1Ein Film des Regisseurs Ulrich Aschenbrenner erinnert an einen armenisch-aserbaidschanischen Dorftausch im Karabach-Konflikt

Die Zeichen standen auf Krieg und Vertreibung, als sich 1988 und 1989 Armenier und Aserbaidschaner in pogromartigen Kämpfen zu Dutzenden töteten. Die Opfer waren in der Regel Angehörige der Minderheiten: Aserbaidschaner in Armenien und Armenier in Aserbaidschan. In der Folge flohen hunderttausende von Armeniern aus Aserbaidschan und Aserbaidschanern aus Armenien, wo sie Generationen zuvor gelebt hatten. Der Hass im ersten Krieg am Ende der Sowjetunion schien beide Völker vollständig erfasst zu haben.

Völlig ausgeblendet von der Kriegsberichtserstattung waren jedoch zwei kleine Dörfer: das in Armenien liegende aserbaidschanische Dorf Kyzyl-Schafag und das in Aserbaidschan befindliche armenische Kerkendsch. Die Bewohner von Kyzyl-Schafag und Kerkendsch hatten das gleiche Problem: sie gehörten der in ihrem Land verhassten Minderheit an und wussten, dass sie ihre Heimat wie hundert tausende andere in den nächsten Monaten verlassen mussten, wollten sie eine Deportation oder gar ihren gewaltsamen Tod vermeiden. In langwierigen Verhandlungen vereinbarten die beiden Dörfer schließlich ihren Tausch, versprachen sich, die Gräber der Vorfahren der bisherigen Dorfbevölkerung zu ehren und brachten sich so gegenseitig in Sicherheit.

Spätestens am 23. November 1988 war den Bewohnern des in Armenien gelegenen aserbaidschanischen Dorfes Kyzyl-Schafag klar geworden, dass nichts mehr so bleiben würde, wie es war. An diesem Tag war ein Dorfbewohner von einer armenischen Menschenmenge auf deren Rückweg von einer Demonstration für die Unabhängigkeit von Karabach ermordet worden. Im Kyzyl-Schafag hatte man begriffen, dass die Pogromstimmung immer mehr um sich griff und niemand mehr für die Sicherheit der aserbaidschanischen Minderheit in Armenien garantieren konnte. Gerüchte über einen bevorstehenden Angriff von Armeniern auf das Dorf und die am Dorf vorbeiziehenden aserbaidschanischen Flüchtlinge, die sich von Armenien nach Georgien in Sicherheit brachten, heizten die Panikstimmung in der Dorfbevölkerung weiter an.

Auch in dem in Aserbaidschan gelegenen armenischen Dorf Kerkendsch spürten die Menschen, dass das friedliche Leben vorbei war. Einer von ihnen war bei den Pogromen von Sumgait von einer aserbaidschanischen Menge gelyncht worden, in der Dorfbevölkerung machten Gerüchte von einem bevorstehenden aserbaidschanischen Angriff auf das Dorf die Runde. Ende 1988 hatten die meisten Armenier Aserbaidschan verlassen. So reifte auch hier der Entschluss, als gesamtes Dorf in Armenien oder Russland eine kompakte Bleibe zu suchen.
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Die Idee vom Dörfertausch

In dieser Zeit hatten sich beide Dörfer, ohne zunächst voneinander zu wissen, entschieden, auf der anderen Seite ein Dorf zu suchen, mit dem man tauschen könnte.
Nach einer Bürgerversammlung in Kerkendsch organisierte die Dorfgemeinschaft Fahrten von Gesandten nach Armenien, wo diese ein aserbaidschanisches Dorf finden sollten, dessen Bevölkerung zum Dorftausch bereit sei.
Eines Tages, als die Delegation erfolglos von einer Fahrt nach Armenien zurückgekehrt war, wurde sie am Dorfeingang bereits von einer aserbaidschanischen Delegation aus Armenien erwartet. Man sei gekommen, weil man auf der Suche nach einem armenischen Partnerdorf in Aserbaidschan für einen Dorftausch sei, erklärten die Aserbaidschaner den Armeniern von Kerkendsch. Darauf wurden die vier aserbaidschanischen Delegationsmitglieder sofort in das Dorf eingeladen, wo sie die nächsten Tage in armenischen Familien wohnten. Nach mehrtägigen Gesprächen luden die Aserbaidschaner ihre armenischen Gastgeber in ihr Dorf, Kyzyl-Schafag, nach Armenien ein. Gemeinsam machte man sich auf den 400 Kilometer langen Weg nach Armenien, wo die Verhandlungen fortgeführt wurden. Und es gab viel zu besprechen, viele Hindernisse galt es, aus dem Weg zu räumen. Für beide Seiten wichtigster Verhandlungspunkt war die Fürsorge um die Gräber der Vorfahren. Man wollte sich sicher sein, dass nach dem Tausch für die zurückgebliebenen Gräber weiter gesorgt werde. „Wir werden Eure Gräber bewahren und ihr die unseren“ vereinbarten die Dörfer. Und beide Seiten wussten, dass man nur durch die Grabpflege der anderen den guten Zustand der eigenen Gräber sicherstellen konnte. In der Folgezeit organisierten in beiden Dörfern eigens eingerichtete Kommissionen den konkreten Tausch der Häuser. Nicht immer hielten sich die Bewohner an die Empfehlungen der Kommissionen, viele sprachen auf eigene Faust Bewohner des Partnerdorfes an. Und nicht alle waren zufrieden mit dem Tausch, vielen schien es, dass ihr altes Haus besser gewesen sei als das neue.

Der Dorftausch selbst dauerte drei Monate, von Mai bis Juli 1989. In der Übergangszeit lebten in beiden Dörfern Armenier und Aserbaidschaner unter einem Dach zusammen.
Die gemeinsame Zeit war geprägt von gegenseitiger Hilfe. Man erklärte den Neuankömmlingen, wo man einen Fernseher in die Reparatur bringen kann, wo sich welche Geschäfte befinden. Die Armenier aus Aserbaidschan erteilten den neu angekommenen Aserbaidschanern Unterricht in Aserbaidschanisch, die Aserbaidschaner aus Armenien gaben Armenisch-Unterricht. Den aus Aserbaidschan stammenden Armeniern, die zu Hause Wein angebaut hatten, fiel die Viehzucht zunächst schwer. Die meisten wussten nicht einmal, wie man eine Kuh milkt, Käse und Butter herstellt. Die Armenier aus Kerkendsch wiederum erklärten den neuen aserbaidschanischen Bewohnern die Kunst des Weinbaus.

Leicht ist den Menschen die Ansiedlung in der Fremde nicht gefallen. „Mein Dorf ist in der Fremde zurückgeblieben“ beklagt der Aserbaidschaner Muhammed Mejdanogly in einem Gedicht den Verlust des heimatlichen Dorfes. Und ein Armenier aus dem heutigen Dyunashoch, dem früheren Kyzyl-Schafag, berichtet in einer Broschüre der Heinrich-Böll-Stiftung, dass er nachts immer nur von Kerkendsch träume.
Heute leben im armenischen Dyunashoch nur noch wenige, die sich an den Dorftausch erinnern können. Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Situation haben viele von ihnen Armenien in Richtung Russland verlassen.
Doch zwei Jahrzehnte nach dem legendären Dorftausch interessiert man sich zunehmend für die beiden Dörfer, die gezeigt haben, dass es auch in Zeiten von Pogromen, Vertreibung und Krieg Menschen gibt, die es schaffen, was Politikern nicht gelingt: sich zu einigen und gemeinsam den eigenen Schutz zu organisieren.



Der Berliner Regisseur Ulrich Aschenbrenner hatte 2009 beide Dörfer zwei Wochen lang besucht und dort gedreht. Am Freitag, den 24. April, wird sein 15-minütiger Film über die beiden Dörfer, „Kaukasische Rochade“, erstmalig einer deutschen Öffentlichkeit gezeigt (12 Uhr, Caligari-Kino, Filmfestival goEast, Wiesbaden).

Siehe auch:
http://www.filmfestival-goeast.de/index.php?article_id=92&clang=0&mode=event&event_id=495