1Russisches Internet-Portal Rosbalt.ru zu den Erkenntnissen des ukrainischen Genetikers Wjatscheslaw Konowalow

Wohl kaum ein Ereignis hat das Leben des Kiewer Genetik-Wissenschaftlers Professor Wjatscheslaw Konowalow so nachhaltig verändert wie die Katastrophe von Tschernobyl. Oftmals gegen den Widerstand der Behörden geht er beharrlich der Frage nach, wie die Katastrophe von Tschernobyl auf die Biosphäre wirkt und wirken wird.
Konowalow, der kurz nach Tschernobyl als Professor für Landwirtschaft nach Schitomir, einer Stadt, die unmittelbar von der Strahlung von Tschernobyl betroffen war, versetzt worden war, hatte dort als Wissenschaftler zusammen mit seinen Studenten eine Ausstellung von toten Tieren mit Mutationen zusammengestellt, die alle nach Tschernobyl geboren wurden. Auch wenn die Behörden mit dem Professor nicht zusammenarbeiteten, wurde er heimlich von zahlreichen Mitarbeitern der Partei, des KGB und der Miliz unterstützt. Leider wurde seine Ausstellung inzwischen zerstört, so dass nur noch Ausstellungsphotos im Kiewer Tschernobyl-Museum zu besichtigen sind.

Für seine Forschungen hatte der Genetiker Drosophila-Fliegen gezüchtet, die für die Untersuchungen in Luft aus der Umgebung von Tschernobyl lebten. Diese Fliegen zeugen in einem Jahr 42 Generationen. Der Mensch braucht hierzu 800 Jahre. Er führte den Fliegen außerdem Wodka und Kaffee zu, ließe sie unter städtischen Bedingungen mit Autoabgasen und anderen Giften leben. Bereits in der dritten Generation ist es zu Missbildungen gekommen, einigen Fliegen fehlten Klauen, anderen die Flügel, wieder andere hatten farblose Augen. Für den Wissenschaftler wurde klar, dass vor allem die Kombination von radioaktiver Strahlung und anderen Umweltbelastungen schädlich sei. Nach der Katastrophe habe die Zahl der Missbildungen um das Doppelte oder gar Dreifache zugenommen. Dies lege den Schluss nahe, dass auch niedrige Dosen von Strahlung ihre Spuren in der DNS hinterlegen würden.

Normalerweise, so der Genetiker, wiesen 10% der weiblichen Eizellen Anomalien auf. Nach der Katastrophe von Tschernobyl sei diese Zahl bei den Frauen in den betroffenen Gebieten auf 20% angestiegen. Vor der Katastrophe von 1986 seien 10% aller Paare in der Ukraine kinderlos geblieben, inzwischen seien es 22%. In der Ukraine, so Konowalow, seien bei 25% der Neugeborenen Anomalien feststellbar. Weltweit liege diese Zahl bei 8%.
Konowalow ist im Besitz eines Photos des Radiologie-Professors Anatolij Boloch. Auf diesem finden sich seltsame Tannen. Anderthalb Meter über der Erde seien diese kahl und knotenförmig, die Nadeln weiter oben seien hell und doppelt so lang wie bei den üblichen Tannen. Auf einem anderen Photo von Professor Boloch sei eine Linde abgebildet, deren Blätter so groß sind, dass man mit jedem einzelnen ein Schulheft abdecken könnte, so Konowalow.

In der Ukraine, so Konowalow, gehe man immer mehr dazu über, die zunächst evakuierten Gebiete wieder neu zu besiedeln. Wenn man schon meine, dies unbedingt tun zu müssen, so der Wissenschaftler, solle man sich doch an die nach Tschernobyl angelegten Karten halten, in denen genau festgehalten sei, welche Landschaftsflecken besonders radioaktiv verstrahlt seien und zumindest diese Flächen nicht besiedeln.

Konowalow lässt sich in seinen Arbeiten nicht beirren. Den genetischen Gesetzen folgend sei in der dritten Generation ein Peak der Mutationen zu erwarten. In 10-15 Jahren kommen die Enkel der Menschen zur Welt, die durch den Reaktorunfall verstrahlt wurden. Bei diesen seien Störungen der Fortpflanzungsfähigkeit zu erwarten, nicht heraustretende Hoden, ein zusammenklebender Anus, Seh- und Hörstörungen, so der Wissenschaftler.

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Dieser Artikel ist weitgehend die Übersetzung eines russischen Artikels von „Rosbalt.ru“ vom 15. Mai 2012. Das russische Original findet sich hier:
http://www.rosbalt.ru/ukraina/2012/05/15/981283.html