Am 20. Juli wird wieder „Gedenken“ stattfinden. Im Benteler Block. Das Erinnern an den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg, er war bis 1942 ein Anhänger Hitlers. Konrad Adenauer äußerte sich verwundert und meinte, am Putschversuch vom 20. Juli 1944 waren offenbar mehr Leute beteiligt, als Deutschland Einwohner habe. Stauffenberg hat die parlamentarische Demokratie verachtet und nach erfolgreichem Attentat wollte er den Krieg, nur gegen die Sowjetunion, fortsetzen! Man leses dazu die Texte des Historikers Thomas Karlauf (Zeitschrift Sinn und Form Heft 4/2018)

 

GEORG ELSER


ERMORDET AM 9. APRIL 1945 im KZ DACHAU


Vorschlag zu einer Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag des Attentats


Feststellung

Am 8. November eines jeden Jahres gibt es nichts zu feiern, und in den Jahren darauf wohl auch nicht und dieses Jahr, 2019 ist es 80 Jahre her! Auf den 9. November, einen Tag später, da werden wir Jahr für Jahr meist wochenlang vorbereitet, da ist deutscher Jubeltag: eine Mauer ging kaputt, die noch heute durch deutsche Schädel geistert, und das Nicht-unser-Deutschland bekommt aus Bundespräsidenten-Mund das gesagt, was sich das Kapital verdiente und verdient. Dabei haben die Jubel-Deutschen einen Mann vergessen, verdrängt und unter jene eingeordnet, die in der Geschichte - immer unter „ferner liefen“ - entweder gar kein Gedenken abbekommen oder in einen Topf mit jenen geworfen werden, derer man am 20. Juli gedenkt.

Ein Beispiel besonderer Würdigung jenes Widerstandes gegen Hitler, der am 20. Juli gefeiert wird - natürlich mit einer Bundesheer-Vereidigungs-Veranstaltung -, ist die Feststellung der Autorin Barbara Koehn („Der deutsche Widerstand gegen Hitler. Eine Würdigung“): „Der Widerstand in Europa wurde meistens von Kommunisten oder Sozialisten organisiert und geleitet. Der deutsche Widerstand dagegen wurde hauptsächlich von Bürgern und Adeligen angeführt.“

Ergebnis nach erfolgreichem 20. Juli-Attentat wäre ein Ständestaat gewesen, der kaum demokratische Grundsätze festgeschrieben hätte - nach Kommentar von Arno Klönne in einem ähnlichen Zusammenhang; nicht zu diesem Buch mit 368 Seiten, in dem sich die Autorin auf 34 (!) Seiten mit dem Widerstand der Arbeiterbewegung gegen Hitlers Verbrechersystem befasst, der von 1933 bis 1945 große Opfer forderte:

    
„Die deutsche Militärkaste als Hort des Widerstands gegen das Hitler-System? Rigoroser lässt sich Geschichte kaum fälschen.“

Anfang September 1939 wurde vom Aktionsausschuss deutscher Sozialdemokraten und Kommunisten ein aus zwei Blättern im Umdruck-Verfahren hergestelltes Flugblatt verbreitet; hier der erste Absatz:

„Deutsches Volk
Der Krieg ist da – von Hitler herbeigeführt!
In der Absicht, der ganzen Welt das nazistische Joch aufzuzwingen und im Interesse des Monopolkapitals, der Krupp, Thyssen, Blohm, Hapag - Helferich und Konsorten hat die Hitlerregierung von 1933 bis heute durch ihre wahnsinnigen, die ganze deutsche Volkswirtschaft zerrüttenden Rüstungen, durch ihr Bündnis mit Mussolini und dem Mikado und durch ihre, bis zuletzt mit Provokationen gegen die Nachbarvölker gespickte Außenpolitik planmäßig auf diesen Krieg hingearbeitet! Die Hitlerregierung allein fällt dieser neue Weltkrieg (denn ein solcher wird es werden) zur Last!“


Hergang

Am 8. November 1939 - das war dem Schreiner Georg Elser bekannt - würde Adolf Hitler, wie jedes Jahr seit 1933, im Münchener Bürgerbräukeller sprechen, weil an diesem Tag im Jahre 1923 der NS-Führer Adolf Hitler im Münchener Bürgerbräukeller die „nationale Revolution“ verkündet hatte. Adolf Hitler erklärte die bayerische und die Reichsregierung für abgesetzt und proklamierte den Marsch auf Berlin. Am folgenden Tag wird der sogenannte Hitler-Putsch von Polizei und Reichswehr an der Feldherrnhalle gewaltsam niedergeschlagen. Hitler wird am 11. November verhaftet.

Georg Elser, geboren am 4. Januar 1903 in Hermaringen/Württemberg, lehnte den Nationalsozialismus seit Bestehen radikal und konsequent ab. Ein „Heil Hitler“ war von ihm als Gruß nie zu hören; auch an den „Gemeinschaftsveranstaltungen“ - als Zuhörer der Hitlerreden, per Rundfunk übertragen - nahm Elser nie teil. Die Verschlechterung der Lebensbedingungen in den ersten Jahren der Naziherrschaft nach 1933, samt der Einschränkung der Freiheitsrechte, war Anlass seiner Gegnerschaft. Elser, der seit Herbst 1938 sehr zielstrebig anfing, seine Tat vorzubereiten, war klar, dass die Hitlerdiktatur in einem Krieg enden würde. Im Verhörprotokoll der Gestapo-Vernehmung am 21.11.1938 in Berlin ist nachzulesen:

„Soeben fällt mir noch ein, dass ich nach der Besichtigung des Saales des Bürgerbräukellers noch feststellen konnte, dass der Saal in keiner Weise bewacht war, dass keine Kontrolle vorhanden war und dass jedermann ohne weiteres zu diesem Saal Zutritt erlangen konnte.
Nach 2 oder 3 Tagen habe ich mir während der Freizeit überlegt, an welcher Stelle des Saales etwas zu machen ist. Auf Grund der Saalbesichtigung hielt ich diesen für einen Anschlag auf die Führung als geeignet. Ich kam damals zu dem festen Entschluss, das Attentat dort zur Ausführung zu bringen. Über die Art der Durchführung habe ich mir zu dieser Zeit noch keine Gedanken gemacht.

In den folgenden Wochen hatte ich mir dann langsam im Kopf zurechtgelegt, dass es am besten sei, Sprengstoff in jene bestimmte Säule hinter dem Rednerpodium zu packen und diesen Sprengstoff durch irgendeine Vorrichtung zur richtigen Zeit zur Entzündung zu bringen. Wie dieser Entzündungsapparat aussehen müsste, darüber war ich mir damals noch nicht im Klaren. Die Säule habe ich mir deshalb gewählt, weil die bei einer Explosion umherfliegenden Stücke die Leute am und um das Rednerpult treffen mussten. Außerdem dachte ich auch schon daran, dass vielleicht die Decke einstürzen könnte. Welche Personen allerdings um das Rednerpult bei der Veranstaltung sitzen, wusste ich nicht. Ich wusste aber, dass H i t l e r spricht und nahm an, dass in seiner nächsten Nähe die Führung sitze.“

Georg Elser beginnt im Herbst 1938 mit seinen Vorbereitungen in der Heidenheimer Armaturenfabrik. Wo er arbeitete, konnte er sich 250 Presspulverstücke beschaffen, die er zunächst in seiner Wohnung versteckt. Er beginnt Pläne für den Sprengkörper zu zeichnen und konstruiert einen Zündmechanismus, der ein Zeitzünder mit zwei Uhrwerken ist. Auch über Möglichkeiten einer Flucht in die Schweiz macht er sich Gedanken. Im April des Jahres 1939 fährt Elser nach München und erkundet die Lage im Bürgerbräukeller; er versucht dort angestellt zu werden - das gelingt nicht.

An seinem Arbeitsplatz im Königsbronner Steinbruch „organisiert“ Elser 100 Sprengpatronen und 125 Sprengkapseln. Nach einem Arbeitsunfall lebt er ab August 1939 in München (ab September in der Türkenstraße 94). Unbemerkt bereitet er in 30 Nächten (während der Schließzeit des Bürgerbräukellers) die Säule über Hitlers Rednerpult für den Anschlag vor.
Elser hat die meisten Bestandteile seines Sprengkörpers selbst hergestellt. In der Nacht vom 2. auf den 3. November 1939 wird der Sprengkörper in der ausgehöhlten Säule platziert. Den restlichen Hohlraum verfüllt er mit weiterem Sprengstoff und Pulver.  Den Zündmechanismus, bestehend aus zwei Uhrwerken, der sehr kompliziert war, stellt Elser am Morgen des 6. November ein. Zündzeitpunkt - 21.20 Uhr! In der Nacht vom 7. auf den 8. November überprüft Georg Elser noch einmal den Zeitzünder und verlässt München.
Hitler wollte ursprünglich wegen des bevorstehenden Angriffs deutscher Truppen im Westen auf seine übliche Festrede zum Putschjahrestag nicht selbst reden. Sein Stellvertreter Rudolf Hess war vorgesehen. Kurzfristig änderte er seine Meinung. Die Rede ist nur kurz, was völlig unüblich war, und um 21.07 verlässt Adolf Hitler die Veranstaltung, weil er rasch zurück nach Berlin will. Die Bombe explodiert gegen 21.20 Uhr. Die Säule ist zerstört, die Saaldecke herabgestürzt, und wäre Hitler am Rednerpult gestanden, wäre er getötet worden. So gibt es acht Tote (alte Kämpfer) und über 60 Verletzte.

Ermordung

„Angesichts der mageren Untersuchungsergebnisse und des Mangels an Beweisen für die voreilige Behauptung, ausländische Geheimdienste steckten hinter dem Attentat, verzichtete man während des Krieges auf einen großen Prozess gegen Elser. Als im Frühjahr 1945 das Ende des Reiches nahe war, holte Gestapo-Chef Heinrich Müller - über Himmler - Hitlers Entscheidung „wegen unseres besonderen Schutzhäftlings ´Eller´“ ein, unter welchem Decknamen Elser festgehalten wurde.

Am 5. April 1945 schrieb er an den Lagerkommandanten von Dachau, SS-Obersturmbannführer Weiter: „Bei einem der nächsten Terrorangriffe auf München bzw. auf die Umgebung von Dachau ist angeblich ´Eller´ tödlich [sic] verunglückt. Ich bitte, zu diesem Zweck Eller in absolut unauffälliger Weise nach Eintritt einer solchen Situation zu liquidieren ... Die Vollzugsanzeige hierüber würde dann etwa an mich lauten: Am … anlässlich des Terrorangriffs auf ... wurde u. a. der Schutzhäftling ´Eller´ tödlich verletzt.“ (Aus: Widerstand - Staatsstreich - Attentat. Der Kampf der Opposition gegen Hitler. Piper Verlag, München, S. 305 f.)

Am 9.4.1945 wurde Elser im KZ Dachau ermordet.


Nachschlag

Erst im Jahre 1989, am 9. November, wird im neuen Kulturzentrum Gasteig an jener Stelle, an der sich die Säule mit dem Sprengkörper befunden hat, eine Gedenktafel eingeweiht:
 
„An dieser Stelle im ehemaligen Bürgerbräukeller versuchte der Schreiner Johann Georg Elser am 8. November 1939 ein Attentat auf Adolf Hitler. Er wollte damit dem Terror-Regime der Nationalsozialisten ein Ende setzen. Das Vorhaben scheiterte. Johann Georg Elser wurde nach 5 1/2  Jahren Haft am
9. April 1945 im Konzentrationslager Dachau ermordet.“

Der Hitler-Stalin-Pakt führte dazu, dass die Kommunisten Georg Elser gerne jene Beschuldigung vorhielten, deren Quelle Otto Strasser (Führer der Schwarzen Front - Oppositionsbewegung früherer Nationalsozialisten) war, der in einem Buch eidesstattlich versicherte, Georg Elser sei SS-Unterscharführer. Schäbig war, was Martin Niemöller am 17. Januar 1946 vor Studenten in Göttingen erklärte: „In Sachsenhausen und Dachau habe ich in demselben Zellenbau zusammengesessen mit dem Mann, der 1939 das Attentat im Bürgerbräukeller auf Hitlers persönlichen Befehl durchzuführen hatte: Dem SS-Unterscharführer Georg Elser. Mit diesem Mann sollte ein zweiter Reichstagsbrandprozess durchgeführt werden.“

Elsers Mutter Maria antwortet auf diese Vorwürfe: „Mein Sohn war bis zu seiner Festnahme November 39 nicht bei der SS, noch viel weniger SS-Scharführer. Davon weiß ich nichts …“
Niemöller legt nach, obwohl er nur Lagerklatsch und NS-Propaganda nachbetet. Elsers Mutter: „…Das alles ist nicht wahr, er war bis zu seiner Festnahme 1939 in keiner Formation im Hitler-Regime. Das ganze Dorf (Königsbronn) kann es bezeugen … Einer, der nicht mehr am Leben ist, kann sich nicht mehr verteidigen. Da kann man ruhig noch mehr auf ihn abladen.“

Noch 1971, nachdem Anton Hoch und Lothar Gruchmann grundlegende Quellen und Erkenntnisse zu Georg Elser vorlegten, behauptet Niemöller, nie an das Attentat geglaubt zu haben. „Meine Theorie: Das ´Attentat´ war eine Dichtung, mit der man den Kampfeswillen des deutschen Volkes nach Ende des ´Polenfeldzugs´ neu anheizen wollte …“

Georg Elser, der Arbeiter - in den 90er-Jahren schrieb Rolf Hochhuth in einem Gedicht:
„Noch fünfzig Jahre nennt kein Lexikon den Namen Elser; nennt keine deutsche Stadt, nicht eine, nennt nur sein Heimatdorf nach Johann Georg Elser eine Straße.“ Heute, 2009, gibt es leider nur 34 Straßen, Wege und Plätze, die nach Georg Elser benannt sind.

Erinnern wir uns also am 8.11.2018 an Georg Elsers mutige Tat. Er wollte den Krieg verhindern, den Verbrecher Hitler in die Luft bomben - vielleicht waren ihm Berta von Suttners Zeilen ein Leitbild:

„Wer die Opfer nicht schreien hören, nicht zucken sehen kann, dem es aber, sobald er außer Seh- und Hörweite, gleichgültig ist, dass es schreit und zuckt, der hat wohl Nerven, aber – Herz hat er nicht.
Keinem vernünftigen Menschen wird es einfallen, Tintenflecken mit Tinte, Ölflecken mit Öl wegwaschen zu wollen. Nur Blut soll immer wieder mit Blut abgewaschen werden.“

Schluss mit dieser ErinnerungsGedenkheuchelei am 20. Juli!



Dieter Braeg


Literatur-Empfehlungen

Autobiografisches:


Johann Georg Elser: Autobiografie eines Attentäters. Der Anschlag auf Hitler im Bürger Bräu 1939. Hrsg. von Lothar Gruchmann. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1989 [1970], ISBN 3-421-06519-5 (Aussage zum Sprengstoffanschlag im Bürgerbräukeller München, am 8. November 1939).


Monografien:


Anton Hoch, Lothar Gruchmann: Georg Elser: Der Attentäter aus dem Volke. Der Anschlag auf Hitler im Münchener Bürger Bräu 1939. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-596-23485-9.


Hellmut G. Haasis: „Den Hitler jag’ ich in die Luft.” Der Attentäter Georg Elser. Eine Biografie. Edition Nautilus, Hamburg 2009, ISBN 978-3-894016-06-7.


Peter-Paul Zahl: Johann Georg Elser. Ein deutsches Drama. Trotzdem-Verlag, Grafenau 1996, ISBN 3-922209-99-8.


Helmut Ortner: Der Attentäter. Georg Elser - der Mann, der Hitler töten wollte. Klöpfer & Meyer, Tübingen 1999, ISBN 3-931402-50-9.


Peter Steinbach, Johannes Tuchel: Georg Elser. Bebra-Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-937233-53-6.