Wie jedes Jahr am österreichischen Nationalfeiertag veranstaltete der KZ Verband Salzburg/Verband der AntifaschistInnen Salzburg am 26.10.2016 die Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus. Am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus AUF DEM Kommunalfriedhof Salzburg, hielt die stellvertretende Obfrau des KZ Verbandes, Christine Steger, folgende

REDE

Die Stadt Salzburg und ihre Gedenkkultur

Sehr geehrte Damen und Herren, geschätzte Anwesende!

Dort, wo die Stadt Politik macht, steht in unmittelbarer Nähe das Mahnmal für die Salzburgerinnen und Salzburger, die im Rahmen der so genannten „NS Euthanasie“ ermordet wurden. In Salzburg kennt dieses Mahnmal fast niemand. Ebenso wenig ist das Antifaschismusmahnmal am Bahnhof der Salzburger Bevölkerung ein Begriff. „Das Auffallendste an Denkmälern ist, dass man sie nicht bemerkt“ hat schon Robert Musil so treffend festgestellt. „Denkmäler scheinen gegen Aufmerksamkeit imprägniert zu sein.“ Diese Bemerkung trifft auf die Denkmäler der Stadt Salzburg im Besonderen zu.
Denn Salzburg hat zahlreiche Denkmäler. Zwei Eigenschaften sind ihnen alle zueigen: Man bemerkt sie nicht, mehr noch, man weiß in der Regel nicht einmal, dass es sie gibt.
Und das zweite: Es war schwierig, in der Stadt einen Standort für sie zu finden. Niemand wollte sie haben.
Bereits kurz nach Kriegsende gab es Überlegungen, ein antifaschistisches Mahnmal zu errichten. Es dauerte jedoch 40 Jahre, bis schlussendlich in der Nähe des Bahnhofvorplatzes das unter Salzburgerinnen und Salzburger liebevoll spöttisch als “Taubenklo” bezeichnete Antifaschismusmahnmal seinem Zweck übergeben wurde.
Auch das Euthanasie-Mahnmal wollte niemand so recht haben. Die Standortsuche dafür hat vieles zutage gefördert, was vermeintlich als lange überwunden galt.
Walter Reschreiter hat in den 80er Jahren die Initiative für dieses Mahnmal gesetzt.
Er fehlt uns in seiner unbeugsamen antifaschistischen Haltung sehr.
Walter hat über die Standortsuche für das Euthanasie-Mahnmal deutliche Worte gefunden: “Eigentlich, interessiert es sie nicht.” hat er gesagt.
Jetzt steht es seit 1991 im Mirabellgarten. Johannes Hofinger dazu: „Seine Entstehungsgeschichte belegt eindrücklich, wie lange nach den Geschehnissen noch immer kein offener, transparenter Umgang mit der Beteiligung von Ärztinnen und Ärzten an der menschenverachtenden Gesundheitspolitik der Nationalsozialisten möglich ist. Der ursprünglich angedachte Ort der Errichtung war das Gelände der damaligen "Landesheilanstalt", der heutigen psychiatrischen Abteilung der Christian-Doppler-Klinik. Die damals zuständige Leitung weigerte sich aber vehement, die Beteiligung und Verbrechen der Ärzteschaft damit zu dokumentieren und der Opfer angemessen zu gedenken.“ Zitat Ende.
Jetzt steht das Mahnmal für die Opfer der systematischen Ermordung von Menschen mit Behinderungen im Kurgarten. Nichts weist auf seinen Zweck hin, keine Informationstafel erklärt die drei Jahreszahlen 1941, 1991 und 2014 - jenem Jahr, wo das Mahnmal durch einen rechten Gewaltakt zerstört wurde.
Es ist also unsichtbar. Es erklärt nichts, es tut nicht weh, es eckt nicht an, es regt nicht auf.
Und nur einen Steinwurf davon entfernt residieren zwei Arbeiten des Nazikünstler Josef Thorak - ebenfalls völlig unkommentiert. Ganz prominent, inmitten des hoch Mirabellgarten. Und fragt man nach dem Grund, erntet man in der Regel ein Schulterzucken.
Erklärbar ist es eigentlich nicht, wie so etwas möglich ist.
“Habt ihr denn keine anderen Probleme?” wird man dann auch manchmal gefragt. Doch doch, die haben wir tatsächlich in dieser Stadt. 200 belastete Straßennamen beispielsweise, wo man auch nicht genau weiß, warum das nicht schon lange bearbeitet ist.
Oder ein Mahnmal für die Bücherverbrennung, das mehr einem Jausenbankerl ähnelt, als einem würdigen Denkmal für die einzige offiziell stattgefundene Bücherverbrennung auf österreichischem Boden.
Warum kaprizieren wir uns eigentlich so auf Denkmäler? Denkmäler geben der Erinnerung Gestalt, ohne die keine offene Gesellschaft sein kann. Darum schmerzt es umso mehr, wenn sie an den Rand gedrängt werden, unsichtbar sind und ihre Ausgestaltung leicht verdaulich ist. Denkmäler müssen wehtun und uns Anregen, zum Denken und zum Handeln.
Und wir, die wir nicht müde werden und nicht aufhören, auf die Ungerechtigkeiten hinzuweisen, wir sind die Lästigen.
Die ewig Gestrigen sind 2018 nicht mehr die Nazis, sondern jene, die konstant und vehement an ihre Verbrechen erinnern, Mahnen und eine angemessene Erinnerungskultur einfordern.
Uns, den KZ-Verband gibt es nun schon seit 70 Jahren. Wir freuen uns über jedes einzelne Mitglied und über jede einzelne hier anwesende Person hier und heute. Und dennoch ist sind wir noch nicht genug.
Es reicht nicht, an bestimmten “Feiertagen” im Jahr betroffen den Kopf zu senken und den Rest des Jahres zu schweigen, durchzutauchen.
Darum möchte ich den heutigen Tag zum Anlass nehmen, einen Appell an Sie alle zu richten:
Bitte schweigen Sie nicht, wenn in deutschen Städten ein marodierender Mob Menschen jagt. Ja, es geht uns an, insbesondere auch hier in Österreich. Für dieses Verhalten gibt es keine legitime Begründung, keine postulierten Zukunftssorgen und Abstiegsängste, keine verfehlte Integrationspolitik kann auch nur im Ansatz dafür verantwortlich gemacht werden, wenn der rechtsradikale Mob inzwischen jeden Freitag zur Menschenjagd ruft.
Das, was in Chemnitz passiert ist und passiert, ist eine Eskalation mit Ansage. Vergangenes Jahr wurden in Deutschland 4 Angriffe auf geflüchtete Menschen oder ihre Unterkünfte pro Tag gezählt.
Bis in die größten und etablierten Medien hinein werden die Angriffe in Chemnitz als “Attacken gegen Ausländer” gerahmt - eine Doppelbödigkeit sondergleichen. Über Staatsbürgerschaft entscheiden nicht die äußersten Rechten. Attackiert wurden “migrantisch aussehende” Personen - was bedeutet, es wird Menschen die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft abgesprochen. Offenbar ist ein Viertel der Deutschen - so viele haben laut statistischem Bundesamt Migrationshintergrund - gar kein Teil der deutschen Bevölkerung, geht es nach dem rechten Mob und vielen konservativen Politikerinnen und Politikern. Wenn von angegriffenen “Ausländern” die Rede ist, dann wird klar, dass eine Ausgrenzung nicht mehr irgendwo an den rechten Rand verortet werden kann, sondern ganz tief in der öffentlichen Wahrnehmung, tief in der Gesellschaft verankert ist.
Wir verzeichnen in Europa den heftigsten Rechtsruck seit Kriegsende. Bis dato habe ich noch keine politisch zündende Strategie erkennen können, die dem etwas entgegen zu setzen hätte. Im Gegenteil: Politische Vertreterinnen und Vertreter schwanken zwischen Bagatellisierung rechter Denkweisen und Verständnis für die “ausgebremsten Verliererinnen und Verlierer” und einer Anpassung ihrer Politik an die “Sorgen des so genannten kleinen Menschen”.
Seit der Wenderegierung von 2000 hat Österreich konsequent auf die Normalisierung rechter Politik im österreichischen Parteienspektrum hingesteuert. Das Ergebnis sehen wir in einer Faschisierung der österreichischen Gesellschaft und einer Etablierung rechter Politik in der Bundesregierung.
Ich appelliere daher an Sie: Schweigen Sie nicht, wenn Politikerinnen und Politiker in ihrer Alltagssprache Naziterminologie verwenden und von “Durchschummeln” sprechen, wenn Menschen gemeint sind, die auf Sozialleistungen aus der Solidargemeinschaft angewiesen sind.
An die Medienvertreterinnen und Medienvertreter unter Ihnen sei ein gesonderter Appell gerichtet:
Es ist Ihre Pflicht, diese spaltende Sprache als solche erkennbar zu machen. Sie können aktiv gegen Faschisierung antreten, in dem sie diese Terminologie in der Alltagssprache der Politik nicht übernehmen- im Gegenteil, Sie müssen deutlich machen, dass hier Schritt für Schritt versucht wird, wieder etwas normal zu machen, dass zur größten Katastrophe der Menschheit geführt hat.
Es sind Menschen, die flüchten, keine “Wellen”, die über das “Abendland” hereinbrechen.
Es ist keine “freiwillige Wirtschaftsmigration”, sondern Flucht.
Es sind Menschen, die Unterstützung aus der Solidargemeinschaft benötigen, keine “Schmarotzer”, “Durchschummler” oder “Minderleister”, die in der “sozialen Hängematte” liegen.
Erliegen Sie nicht der Versuchung, vorgegebene Begriffe einfach in Ihrer Berichterstattung zu übernehmen. Sie schaffen durch Ihre Arbeit Realitäten und leisten der Normalisierung faschistoider und spaltender Terminologie Vorschub und werden so zu Mittäterinnen und Mittätern.
Am Ende möchte ich Caroline Emcke zitieren: “Hass und Ressentiments werden geschürt und normalisiert von vielen, die sich zur bürgerlichen Mitte zählen oder im Parlament sitzen. Es sind Zulieferer des Hasses, die begründen wollen, was sich nicht rechtfertigen lässt: Verachtung für Menschen und den Rechtsstaat.”
Daher bitte ich Sie: Empören Sie sich über die Unmöglichkeiten, die uns jeden Tag präsentiert werden und schweigen Sie nicht. Helfen Sie uns, eine lebendige und aktuelle Gedenkkultur zu pflegen. Kommen Sie zu unseren Veranstaltungen, beteiligen Sie sich bei uns im Verein, werden Sie Mitglied.

No Pasarán!