„Der Euro rollt: Salzburger Festspiele bringen Österreich Milliardengeschäfte“
Jedes Jahr „rollt“ der Euro. Da gibt’s kein Vertun. Das Volk geht „Festspiele schaun“ und die, die noch nie was geleistet haben, sondern sich nur teure Eintrittskarten leisten, um dann irgendwo im gastlichen Salzburg, natürlich mit feinstem Geschmack, die Angebote der für die Festspiele vorbereiteten Speisen und Getränke zu genießen, oder das müde hochkulturvolle Haupt in ein Bett zu plazieren, dass zu Festspielpreisen vermietet wird, die leben gut.   Zur offiziellen Eröffnung am 27.7.2014 haben alle die was zu sagen hatten, den Mund bewegt und von dort, wo jene Menschen arbeiten und leben, denen Salzburg schon lange zu teuer ist kam, organisiert von zwei Gewerkschaften das Motto dieser Festpiele, die in keinemr Oper, in keinem Konzert oder Theaterstück eine Rolle spielt:

SALZBURGER FESTSPIELE  2014
Kultur im Hoch
Gastronomie-Löhne im Keller

Berichten wir doch ein wenig über die Realität:
Die Salzburger Festspiele bringen der  Hotellerie und Gastgewerbe einen Umsatz von  etwa 80 Millionen Euro. Den Profit stecken hauptsächlich Luxushotels und Luxusrestaurants ein. Viele Beschäftigten sehen von diesem Geld wenig. Gastronomie und Hotelgewerbe zählen zu den Niedriglohnsektoren in Salzburg und Österreich. Der durchschnittliche Bruttostundenlohn liegt 38% unter dem österreichischen Durchschnitt. Der Mindestmonatslohn beträgt 1320 Euro. Es ist kaum ein Jahr her da betrug der Mindestlohn gerade mal 1205 Euro. Betroffen sind davon vor allem  Köche/Köchinnen, Küchenhilfen, Rezeptionisten/Rezeptionistinnen.Viele der Beschäftigten sind auf die Trinkgelder während der Festspielzeit angewiesen, um sich einmal Dinge leisten zu können, die nicht mit Wohnen, Essen1 Trinken etc. zu tun haben.
Dies bedeutet, dass sie sich  wenig gegen Respektlosigkeiten, Unhöflichkeiten etc. wehren können. Dieser Zustand ist Untragbar. Es kann nicht sein, dass die Beschäftigten in Gastronomie und Hotellerie auf zufällige Zahlungen von Gästen angewiesen sind, um sich ohne Probleme etwas gönnen zu können.  So haben am 27. Juli 2014 vor den Festsüielhäusern die Beschäftigten gegen ihre Bezahlung protestiert. Auf einem Flugblatt geht man mit jenen, die sich die teuren Preise leisten können sehr höflich um:

„Sehr geehrte Damen und Herren!
Sie sind zu Gast bei den Salzburger Festspielen. Herzlich willkommen, wir freuen uns über Ihr Kommen‘ Sie sichern mit Ihrem Aufenthalt Arbeitsplätze in der Tourismuswirtschaft.
Leider warten die Mitarbeiterinnen des Hotel- und Gastgewerbes, die ganz wesentlich zum Gelingen ihres Urlaubs beitragen, heuer trotz ihres Engagements vergeblich auf eine Lohnerhöhung. Die jährlichen Kollektivvertragsverhandlungen wurden von den Arbeitgebern vor drei Monaten abgebrochen. Sie haben Forderungen erhoben, die die ohnehin schwierigen Arbeitsbedingungen noch einmal massiv verschlechtert hätten, zum Beispiel eine Verkürzung der Nachtruhezeit.
Wir setzen uns für faire Arbeitsbedingungen ein und fordern für die ohnehin nicht privilegierten Tourismus-Beschäftigten einen Mindestlohn von 1.500 Euro brutto (Stundenlohn brutto € 8,70) und ersuchen Sie um Unterstützung.
Sprechen Sie mit Ihrem Gastgeber.
Herzlichen Dank dafür!
Wir wünschen Ihnen einen schönen Aufenthalt!“

Die direkte Wertschöpfung im Tourismusbereich österreichweit allein im Jahre  2012 rund 15 Milliarden Euro (ca. 14% des BIP), die indirekte (und da ist Gastronomie dabei) lag sogar bei über 20 Milliarden. Zugleich zählen Hotellerie und Gastronomie zu den besonders arbeitsintensiven Arbeitsbereichen.

Zu den Arbeitsbedingungen die man den  „Sehr geehrten Damen und Herren“ nicht mitgeteilt hat, gehört, dass die Wochenarbeitszeit bis zu 48 Stunden ausgedehnt werden kann und eine noch längere Arbeitszeit dürfte bei den wenigen Kontrollen auch oft genug zur Regel werden.  In Zeiten erhöhten Arbeitsbedarfes können die Unternehmen sogar bis zu 15 Überstunden pro Woche einfordern, und das ohne besondere Genehmigung. Die wöchentliche Ruhezeit beträgt lediglich 36 Stunden und nicht 2 Tage. Die Überstunden werden nicht ausbezahlt, sondern bestenfalls durch Zeitausgleich abgegolten. Dies geschieht natürlich nicht während der Festspiele, sondern in  weniger
arbeitsintensiven Zeiten. Das bedeutet, dass der in den Überstunden geleistete Arbeitsaufwand im Grunde nicht vollends abgegolten wird.

Gerade während der Festspielzeit sind die Arbeitsbedingungen besonders hart. Freie Wochenenden gibt es währenddessen nicht, ebenso wenig wie Urlaub. Diese Bedingungen sind unzumutbar.

Es bedarf also viel mehr als nur einen lächerlichen BRUTTOstundenlohn von 8,70 € zu fordern, den die Unternehmer des Gastronomie und Hotelbereiches ablehnen.  Wer seine Arbeitskraft zu diesen Bedingungen verkauft und verkaufen muss, lebt an der Armutsgrenze und kann sich bei den Miepreisen in Salzburg kaum eine bezahlbare Unterkunft leisten. So wird irgendwann jener arme Mann der im immer ausverkauften „Jedermann“ eine Rolle spielt, bald nicht mehr im Stück auftreten, weil er weggezogen ist. Das wäre dem gehobenen Bürgertum, das in den meisten Fällen über eine unterirdische Sozialverantwortung verfügt, sehr recht und wenn dann noch die Getreidegasse an die Autobahn angeschlossen worden ist, dürfte eitel Freude in jener Stadt herrschen. Jener Karl Kraus aber, der laut Intendant  Alexander Pereira begeistert wäre, könnte er miterleben, das seine „ Letzten Tage der Menschheit“ bei den Festspielen aufgeführt werden, kann sich nur durch folgende Zeilen zur Wehr setzen:

„Bunte Begebenheiten
Seit jener göttliche Regisseur
dort erschaffen sein Welttheater,
geht in die eigene Kirche nicht mehr
der gute Himmelvater.

Wo er hinblickt, steht ein Dramaturg
und gibt den sakralen Stempel.
Doch was tut Gott? Nicht um die Burg
betritt er mehr diesen Tempel.

Die Plätze gleich vorn beim Hochaltar
sind reserviert für die Fremden,
dort kann man am besten auch sehn, wie der Bahr
wechselt die Büßerhemden.

Und täglich betet ihm nach jeder Schmock,
wenn von Kultur sie schmocken:
Herr, gib uns unser täglich Barock!
Und da läuten die Kirchenglocken.

Mit dem Zirkus ist das Geschäft vorbei,
jedoch mit der Kirche gelungen,
drum gloria in excelsis sei
von der Presse dem Reinhardt gesungen.

Zu dieser Hofmannsthal-Premier'
wallen Büßer von allen Enden,
die Kirche leiht die Kulissen her,
die Presse tut Weihrauch spenden.

Es empfangen die heilige Sensation
aus Wien die Premierenbekannten,
die Pfarrer tun es um Gottes Lohn
und lehren die Komödianten.

Nein, was sich im Sommer in Salzburg tut,
da erblick' ich eine Soutane,
die Sonne brennt und bei dieser Glut
steckt drin, par Dieu, der Kahane.

Mit Zungen reden die Frommen heut
über Gottes und Reinhardts Walten.
Am stärksten wird dieser gebenedeit
von dem ganz inspirierten Salten.

Die Wohlgemuth ward auferweckt,
ein Wunder ohnegleichen;
andere beteten wieder direkt
zur Moissi der Schmerzensreichen.

Die Seele lechzt nach dem Gnadentrunk,
Miserere wird das Geseres,
die Valuta aus tiefster Erniedrigung
ringt nach Hebung des Fremdenverkehres.

Von Calderon ein mystischer Hauch:
man verspricht sich von diesem Genre,
speziell jedoch von Hofmannsthal auch
eine Zugkraft für Amerikaner.

Sich läutern lassen ist ihnen noch neu,
aber gut für die spätere Reise.
Man steht ihnen bei, damit Ehre sei
Gott in der Höhe der Preise.

Und unter heiligem Schütze gedeiht
der Hotel- und Theaterhandel,
man bemerkte u.a. die Persönlichkeit
der Berta Zuckerkandl.

Sie fühlt sich entrückt und von Olbrich erbaut
und da kann man wieder nur sagen,
die Kirche, die selbst das verdaut,
hat einen guten Magen.

Ganz eingeweiht die Monstranz übernahm
Hochwürden die Preßkanaille.
Die Muttergottes dafür bekam
die Tapferkeitsmedaille.

Doch da noch verzückt an der Kirchentür
sie zu Prominenten beten,
entschloß sich der liebe Gott,
eben hier auf der Stelle auszutreten.“
(Aus: Die Fackel Nr. 622- 631 – Juni 1923)

In Salzburg  haben die Festspiele zusätzlich 2,5 Millionen € Zuschuss bekommen, die freie vorhandene Kulturszene aber, die wird vernichtet.
Dieter Braeg