Am 1. September 2018 stürmte ein Einsatzkommando der türkischen Polizei eine Wohnung in Ankara, um einen Österreicher zu verhaften. Nach tagelagen Verhören wurde er zuerst in ein Gefängnis der Stadt, danach in das Hochsicherheitsgefängnis von Sincan, rund sechzig Kilometer nördlich von Ankara, verlegt. Sein Name ist Max Zirngast, er ist 29 Jahre alt, studierte zuerst in Wien und später in der Türkei und hat sich schon vor Jahren in dieses Land uns seine türkische und kurdische Kultur verschaut.

Er arbeitete als Journalist und berichtete für kleine Zeitungen, Zeitschriften, Netzwerke gleichermaßen mutig wie kundig über die Türkei und deren Umwandlung in einen autoritären Staat sowie über die Lage der
Kurden und den heroischen Kampf kurdischer Truppen gegen die Banden des IS. Dafür und nicht, weil irgendjemand glauben würde, was ihm vorgeworfen wird, landete Max Zirngast in einem selbst für türkische Verhältnisse berüchtigten Kerker.
   Die Verdächtigungen, die gegen ihn erhoben werden, sind die üblichen, und sie werden, wie das ebenfalls üblich ist in Erdogans Türkei, auch geradezu beliebig gewechselt. Abertausende Türken wurden in den letzten Jahren mit der Begründung inhaftiert, es mit der Bewegung des Frömmlers Fethullah Gülen zu halten, aber wenn die Indizien dafür sogar türkischen Staatsanwälten zu schwach erschienen, wurden sie eben der Mitgliedschaft in der kurdischen PKK geziehen. Auch über Zirngast wurde zuerst das Gerücht gestreut, er wäre Mitglied in einem extremistischen Ableger der kommunistischen Partei der Türkei und später, er würde als Sympathisant der kurdischen PKK ein Helfershelfer von Terroristen sein. Wie es eben kommt, bald religiöser Eiferer, bald kommunistischer Türke, bald kurdischer
Terrorist, irgendwas wird schon zur Verurteilung reichen. Die Anschuldigungen gegen den österreichischen Staatsbürger Zirngast haben natürlich einen simplen Grund, herrscht in der Türkei nach der autoritären Wende des Staates doch großer Bedarf an Geiseln, mit denen deren Herkunftsländer erpresst werden sollen.
    In einem Brief, den der Österreichische Journalisten-Club veröffentlichte, klagte Zirngast, den ich persönlich nicht kenne, über die Kälte, den Mangel an Büchern, das Essen im Gefängnis, über, in seinen Worten, „Krämpfe, Durchfall, das ganze Programm eben“. Aber in seinem Brief zeigt er sich auch, ja, als tapferer Mensch, dessen Lebensmut selbst unter so schwierigen Verhältnissen ungebrochen zu sein scheint: „Wenn wir schon aufgrund unse-
rer politischen Ansichten bestraft werden, dann werden wir diese Zeit so produktiv
wie möglich nutzen, uns weiterentwickeln, alles lernen, was wir lernen können, um
gestärkt, gereift, mit mehr Wissen und Fähigkeiten hier rauszukommen.“
   Man hört, dass die österreichische Regierung auf stille Diplomatie setze, und das ist auch gut so. Aber es wäre dennoch verwerflich, wenn wir selbst uns aus der Verantwortung stehlen würden mit der Ausrede, dass die Regierung, an der wir sonst so viel auszusetzen haben, die Dinge schon für uns richten werde. Nein, für Max Zirngast muss sich auch die Gesellschaft, nicht nur der Staat, müssen wir alle uns einsetzen, jeder auf seine Weise
und mit den ihm gebotenen Möglichkeiten - und indem wir alle den Politikern da wie dort zeigen, dass wir unseren jungen Landsmann nicht vergessen, sondern unverzüglich wieder in Freiheit sehen wollen.
   Wir müssen das tun, weil es um sein Leben geht, aber auch um unseretwillen, weil wir uns nicht daran gewöhnen dürfen, dass Leute, die der offiziellen Propaganda widerstehen, dafür ins Gefängnis gesteckt werden, und weil wir nicht resigniert mit den Achseln zucken dürfen, wenn schwer erkämpfte Rechte zuerst verächtlich gemacht und verhöhnt, dann eingeschränkt und endlich einkassiert werden.
   Im Übrigen lässt sich am medialen Schicksal, das Max Zirngast beschieden ist, viel über unsere mediale Gesellschaft lernen. Der Marburger Politologe Axel Gehring, der sich seit Jahren mit der politischen Entwicklung in der Türkei beschäftigt, hat in einem Artikel für die Zeitschrift »Medienrealität« analysiert, wie sich binnen weniger Wochen die Berichterstattung über Zirngast und seine Inhaftierung veränderte. Anfangs war die Empörung groß, selbst Medien aus den USA haben über den jungen Österreicher berichtet und in seinen studentischen Freundeskreisen in Wien an private Informationen über ihn
heranzukommen versucht: Hatte er eine Freundin, mit der man vielleicht eine schöne Liebesgeschichte in düsteren Zeiten erzählen könnte, was hat ihn an der Türkei so fasziniert, dass er Türkisch perfekt erlernte und gar in dieses Land übersiedelte? Es dauerte keine vier Wochen, und der Fall Zirngast gab keine politische Schlagzeile mehr her. Gehring zeigt im
einzelnen, wie viele Zeitungen und TV-Sender des Westens, weil sie sich die Mühe und Kosten der eigenen Recherche ersparen mochten, auf jene Informationen oder besser: Desinformationen zurückgriffen, die von den Abteilungen für Propaganda aus der Türkei in alle Welt verschickt wurden. Nicht dass bei uns alle Wertungen übernommen wurden, mit der die regierungshörige Justiz in der Türkei ihre Nachrichten versehen hat, doch ihre
Sprachregelung findet sich von „Terrorismus“ bis zu „Sympathisantentum“, von
„radikalen Gruppen“ bis zur „Staatsfeindschaft“ in unseren Medien wieder. Aber auch das nicht mehr sehr häufig. Denn Zirngast widerfährt gerade das Schlimmste, was einem politischen Häftling widerfahren kann: Er wird vergessen. Das darf nicht geschehen.
Karl-Markus Gauß

Ich danke Karl-Markus Gauß für die Genehmigung diesen Text, der in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift „Literatur und Kritik“ Heft 529/530 als Editorial veröffentlicht wurde.
Dieter Braeg