Skandal sei, dass es der Wirklichkeit entspräche. Sie vermisse in den Reden politische Aussagen zu Schlecker und zu Nokia-Siemens, wo der Betriebsrat seine Belegschaft verkauft habe.

Die Münchner Stadträtin Dagmar Henn meinte, Anny Heike habe das Thema ihrer Rede verfehlt. Die Frage, ob denn die in Bayern so wichtige Aufstellung von Direktkandidaten überhaupt noch gewährleistet werden könne, sei nicht angesprochen worden. Weiterhin nannte Henn Demokratie und Bürgerrechte sowie die Frage, wie mit Menschen mit Mitgrationshintergrund umgegangen werde. In den Großständten hätten mittlerweile 50 % der Jugendlichen einen Migrationshintergrund, würden aber bei der Ausbildungsplatzvergabe abgehängt.

Ihre Münchner Kollegin Brigitte Wolf, die eine Kandidatur zur Landessprecherin angekündigt hatte, wollte sich zwar nicht mit anonymen Dossiers beschäftigen, teilte aber auch nicht die Einschätzung des Landessprechers, dass sich der Landesverband nicht in einer schwierigen Lage befände. Sie hoffe auf eine lagerübergreifende Zusammenarbeit bei der Erstellung des Wahlprogramms, allerdings hätte die stundenlange Verzögerung der Konstituierung durch die geheime Wahl der Kommissionen ihrem Optimismus einen Dämpfer versetzt, so Wolf.

Alles für das Zentrum

Heftige Auseinandersetzung provozierte die Beratung über die Finanzordnung und den Finanzplan. Der Kreisverband Nürnberg/Fürth hatte beantragt, die Beitrageinnahmen neu aufzuteilen. Nunmehr sollten 50 % an den Landesverband fließen und 50 % bei den Kreisen verbleiben. Nach der alten Regelung, die auch einen Aufbaufonds für kleine Kreisverbände enthielt, standen den den kleinen Kreisen etwas über 70 % der Beitragseinnahmen zur Verfügung. Zum Ausgleich der Beitragsverluste will der Landesvorstand projektbezogene Förderung auf Antragsbasis anbieten, sowie eine Reisekostenübernahmeregelung auf Landesebene beschließen.

Da nicht alle Delegierten der kleinen Kreisverbände anwesend waren und zudem die traditionelle Unterstützung durch die Stimmen des Jugendverbandes fehlten, erhielt die Neuregelung eine Mehrheit. Damit wurde den Kreisverbänden ein großes Stück ihrer Autonomie genommen und sie drohen zur Finanzierung ihrer politischen Aktivitäten in die Abhängigkeit des Landesvorstands zu geraten. Schon in der Vergangenheit hat der Landesvorstand in Fragen der finanziellen Unterstützung im einen Falle sehr großzügig unterstützt und im anderen dem Kreis das Konto gesperrt, wobei Vorwürfe, dies beruhe auf der jeweiligen Lagerzugehörigkeit des Kreisverbands, regelmäßig die Folge waren..

Es wurde aus den Reihen der Kreisverbände immer wieder behauptet, dass mit der verspäteten Auszahlung der Beitragsanteile der Landesverband seine Liquidität sicherstellen würde. Der Landesverband war bereits einmal von der Revision angewiesen worden, die Mittel des Aufbaufonds auf einem separaten Konto zu sichern. Die Beitragsanteile des Jahres 2011 wurden bis zum Parteitag nicht dorthin überwiesen. Mit den Mehrheiten des 6. Landesparteitages gelang es dem Landesvorstand nun, diesen Aufbaufonds in seine Verfügungsgewalt zu bringen.

75 % der aufgelaufenen Mittel in Höhe von ca. 60.000 Euro sollen für den Kommunalwahlkampf zurückgestellt werden und werden dann nach den Prioritäten der Landesvorstandsmehrheit ausgegeben. 25 % darf der Landesvorstand sofort seinem Haushalt zuführen. Lediglich ein Antrag aus Augsburg, der die Landesschatzmeisterei zwingt, den Kreisverbänden vierteljährlich einen Finanzstatus des Landesverbands vorzulegen, hatte Erfolg. Damit können die Kreise jetzt immerhin nachvollziehen, wofür der Landesvorstand ihre Mittel verwendet. Traditionell tut er dies überwiegend für Personal, dessen Reisekosten sowie die laufenden Kosten seiner Büros in Nürnberg und München. Im Vergleich der Anteile gibt die bayerische Linke weniger Geld für politische Arbeit aus, als beispielsweise die CSU.

Autokratisches Haushaltsrecht

Anonym blieb zunächst der Antragsteller eines Ersetzungsantrages zum Entwurf des Haushaltsplanes 2012 durch die Versammlung der Kreisschatzmeister_innen, den Landesfinanzrat. Dieser Antrag war erst einen Tag vor dem Landesparteitag an die Kreisverbände gemailt worden und sorgte für wütenden Protest einiger Delegierter, die sich davon überfahren fühlten und nun keine Möglichkeit mehr sahen, dort per Antrag einzugreifen. Der Antrag, der zwei neue befristete Personalstellen vorsah, fand aber auch Befürworter. So setzte sich die ehemalige Landesschatzmeisterin Gilberte Lebien-Schachner in einem Redebeitrag dafür ein.

Das Verfahren provozierte insbesondere das scheidende Landesvorstandsmitglied Mario Simeunovic. In einem wütenden Redebeitrag warf er der Landesgeschäftsstelle vor, ein Anschreiben des Bundesschatzmeisters an den Landesvorstand nicht an diesen weitergeleitet und auch den Ersetzungsantrag dem Landesvorstand nicht zum Beschluss vorgelegt zu haben. Hintergrund bildete ein Reise des Landessprechers mit dem Landesgeschäftsführer. Aus dem Schreiben wie aus dem beigefügten Gesprächsprotokoll gehe hervor, so Simeunovic, dass dem Bundesschatzmeister vorgespiegelt worden war, der Landesvorstand wünsche sich eine 50/50 Beitragsaufteilung im Landesverband. Dem Landesvorstand wiederum war auf seiner nachfolgenden Sitzung von Sprecher und Geschäftsführer berichtet worden, der Bundesschatzmeister mache die Gewährung von zusätzlichen Wahlkampfmitteln von einer 50/50 Regelung abhängig.

Der Landesgeschäftsführer Klaus Bruno Engelhardt erklärte dazu, es handle sich vermutlich um eine Nachlässigkeit des Bundesschatzmeisters, dass im Anschreiben der Landesvorstand genannt sei und nicht der Landesparteitag.

Noch auf dem Landesparteitag hatte der Landessprecher erläutert, diese zusätzlichen Mittel sollten den Landesverband "personell in die Lage versetzen, die anstehenden Aufgaben zu bewältigen". Simeunovic verlas daraufhin ein Zitat aus dem Gesprächsprotokoll, welches genau diese Aussage widerlegte. Es werde weder eine 50/50 Beitragsaufteilung noch die Verwendung der gewährten Zuschüsse für Personal verlangt, erklärte Simeunovic weiter, sondern die Aufbringung eines Eigenanteils ebenso wie die Mittelverwendung in das Ermessen des Landesverbandes gestellt.

Den Regensburger Stadtrat Richard Spieß, der das Schreiben an 19.4. erhalten hatte, veranlasste der Vorgang zu einem Initiativantrag, welcher den Landessprecher aufforderte, zu erklären, ob der Landesgeschäftsführer in dieser Angelegenheit auf seine Anweisung hin gehandelt hätte, und wegen seines Umgangs mit Informationen auf jede Kandidatur für Ämter auf dem LPT zu verzichten  Wegen seines Initiativantrags war Spieß am Rande des Parteitags von Klaus Ernst lautstark attackiert worden. Den Delegierten, die zuvor schon der neuen 50/50 Beitragsaufteilung zugestimmt hatten, bereiteten das Verfahren jedoch keine Probleme. Sie lehnten den Initiativantrag ab. Von einer Kommunalpolitikerin war zu hören, sie hoffe, dass niemand aus diesem Delegiertenkreis einmal in ein Kommunalparlament gerate und sich dort in gleicher Weise irreführen lasse.

Soziale Frage? Aber nicht innerhalb der Linken!

7Der Leitantrag des Landesvorstands wie die Reden der geschäftsführenden Landesvorstände boten wenig inhaltliche Orientierung. Er fußt im wesentlichen auf einem älteren Parteitagsantrag des Münchner Kreisverbands, der eine Reihe allgemeiner politischer Themen vorgab. Spezielle landespolitische Impulse suchten interessierte Genossen_innen vergebens.

Wie weit sich die Partei von ihrer sozialen Basis entfernt hat, war an den eher kleinen Begehren von Delegierten abzulesen. Ein Appell einer Genossin  richtet sich an die Parteitagsorganisation und bat darum, zukünftig körperbehinderte Genoss_innen nicht in Jugendherbergen mit Stockbetten unterzubringen.
Einem dringenden Änderungsantrag der LAG Hartz IV zur Bereitstellung von 750 Euro Fahrtkostenvorschuss für die Finanzierung entsprach der Parteitag nicht. Die Erklärung der antragstellenden Genossin, der Sprecher_innenrat sei nicht in der Lage, die Fahrtkosten zu seinen Treffen zu finanzieren, geschweige nur die Kosten dafür vorzustrecken, rührte die Delegierten nicht. Ein Angebot aus dem geschäftsführenden Vorstand, diese Kosten ins den Haushaltsplan aufzunehmen, blieb aus.

Mit gehangen, mit gefangen

Arbeitspolitische Antragsbegehren hatten ebenfalls einen schweren Stand. So konnte sich der Parteitag werde auf eine 12 Euro noch auf eine 15 Euro Mindestlohnforderung einigen. Stattdessen wurde von Vertreter_innen des Gewerkschaftsflügels die Kopplung des Mindestlohns an den Durchschnittsverdienst betont. 60 % des Durchschnittslohns markieren gegenwärtig die Armutsgrenze. Zur Vermeidung eines ständigen Anpassungszwangs sollte ihrer Meinung nach diese Grenze den Maßstab für den Mindestlohn bilden. Wie eine solche Armutslohnforderungen der Öffentlichkeit auf Plakaten und Flugschriften präsentiert werden kann, hatte wohl niemand im Blick.

Ein Gegenredner gegen den Mindestlohnantrag betonte, dass eine Verkäuferin oder eine Friseurin nicht den gleichen Mindestlohn erwarten könne, wie ein Holzarbeiter mit einer dreijährigen Ausbildung. Dass auch die Verkäuferin und die Friseurin eine dreijährige Lehre absolvieren muss, war ihm wohl nicht bekannt. Die Mehrheit für einen Antrag für 35 Stunden Wochenarbeitszeit konnte erst nach Auszählung festgestellt werden.
Viele Sozialist_innen hatten für den Inhalt so mancher Wortbeiträge nur noch ein Kopfschütteln übrig. Wie ein anti-kapitalistisches Parteiprogramm aussehen soll, wenn es als unschicklich empfunden wird, egalitäre Forderungen aufzustellen, mag sich manche_r gefragt haben.

Bildung und Inklusion

Einem ausgeprägten Drang zur sprachlichen Vereinfachung wäre fast die Forderung nach umfassender Inklusion zum Opfer gefallen. Vorstandsmitglied Anny Heike bemühte sich, auf Zuruf eine „Übersetzung“ dieses Begriffs in einen Antrag einfließen zu lassen. Sie bot abwechselnd die Ersetzung durch Gerechtigkeit oder Teilhabe an. Erst lautstarke Zwischenrufe von Bezirksrätin Beate Jenkner, Stadträtin Dagmar Henn sowie Kreissprecherin Lili Schlumberger konnten den drohenden Regressionsanfall verhindern.
Heike zog auch die Kritik der Pädagogin und Regensburger Stadträtin Irmgard Freihoffer zu. Sie verwahrte sich auch gegen das Bild der menschlichen Deformation und Unterdrückung im bayerischen Schulsystem, welches Anny Heike in ihrer Rede im Block „Die Linke vor den Wahlen 2013/2014“ gezeichnet hatte. Sie bestätigte, dass das System zwar weiterhin hoch selektiv sei, eine solche Beschreibung jedoch nicht mehr mit der Realität an den bayerischen Schulen in Einklang zu bringen sei.

Das Unvermögen des Landesparteitags, sich bei verschieden Anträgen kritisch zur Komplizenschaft deutscher Einheitsgewerkschaften mit dem deutschen Kapital zu positionieren, muss als nachhaltiges strategische Hemmnis der überfälligen Ausprägung einer wahrnehmbaren, solidarischen wie internationalistischen antikapitalistischen Position betrachtet werden.

Alle Satzungsanträge wurden an den nächsten Landesparteitag verwiesen. Die Entmachtung des Landesfinanzrates, die Aberkennung der LAG Delegierten und ein Änderungsvorschlag, welcher den Landesvorstand zusätzlich zu Parteivorstand und Kreisvorstand ein Zuständigkeit für Ein- und Austritte zuweisen wollte, konnten somit nicht mehr behandelt werden.

Der neue Landesvorstand

5Landessprecher Xaver Merk erzielte mit 66 % Zustimmung ein bescheidenes Wahlergebnis. der Abgeordneten Eva Bulling-Schröter setzte sich 57 % im ersten Wahlgang gegen Dr. Martina Tiedens und Stadträtin Brigitte Wolf durch (wohlgemerkt, auf einem Landesparteitag ohne Jugendverbandsdelegierte!). Als Indikator für den Klimawandel im bayerischen Landesverband mag gelten, dass zwei Kandidaten der LAG queer erst auf die allgemeine Frage nach LAG Mitgliedschaften ihre Mitgliedschaft bekannt gaben. Immerhin gelang einem Mitglied von queer dennoch der Einzug. Der Frage nach der Position der Kandidat_innen zum Stimmrecht für LAGs auf Landesparteitagen wurde hingegen weitgehend ausgewichen.
Unklar blieb, ob der gelungene Versuch, per Schiedsantrag die Delegierten des Jugendverbands aus dem Parteitag zu kegeln, mit einem Sitz im Landesvorstand belohnt wurde.

Das neue Personal im Landesvorstand kann überwiegend als unerfahren bis unbedarft eingestuft werden. Einzig der neue Landesschatzmeister Hermann Ruttmann saß bereits gemeinsam mit MdB Bulling-Schröter im Landesvorstand. Er präsentierte sich bei seiner Kandidaturvorstellung mit markigen Worten: „Wir haben einige Schatzmeister, die ihre Unterlagen nicht pünktlich abgeben. Ich halte das für parteischädigend.“ Im selben Atemzug offenbarte er sich als Freund administrativen Eingriffe des Landesvorstands in die Finanzverwaltung der Kreise. Der dafür aufbrandende Beifall bewies, dass selbst viele Delegierten keinerlei Wahrnehmung für die strukturellen Probleme im Landesverband haben.

Mitglieder der AKL im alten Landesvorstand hatten sich bis zum Parteitag eine erneute Kandidatur offen gehalten. Nachdem alle Anträge, die einen konkreten Prozess zur Öffnung und Demokratisierung der Parteistrukturen zum Gegenstand hatten, abgewiesen wurden, gab es wohl keine Bereitschaft mehr, weiterhin am landespolitischen Katzentisch Platz zu nehmen. Angesichts erkennbarer konzeptioneller und handwerklicher Schwächen des neuen Gremiums, sei ein Handel im Sinne der Erledigung ehrenamtlicher organisatorischer und konzeptioneller Aufgaben im Tausch gegen eine Finanzierung ambitionierter, politischer Projekte inakzeptabel, hieß es am Rande des Parteitags.

Den Vertreter_innen dieser Minderheitsfraktion im Landesvorstand war in Konfliktsituation der Vergangenheit immer vorgehalten worden, die politische Arbeit zu blockieren und die Organisation zu stören. Diese Mär sei auch regelmäßig Gegenstand eines diffamierenden Mundfunks innerhalb des Landesverbandes gewesen, der für die AKL Mitglieder eine lagerübergreifende politische Zusammenarbeit unmöglich gemacht habe. Nunmehr bleibe lediglich noch die Rolle des Prügelknaben für die zu erwartenden Wahlniederlagen übrig.

Kein Licht am Ende des Tunnels

6Der Landesverband habe zu jedem Zeitpunkt seiner Geschichte die Gelegenheit gehabt, sich für die Stärkung und verantwortliche Einbindung der Mitgliederbasis sowie die Priorisierung themen- und projektorientierter politischer Arbeit zu entscheiden. Die Weichen seien aber letztmals mit diesem Parteitag in Richtung Abkopplung und Stärkung eines bürokratischen Zentrums gestellt worden. Dieses Zentrum wäre aber schon immer und werde auch in der Zukunft mit der flächendeckenden Verankerung linker Landes- und Kommunalpolitik in Bayern überfordert sein, vermutet Mario Simeunovic.

Entgegen der einhelligen Einschätzung der bayerischen Parteiführung, verliefen die Hauptkonfliktlinie im Landesverband nicht entlang politischer Positionen von Strömungen, sondern entzündeten sich regelmäßig an der Frage der Kontrolle über die Ressourcen der Partei. Die Unabhängigkeit der bayerischen Kreise habe auf dem sechsten Parteitag einen schweren Schlag erhalten. Welchen Einfluss dies auf die Präsenz der Partei in der Fläche haben wird, bleibe abzuwarten.

Auch wenn es gelänge, die programmatischen landespolitischen Lücken zu schließen, was im neuen Vorstand einzig Stadträtin Wolf zuzutrauen sei, werde ein umfassendes Mitglieder Beiteiligungs- und Integrationsmodell wie bei den Piraten kaum mehr adaptierbar sein. Im übrigen sei Wolf auf den erweiterten Vorstand verwiesen und damit deutlich gemacht worden, dass auch ihr notwendige Ressourcen nur gnadenhalber zur Verfügung stehen werden.

Insgesamt bleibe Die Linke eine Partei erkennbar traditionellen Typs, geprägt von der Organisationserfahrung ihre gewerkschaftlichen und vormals sozialdemokratischen Mitglieder. Er habe jedoch in seinen nunmehr 18 Jahren Exil in Bayern gelernt, dass die Opposition hier widerspenstig, kreativ, originell und unkonventionell, mit einem ausgeprägten Hang zur Anarchie sei. Das sei mitunter anstrengend, aber auch äußerst erfrischend, belebend und imprägniere nachhaltig gegen lähmenden Biedersinn.
Diese Lebhaftigkeit sei aber in der bayerischen Linken kaum mehr zu finden und würde dort auch nicht vermisst. Er befürchte, dass Erscheinungsbild und Habitus der Partei nunmehr nur noch eine Klientel ansprächen, welche schon in den letzten Jahren unverrückbar in der Sozialdemokratie einbetoniert geblieben sei. Attraktive Begrüßungsgeschenke habe die Linke jedoch nicht mehr anzubieten, weshalb der materiell orientierte Teil dieser Gruppe sich nunmehr den Piraten zuwenden werde. Diese besäßen gegenwärtig noch hohe strukturelle Hürden gegen solche Beutegemeinschaften, dies müsse aber nicht so bleiben.

Videoclips der Redebeiträge sind im Internet zu finden, unter
http://www.youtube.com/playlist?list=PLFC75664CCDA0555D