Die deutsche Sozialdemokratie passte sich zu Anfang des letzten Jahrhunderts der Expansionspolitik der herrschenden Klassen des Kaiserreichs mehr und mehr an, und schließlich ließ sie sich auch in deren Kriegskurs einbinden. Aus der Opposition gegen den Krieg und gegen die reformistische Anpassung der Sozialdemokratie ist in Generalstreiks und revolutionären Kämpfen die deutsche kommunistische Bewegung entstanden. Als Antwort auf die Verhältnisse in einem entwickelten Industrieland betonte sie die Eigenständigkeit der Massenbewegungen in Richtung zu einer demokratischen Machtergreifung und Machtausübung der Arbeiterklasse, und stand damit in diametralem Gegensatz zu der in Russland zur Macht gelangten hierarchischen Organisationsweise. Der deutsche Kommunismus scheiterte an der revolutionären Ungeduld und Empörung der radikalisierten Minderheit der  Arbeiterschaft und an seiner Blendung durch das siegreiche russische Beispiel – die für Deutschland angemessene Vorgehensweise zur Überzeugung der Mehrheit konnte nur in kurzen Episoden zum Tragen kommen. Die regierende Sozialdemokratie setzte den überwunden geglaubten Militarismus zur blutigen Niederschlagung der revolutionären Ansätze ein und vertiefte damit die Kluft zwischen den beiden Arbeiterparteien.

Vom 16. bis 20. Dezember 1918 trafen sich im Ber­liner Abgeordnetenhaus Delegierte aller deut­schen Arbeiter- und Soldatenräte erstmals zu einem Kongress. Nach dem Sturz des Kaisertums am 9. No­vember 1918 lag die Zukunft der deutschen Republik in den Händen dieses „Reichsrätekongresses“. Ob Rä­tesystem oder Nationalversammlung, baldige Wahlen oder Konsolidierung der Revolution, Volksheer oder Reichswehr, Sozialisierung oder Marktwirtschaft: die Entscheidungen der Delegierten konnten kaum weit­reichender sein. Sie lösten große Erwartungen und heftige Verbitterung aus. Es ging um Sein oder Nicht­sein der „Sozialistischen Republik Deutschland“.


Zum 100. Jahrestag liegt dieses Schlüsseldokument zur Geburt der Weimarer Republik erstmals nicht mehr in Fraktur, sondern in lateinischen Lettern vor. Herausgegeben von Dieter Braeg und Ralf Hofrogge. Es ist damit zugänglich für eine neue Generation von Leserinnen und Lesern - eine unentbehrliche Ressour­ce für Studium, Forschung, Lehre und Unterricht.


618 Seiten. ISBN 978-3-98119243-6-7   20.--€


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Neulich morgens
(also wirklich allerhand)
Klingelt es bei mir
An der Wohnungstür.
Draußen steht das Vaterland.

Und es bittet mich
Um eine milde Gabe.
Oder ob ich
Gar nichts für es übrig habe?

Paragraph fünf, Absatz eins des Grundgesetzes lautet: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“ Am Freitag den 29.September 2018 sollte die Oktoberausgabe der linken Monatszeitschrift „konkret“ erscheinen. Im Bahnhofskiosk in Bad Reichenhall, wo, wie in allen anderen Bahnhofsbuchhandlungen, ‚Nationalzeitung‘ und ‚Junge Freiheit‘, immer gut sichtbar angeboten werden, fand ich die neue Ausgabe von „konkret“ nicht. Meine Frage, warum die Zeitung nicht da sei, wurde von einem Verkäufer wie folgt beantwortet: “Rechtsanwälte des Vertriebs haben uns verboten, die Zeitung zu verkaufen“. Auf meine Frage, warum? „Das ist eine Nazizeitung“!

Zu dieser Broschüre
Der G-20-Gipfel, der am 7. und 8. Juli 2017 in Hamburg stattfand, war für die Politik dieser nicht-unseren Gesellschaft ein Übungsfeld, bei dem die Reprä¬sentanten der 20 Industrie- und Schwellenländer sich von 23 000 Polizistin¬nen und Polizisten schützen ließen, während das Volk jene Kultur vorgeführt bekam, die das Ziel nicht nur dieses Gipfels war, das Heinz R. Unger in sei-nem Gedicht „Wer schreibt Geschichte?“ in der letzten Strophe sehr genau feststellte:
„Wenn wir so vieles nicht erfahren sollen,
wer hat Interesse daran, dass wir es nicht wissen?
Wenn so vieles nicht in den Lehrbüchern steht,
wer will, dass es nicht gelehrt wird?“
Was da am 15.7.1927 in Wien geschah, ist vorher in ähnlicher Form immer wieder ein Teil jener Geschichte, die möglichst selten in Erinnerung gerufen wird. Gustav Noskes Wüten am Beginn der Weimarer Republik, das Blutbad, in dem eine Münchner Räterepublik erstickt wurde, oder – schon nach dem Massaker um den Justizpalastbrand 1927 – der Altonaer Blutsonntag im Jahre 1932: „Die Polizei griff ein, doch sie war zahlenmäßig weit unterlegen. Trotz ihrer Bemühungen, die beiden Lager aus KPD und NSDAP voneinander zu trennen, eskalierte die Situation. Für ein paar Stunden herrschte auf Altonas Straßen Bürgerkrieg. Überall wurde geschossen, geschrien, geprügelt. Voller Panik feuerten Polizisten auf alles, was sich bewegte. 5 000 Kugeln sollen ge¬flogen sein. Zwei SA-Männer und 16 Unbeteiligte kamen ums Leben.“
Folge war damals die Absetzung der preußischen Regierung durch den rechtskonservativen Reichskanzler Franz von Papen; sie war auch für Alto¬na zuständig, weil sie die öffentliche Ordnung nicht aufrechterhalten könne. Diese öffentliche Ordnung, die immer dann in Gefahr ist, wenn jene, die zwar wählen aber nicht abwählen dürfen, mit dem was die Politik tut, nicht einver¬standen sind. Ruhe ist der Bürgerin und Bürger erste Pflicht. Und ist sie, die Ruhe, in Gefahr, wird geschossen – früher öfters schärfer, heute noch nicht. Aber das kann sich, beim Erstarken jener, die keine Scheu haben, das Wort „entsorgen“ mit Menschen in Verbindung zu bringen, sehr rasch ändern.

„Ich lebe zu einsam, um einsam zu sein. Aber von Goethe möchte ich nichts geschrieben haben. Schon deshalb nicht, weil ich ihn dann mit dem teutschen Professorendreckgeschwerl und alten übrigen Hakenkreuzler gemein hätte, die alle die Dummheit gepachtet und keine zwanzig Zeilen in ihrem Leben schreiben, ohne sich auf ihn zu berufen. Ihn zu zitieren. Wo nimmt die Bande nur die Frechheit her, vom Großen Hellenen zu quitschen.“
In seiner gänzlich eigenen Interpretation der deutschen Rechtschrei¬bung rechnet fakob Haringer 1928 in dem Text „Leichenhaus der Literatur oder über Goethe“ mit dem Literaturbetrieb ab.
Die in diesem Buch veröffentlichten Gedichte und Texte wollen den Dichter Jakob Haringer ein wenig jener Vergessenheit entreißen, die dem von Bestsellerlisten und Einschaltquoten getriebenen Literaturbetrieb eigen ist, in dem kaum Zeit bleibt sich um in Vergessenheit geratene Werke zu bemühen. Haringers „Räubermärchen“ passt mit seiner bei¬ßenden Kritik an Hierarchie und Bürokratie auch in die heutige Zeit. Seine nach 1933 in verschiedenen österreichischen Zeitungen und Zeit¬schriften abgedruckten Texte („Ich, der Kater Josef Mayer“, „Der Affe als Heiratsvermittler“, „Nekrolog auf die arme Dienstmagd Leopoldine Weiss“, „Die Heimkehr“ und „Der Bürger von Russo“) zeigen, wie sehr er ein Schreibender war, was er sah, was er empfand, wie er lebte und erlebte. Seine Begegnungen mit den Menschen und Gegenden, vor allem im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet, finden sich in vielen Gedichten wieder. Salzburg, Bad Reichenhall oder Wien werden durch ihn in einer Weise lebendig, die mitunter an Georg Trakl und seinen Text
„Über die Liebe zu Büchern“ erinnert In einer Zeit, die den Untergang der gedruckten Magie verkündet, ist er heute aktueller denn je.
Peter Härtling schrieb im März 1962 in der Zeitschrift Der Monat: „Die Pilger wie die Gaukler werden gern vergessen, wenn sie das Nichts erreicht haben. Ihre Gestalt geht auf ins Unsichtbare, nach dem sie sich gesehnt haben. Was sie zurückließen, das sollte gepflegt werden. Es ist eine Form des Gedenkens, die am Ende Freude macht. Und Jakob Haringer war der letzte deutsche Dichter, der sich von dem unerreichbaren Bild der Blauen Blume verneigte.“
Im Jahre 1988 erschien, herausgegeben von Hildemar Holl, die 206 Seiten starke Sammlung ausgewählter Lyrik, Prosa und Briefe Jakob Haringers mit dem Titel „Aber der Herzens verbrannten Mühle tröstet ein Vers“ im österreichischen Residenz Verlag. Anlass war wohl auch der Beschluss des Salzburger Gemeinderates, eine Straße nach dem in Vergessenheit geratenen Dichter zu benennen. Nach 30 Jahren ist es nun abermals an der Zeit an diesen Dichter, der im Grenzgebiet Bad Reichen- hall-Salzburg viele Jahre lebte und dichtete und dabei Freundschaften wie Feindschaften pflegte, zu erinnern. Neben einer Auswahl seiner Prosa und Dichtung werden wir uns auf die Suche nach Zeugen und Bekundungen seines Lebens und seines Lebenswandels begeben, die es uns erlauben, einen tieferen Blick in diese Dichterseele zu werfen.
Die der eigentlich harmlosen „Teppichschmuggelaffäre“ entsprungenen Aktenberge sind dabei ebenso Auskunftsquelle über Person und Denkart des Dichters wie bisher unveröffentlichte Gutachten und Briefe von Förde¬rern. Darunter etwa Alfred Döblin, der Haringer als einen der „genialsten

Die Freiheit der Kunst ist nicht nur ein Satz im Gesetz. Die Kunst muss sich diese Freiheit immer wieder neu erkämpfen und sich gegen alle Versuche der Vereinnahmung erwehren. Ganz aktuell erleben wir eine kontinuierliche Vereinnahmung durch neue rechte politische Strömungen; im Zentrum steht der Begriff der „Identität“, der sich vor allem über eine kulturel¬le Identität definiert. Eine „Leitkultur“ wird politisch gefordert - ein Kulturkatalog, der die Identität der Gesellschaft beschreiben soll, der als Mittel der Tren-nung gebraucht wird, um zu entscheiden, wer dazuge¬hören darf und wer nicht.
Künstlerinnen und kulturelle Institutionen spielen in diesem Prozess logischerweise eine zentrale Rolle. Denn wenn es darum geht, ein hermetisches Bild einer Nation oder eines Volkes zu legitimieren, kann man an der Kultur nicht vorbei.

Salzburger Sommernacht

Hoch droben matt glimmernder Sternenschein
In den Kastanien knattert der Wind.
Nun streicht er sachte zum Fenster herein
Und feinstaubt meine Wange ganz lind.

Süßschmachtende Düfte wogen weich
Herüber vom Mönchsberghang;
Doch meine Seele alkoholvoll und reich
Sehnt sich nach Jedermannklang

Die Salzburger Sommernacht,
Zieht jauchzend den Sternen zu
Und in einem Rathauszimmerlein
Bringt man die freie Kultur zur Ruh.

 

Von

WÖRTERN&

SPAREN

WEIHNACHTEN

Markt und Straßen sind verlassen
Strom zu teuer für das Haus
Ich geh nicht mehr durch die Gassen
Alles sieht so Scheiße aus

Aus den Fenstern lehnen Frauen
Hartz IV Gesichter ungeschmückt
Millionen Kindern steh’n und schauen,
nur der Hunger sie beglückt.

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