An jedem Werktag, den wir erlebten und noch erleben, erfreut uns die Filiale ARD des Zwangsbeitragsfernsehens - kurz bevor mit der Tagesschau die Welt so erklärt wird, dass bei schwierigerer Lage ein ARD Spezial nötig ist - mit der Sendung „Börse vor 8“. Frau Anja Kohl oder eine andere Moderatorin oder ein Moderator erklärt einer Minderheit von etwa 10 Millionen, die indirekt oder direkt Aktien besitzen, wie es da so läuft:

Da wird VW zum Abgasbetrüger und die Make-Amerika-greater-Tee-Aktie ist im Keller. An der Wallstreet steigen die Kurse höher als das bejubelte Hoch einer Wettervorhersage.

Waren bis auf Karl Marx, John Maynard Keynes und ihre Zeitgenossen „Wirtschaftswissenschaftler“ noch Philosophen und politisch denkende Menschen gewesen, so flüchten sich ihre Epigonen ins Fachidiotentum. Und so bieten Anja Kohl, Markus Grüne, Stefan Wolff, Ellen Frauenknecht, Klaus Rainer Jackisch folgende spannende Themen:

Was treibt den Silberpreis? Wohin steuert unsere Währung? Geld und Ethik - passt das zusammen? Kann Indien China ersetzen? - Die Wirtschaft schwächelt, weil die Kaufkraft-Esel streiken, und wenn nötig wird der Banken-Pleitegeier zum Banken-Retter umfunktioniert.

Wieso gibt es nicht die tägliche Sendung „Arbeit vor 8“? Wo über niedrige Stundenlöhne berichtet wird, Betriebsrats- und Belegschafts-Bashing Thema sind und Leih-, Zeit- und Werkvertragsarbeit kritisiert werden? Wo bleibt der tägliche Bericht über tödliche, schwere Unfälle und gesundheitliche Schäden, die in der Welt des Kapitals stattfinden? Wie wäre es mit etwa folgenden Themen:

Was treibt Herrn Piech? Wer ist Boni-Kaiserin/-Kaiser im Exportweltmeister-Land? Welcher Betrieb ist Umweltverschmutzungs-Sieger?

Da sicherlich mehr Menschen, die die Zwangsgebühren für das Fernsehen zahlen müssen, vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben, stellt sich die Frage: Wieso gibt es für diese Mehrheit nicht „Arbeit vor 8“, sondern Aktienkurs-Geschwafel?

Dieter Braeg