Es war Krieg und (fast) alle gingen hin

Das Jahr 2014 hatte noch gar nicht angefangen, da „gedachte“ ja „feierte“ man den Beginn des ersten Weltkriegs in jenen Medien, die die Druckerschwärze wert sind, mit der sie dafür sorgen, dass Berta von Suttners Feststellung: „Keinem vernünftigen Menschen wird es einfallen, Tintenflecken mit Tinte, Ölflecken mit Öl wegwaschen zu wollen. Nur Blut soll immer wieder mit Blut abgewaschen werden.“ in Vergessenheit geriet.

Manchmal wird Statistik, die Zeugnis ablegen soll, nicht interpretierbar. Zwei Pistolenschüsse töteten den  österr. Thronfolger und seine Frau Sophie am 28. Juli 1914. Am Ende des Weltkriegs 1918, verkündete die Statistik unter anderem:

*30 Kilometer lang war ein deutsches Armeekorps, wenn es in Bewegung war.
*70 000 000 Soldaten kämpften – das waren mehr Menschen als heute in Großbritannien und  
Irland leben.
*35% aller deutschen Männer, die bei Kriegsausbruch zwischen 19 und 22 Jahre alt waren,
starben im 1. Weltkrieg
* 9 500 000  Soldaten ließen im 1. Weltkrieg ihr Leben – das ist die Bevölkerung von ganz
Schweden!
* Zwischen 12 und 13 Millionen Zivilisten starben im 1. Weltkrieg, davon verhungerten allein 
im Deutschen Reich 750 000!
* 10 000 deutschen Kirchenglocken wurden eingeschmolzen um daraus Munition
herzustellen!

100 Jahre nach dem 1. Weltkrieg, ein deprimierendes Jubiläum im Jahre 2014. Ursachen, Anlässe, Schuld verschwinden im Wortgeschwurbel einer Jetztzeit, bei der vor allem die
Meinung von Fritz Fischer (5.3.1908 – 1.12.1999), dargestellt in seinem Buch, erschienen im Jahre 1961(!) „Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914–1918“, für seltsamste Diskussionen sorgte und anscheinend noch immer sorgt. Fischer vertrat – ganz anders als die zeitgenössische deutsche Forschungsdiskussion – die These, dass der Erste Weltkrieg durch die imperialistischen Weltmachtsbestrebungen des Deutschen Reiches ausgelöst worden war (Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/1918. Droste, Düsseldorf 1961, S. 97): „Bei der angespannten Weltlage des Jahres 1914, nicht zuletzt als Folge der deutschen Weltpolitik, musste jeder begrenzte (lokale) Krieg in Europa, an dem eine Großmacht beteiligt war, die Gefahr eines allgemeinen Krieges unvermeidbar nahe heranrücken. Da Deutschland den österreichisch-serbischen Krieg gewollt, gewünscht und gedeckt hat, und, im Vertrauen auf die deutsche militärische Überlegenheit, es im Jahre 1914 bewusst auf einen Konflikt mit Russland und Frankreich ankommen ließ, trägt die deutsche Reichsführung einen erheblichen Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des allgemeinen Krieges.“

Karl Kraus ( 28.4.1874 in Jičin/Böhmen;  † 12.6.1936 in Wien) war einer der wichtigsten Schriftsteller des deutschsprachigen Raums zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Kraus bekämpfte die Justiz, deren damalige Richter einen Dieb eines Bagatellbetrages zu Lebenslänglich verurteilten. Er trat für das Recht auf freie Sexualität ein und nahm Prostituierte in Schutz vor Justiz und Doppelmoral.
Sein Hauptwerk ist  das  Drama des Ersten Weltkriegs „Die letzten Tage der Menschheit“.
Es ist die reale und tragische Geschichte dieses ersten totalen Kriegs, ein makabres Wachsfigurenkabinett des Krieges. Zu seinem Drama, im Druck 750 Seiten stark, bemerkt der Autor: „Die Aufführung des Dramas, dessen Umfang noch irdischem Zeitmaß etwa zehn Abende umfassen würde, ist einem Marstheater zugedacht.“  und  „Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden: die grellsten Erfindungen sind Zitate. . . Phrasen stehen auf zwei Beinen — Menschen behielten nur eines.“

Hier eine kurzer Text, als Beispiel, der nach dem „Vorspiel“ folgt
I. Akt
1. Szene
Wien. Ringstraßenkorso. Sirk-Ecke. Etliche Wochen später. Fahnen an den Häusern. Vorbeimarschierende Soldaten werden bejubelt. Allgemeine Erregung. Es bilden sich Gruppen.
Ein Wiener (hält von einer Bank eine Ansprache): – denn wir mußten die Manen des ermordeten Thronfolgers befolgen, da hats keine Spompanadeln geben – darum, Mitbürger, sage ich auch – wie ein Mann wollen wir uns mit fliehenden Fahnen an das Vaterland anschließen in dera großen Zeit! Sind wir doch umgerungen von lauter Feinden! Mir führn einen heilinger Verteilungskrieg führn mir! Also bitte – schaun Sie auf unsere Braven, die was dem Feind jetzt ihnere Stirne bieten, ungeachtet, schaun S' wie s' da draußen stehn vor dem Feind, weil sie das Vaterland rufen tut, und dementsprechend trotzen s' der Unbildung jeglicher Witterung – draußen stehn s', da schaun S' Ihner s' an! Und darum sage ich auch – es ist die Pflicht eines jedermann, der ein Mitbürger sein will, stantape Schulter an Schulter sein Scherflein beizutrageen. Dementsprechend!-Da heißt es, sich ein Beispiel nehmen, jawoohl! Und darum sage ich auch – ein jeder von euch soll zusammenstehn wie ein Mann! Daß sie 's nur hören die Feind, es ist ein heilinger Verteilungskrieg was mir führn! Wiar ein Phönix stema da, den s' nicht durchbrechen wern, dementsprechend – mir san mir und Österreich wird auferstehn wie ein Phallanx ausm Weltbrand sag ich! Die Sache für die wir ausgezogen wurden, ist eine gerechte, da gibts keine Würschteln, und darum sage ich auch, Serbien – muß sterbien!

Stimmen aus der Menge: Bravo! So ist es! – Serbien muß sterbien! – Ob's da wüll oder net! – Hoch! – A jeder muß sterbien!
Einer aus der Menge: Und a jeder Ruß –
Ein Anderer (brüllend): – ein Genuß!
Ein Dritter: An Stuß! (Gelächter.)
Ein Vierter: An Schuß!
Alle: So is! An Schuß! Bravo!
Der Zweite: Und a jeder Franzos?
Der Dritte: A Roß! (Gelächter.)
Der Vierte: An Stoß!
Alle: Bravo! An Stoß! So is!
Der Dritte: Und a jeder Tritt – na, jeder Britt!?
Der Vierte: An Tritt!
Alle. Sehr guat! An Britt für jeden Tritt! Bravo!
Ein Bettelbub: Gott strafe England!
Stimmen: Er strafe es! Nieda mit England!
Ein Mädchen: Der Poldl hat mir das Beuschl von an Serben versprochen! Ich hab das hineingeben in die Reichspost!
Eine Stimme: Hoch Reichspost! Unser christliches Tagblaad!
Ein anderes Mädchen: Bitte, ich habs auch hineingeben, mir will der Ferdl die Nierndln von an Russn mitbringen!
Die Menge: Her darmit!

Am 7.4.1917 stellte Hugo Ball, der große dadaistische Dichter, bei einem Vortrag in Zürich fest: „Der Mensch verlor sein himmlisches Gesicht, wurde Materie, Konglomerat, Tier, Wahnsinnsprodukt abrupt und unzulänglich zuckender Gedanken. Die Welt wurde monströs, unheimlich, das Vernunft-  und  Konventionsverhältnis, der Maßstab schwand. Und als ein weiteres Element traf zerstörend, bedrohend. mit dem verzweifelten Suchen nach einer Neuordnung der in Trümmer gegangenen Welt zusammen: die Massenkultur der modernen Großstadt. Komplektisch drängten die Gedanken und Wahrnehmungen auf die Gehirne ein, symphonisch die Gefühle. Maschinen entstanden und traten anstelle der Individuen. Eine Welt abstrakter Dämonen verschlang die Einzeläußerung, verzehrte die individuellen Gesichter in turmhohen Masken, verschlang den Privatausdruck, raubte den Namen der Einzeldinge, zerstörte das ich und schwenkte Meere von ineinandergestürzten Gefühlen gegeneinander.“

Doch der Protest gegen diesen Krieg war kaum les- und hörbar. Patriotismus und Nationalismus bestimmten die Inhalte. In ausverkauften  Kriegsliederabenden  unterhielt sich das Bürgertum und viele Dichter, meist in der Etappe beschäftigt, arbeiteten an schrecklichsten Feindbildern. Fritz Mautner heute geschätzt als sprachkritischer Denker: „Wer stirbt, stirbt nicht mehr sich selber“ ehrt er den toten Soldaten als den „besseren“ Menschen  und „Erst müssen wir als ein Ganzes, als ein Volk leben, erst müssen wir dieses Volkslebens sicher sein, bevor der Einzelne wieder beschaulich zur Friedensphilosophie zurückkehren darf.“ Hermann Hesse, der Gefühlsduseleiwortakrobat schreibt, aus der sicheren Schweiz: “Ich fühle mich ganz für Deutschland und begreife den dort herrschenden, alles andere überwältigenden Geist von Nationalismus durchaus…“ Im September 1914 veröffentlichen 93 deutsche Künstler, Wissenschaftler und Schriftsteller ein hetzerisches, den Krieg glorifizierendes „ Manifest der 93“ darin heißt es u.a.:" Es ist nicht wahr, dass Deutschland diesen Krieg verschuldet hat. Weder das Volk hat ihn gewollt noch die Regierung noch der Kaiser. Von deutscher Seite ist das Äußerste geschehen, ihn abzuwenden. Dafür liegen der Welt die urkundlichen Beweise vor. Oft genug hat Wilhelm II. in  den 26 Jahren seiner Regierung sich als Schirmherr des Weltfriedens erwiesen; oft genug haben selbst unsere Gegner dies anerkannt. Ja, dieser nämliche Kaiser, den sie jetzt einen Attila zu nennen wagen, ist jahrzehntelang wegen seiner unerschütterlichen Friedensliebe von ihnen verspottet worden. Erst als eine schon lange an den Grenzen lauernde Übermacht von drei Seiten über unser Volk herfiel, hat es sich erhoben wie ein Mann.“
Erich Mühsam blieb, bis auf eine Ausnahme ( siehe Tagebuch Ausgabe Verbrecher Verlag, Band 3 Seite 140 letzter Absatz) bei Kriegsbeginn, konsequenter Gegner dieses Krieges. Er gehörte zu einer Minderheit die in dieser  „großen Zeit“ kein Gehör bekam.
Die Waffen sprachen und entsprechend den Mordwerkzeugen sprachen die Dichter mit. Dies war der schlimmste Niedergang der europäischen Geistesgeschichte. Carl Sternheim, Satiriker, war 1914 für Hass und Blutrausch. Carl Zuckmayer empfand diesen Krieg als „Wollust“. Rilke und Hofmannsthal  kämpften per Lyrik oder bejubelten die Rüstung. Alfred Kerr reimte 1914 gegen Churchills England – „Hunde dringen ein ins Haus –/ Peitscht sie raus!“ –,  zwei Jahrzehnte später fand Kerr in  England politisches Asyl.
Lassen wir den großen von vielen vergessenen Dichter Georg Trakl zu Wort kommen:

GRODEK

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunklen Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre,
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

Trakl schrieb dieses Gedicht 1914 während der  Schlacht zwischen Russen und Österreicher, welche für die Österreicher in einer verheerenden Niederlage endete. Trakl hatte  als Medikamentenakzessist in einer Scheune 90 Schwerverletzte seiner Division zu versorgen. 
Trakl konnte kaum helfen. Medikamente fehlten und er erlebte Operationen und Amputationen, die meist ohne Narkose durchgeführt wurden.

„Grodek“ war Trakls letztes und berühmtestes Gedicht, er verübte wenige Tage später am 4.November 1914 in einem Feldlazarett in Krakau mit einer Überdosis Kokain Selbstmord (Todesursache: Herzlähmung).

Im Buch von Hans Weigel, Walter Lukan, Max D. Peyfuss:
„Jeder Schuss ein Ruß – jeder Stoß ein Franzos. Literarische und graphische Kriegspropaganda in Deutschland und Österreich 1914-1918“ aus dem Jahre 1984
werden die Bildpostkarten jener „großen Zeit“ dokumentiert und kommentiert. Die Karikaturen des Ruß, dem jeder Schuss gilt, gleichen aufs Haar den bolschewistischen Untermenschen-Karikaturen der Nazis nach 1941. Die Zeichnungen montenegrinischer Potentaten findet man später auch im„Stürmer“.Der  Journalist Willy Haas, erkannte: durch die Bildpostkarten des Wilhelminismus erkennt man „die trüben Umrisse Adolf Hitlers“.Hitlers Drittes Reich wurde im 1. Weltkrieg gezeugt.

Fragen wir uns also, wo finden wir in deutschen und österr. Städten eine Berta v. Suttner Straße?  Die für den Frieden kämpften, ihre Namen findet man selten. Wären Sie Heerführer gewesen, Kriegserklärer wieKaiser  Franz Josef, da gäbe es für sie im repräsentativen städtischen Raum Straßen, Plätze und Kais die nach ihnen benannt wären. Die blutigen Taten eines Radetzkys beenden  in Wien, Jahr für Jahr, jedes Neujahrskonzert. Unter Radetzkys Opfern -  die italienischen Unabhängigkeitskämpfer.


Die Denkmäler die die kaiserlichen Propagandisten zwecks Verherrlichung des Blutvergießens hinterlassen haben und die bis heute nicht entfernt wurden, sollen die in dieser nichtunseren Gesellschaft das Volk davon abhalten, nachzudenken warum es immer  bluten muss wenn es um imperialistische Herrschaftsinteressen geht? Wo leben wir heute? Braucht es die Hindenburgstraßen?  Eine Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche oder die Ludendorffstraßen?
Leben wir in Deutschland und Österreich immer noch in einer krieglüsternen Monarchie mit ihren das Kaiserreich und seinen verherrlichenden Feldherren, die Millionen Tote und Verwüstungen zu verantworten haben?
Wir haben Fragen? Ob die bei diesem „Jubiläum“ beantwortet werden?
Leseempfehlung:

Erich Maria Remarque
Im Westen nichts Neues
Gebundene Ausgabe: 368 Seiten ;Verlag: Kiepenheuer&Witsch (7. November 2013)
ISBN-10: 3462045814  ISBN-13: 978-3462045819

Hans Weigel, Walter Lukan, Max D. Peyfuss:
„Jeder Schuß ein Ruß – jeder Stoß ein Franzos. Literarische und graphische Kriegspropaganda in Deutschland und Österreich 1914-1918“
Edition Christian Brandstätter, Wien 1983; 136 S.

Siegfried Kracauer 
„Ginster „ Taschenbuch
341 Seiten ; Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 1 (17. Februar 2013)
ISBN-10: 3518423533

Karl Kraus
„Die letzten Tage der Menschheit“
Herausgegeben mit einem Nachwort von Franz Schuh
ISBN 978-3-99027-006-6 Erstverkaufstag: 26.2.2014