Russische MenschenrechtlerInnen sind wütend auf ihre Justiz. Obwohl die Beweise erdrückend sind, dass mitten in Moskau ein Dutzend Migranten aus Zentralasien mehrere Jahre wie Sklaven in einem Geschäft im Moskauer Stadtteil Goljanowo arbeiten mussten, zeigt Russlands Justiz wenig Interesse an einer Aufklärung und strafrechtlichen Verfolgung des Verbrechens an den MigrantInnen. Ein für den 27. Dezember angesetzter Gerichtstermin war geplatzt, weil der zuständige Ermittlungsbeamte einfach nicht erschienen war.

Anfang November hatten russische Aktivisten in einer Aufsehen erregenden Aktion im Herzen Moskaus ein Dutzend Migranten aus Zentralasien, unter ihnen auch drei Kinder, aus den Händen des Geschäftes „Produkty“ im Stadtteil Goljanowo befreien können. Dort waren die AsiatInnen mehrere Jahre wie Sklaven festgehalten worden waren. In Keller dieses Geschäftes mitten in Moskau im Bezirk Goljanowo bis zu zehn Jahre wie Sklaven festgehalten, erniedrigt, zu sexuellen Diensten gezwungen worden. Zuvor hatten die Besitzer des Geschäftes ihnen die Pässe abgenommen, ihnen unter Androhung von Gewalt verboten, auf die Straße zu gehen. Unter den

Opfern war auch Bakija Kasimowa. Sie hatte im Keller des Geschäftes zwei Kinder auf die Welt gebracht. Die Tochter hatte ihr die Besitzerin des Geschäftes entrissen und nach Kasachstan gebracht, wo sie wenig später unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen ist. Der inzwischen 5-jährige Sohn von Kasimowa kann kaum laufen und sprechen. Dies berichtet die russische Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina vom „Komitee Bürgerbeteiligung“.

 

Russische Polizei, Ermittlungs- und Migrationsbehörden spielen in diesem Fall eine merkwürdige Rolle, bieten den MigrantInnen allen Grund, die Behörden nicht weniger zu fürchten als die Besitzerin des Geschäftes. Nachdem es zwei Frauen in den vergangenen Jahren gelungen war, ihren Peinigern zu entkommen und sich an die Polizei zu wenden, hatte diese nichts besseres zu tun, als die Frauen wieder in das Geschäft, in dem sie misshandelt und sexuell ausgebeutet wurden, zurückzuschicken. Unter den Männern, die die eingesperrten Frauen über Jahre sexuell missbraucht hatten, seien auch Polizisten gewesen, berichtet Swetlana Gannuschkina.

Doch obwohl die russischen Medien breit über diesen Fall berichtet hatten, seien die Strafverfolgungsbehörden weitgehend untätig geblieben, klagt Swetlana Gannuschkina von „Memorial“ und „Komitee Bürgerbeteiligung“ in einer Erklärung von „Memorial“. Die Besitzerin des Geschäftes „Produkty“, Schansulu Istanbekowa, in der die AsiatInnen zur Arbeit gezwungen worden waren, könne sich frei bewegen. Nur einmal sei Istanbekowa verhört worden, als Zeugin.

„Memorial“ und das „Komitee Bürgerbeteiligung“ verfügen über weitere Informationen, die belegen, dass der Einsatz von Arbeitssklaven im Geschäft „Produkty“ in Goljanowo bei weitem nicht der einzige Ort sei, wo Migranten als Sklaven eingesetzt werden. Auch in anderen Geschäften in Moskau, die Istanbekowa gehören, würde derartiges geschehen, so die Menschenrechtler.

Bereits Anfang November hatte das Außenministerium Kasachstans erklärt, man kenne zahlreiche Fälle von kasachischen Staatsbürgern, die zur Zwangsarbeit ins Ausland verschleppt worden seien. In Kasachstan und Usbekistan wurde im Dezember wegen der Zwangsarbeit im Geschäft von Frau Istanbekowa bereits ein Strafverfahren eingeleitet, sind doch die Betroffenen Bürger dieser beiden zentralasiatischen Republiken.

Nicht so in Russland, wo das Verbrechen seinen Lauf genommen hatte. Zwar war nach Bekanntwerden der Vorwürfe Anfang November ein Strafverfahren wegen Freiheitsberaubung eingeleitet worden, doch nur wenig später hatte die zuständige Staatsanwaltschaft die Einleitung des Strafverfahrens wieder aufgehoben, da die Ergebnisse der Ermittlungsbehörden, so die Staatsanwaltschaft, wenig überzeugend seien.

Bakija Kasimowa, die Mutter des 5-jährigen Baurschan Kasimow, will nicht aufgeben: „Ich werde solange in Russland bleiben, bis die Wahrheit bekannt ist. Erst wenn die Schuldigen bestraft sind, werde ich Russland verlassen. Bis dahin werde ich kämpfen.“

Derzeit werden die befreiten AsiatInnen von den Menschenrechtsorganisationen „Komitee Bürgerbeteiligung“ und „Memorial“ betreut, die Anwälte mit dem Mandat der Migranten betrauten, Unterkunft und Verpflegung bereitstellen. Der nächste Gerichtstermin ist für den 14. Januar angesetzt.

Bernhard Clasen

Quelle des Fotos: "Komitee Bürgerbeteiligung" Moskau - Bildunterschrift: Nach jahrelanger Zwangsarbeit und Gdwalt endlich frei: Migrantinnen aus Zentralasien in Moskau