Die klagen, lieben nicht

Zweit-Zell am See-Heimat

Anmerkung: Ich habe diesen Text so um 1980 herum in Mönchengladbach geschrieben. Zu dieser Fußballweltmeisterschaft, so habe ich mich entschlossen, wird er auf meiner Homepage exklusiv veröffentlicht!
Dieter Braeg

Die Großeltern schickten mich 1951 - ich hatte in der Schule gelernt, den großen Stalin hochleben zu lassen - aus Rumänien per Bahn nach Zell am See. Um den Hals hatte ich ein Schild. Da stand nicht drauf, was ich wert sei. Nur mein Name und die Bitte, mir zu helfen, zu der Mutter zu finden. Ich kannte sie nur als süßen Maiglöckchenduft.

Am Anfang war’s Siebenbürgen süße Heimat, und nun wurde ich verschickt; die Großeltern aus Sibiu versprachen mir eine Zukunft mit Milch und Honig, die ich nicht kannte. Der Traum, auch Junger Pionier zu sein, blieb unerfüllt. Vater, der SS-Schriftleiter, gefallen schon Ende 1941 in der Sowjetunion, hat’s verhindert. Er sei Kriegsverbrecher, flüsterte es hinter meinem Rücken. Still, es muss ein Geheimnis bleiben. Erst als ich 53 Jahre alt war, erfuhr ich etwas über Josef Anton Braeg, meinen Vater. Soll ich der späten Geburt danken? Sie presst mir die Luft, Leid, Angstwasser und den Vaterlands-stolz-sein-Gestank aus dem Leib.

Ich spürte Großvaters stachelige Gesichtshaut. Er hörte BBC, als Hitler Feind-hört-mit-Strafen anordnete, und auch dann noch, als die Kommunistische Partei Rumäniens es mit lebenslangem Gefängnis bedrohte.

Ankommen. Neu beginnen?

Die Berge dort, wo man mich hin transportierte, trugen wie in Siebenbürgen Schnee. In der Schule, da brüllte einer dieser Wir-haben-von-nichts-gewusst-Pädagogen, ich sei ein „Muster ohne Wert“ und es wäre bestimmt nicht schlecht, mich an den Absender zurückzuschicken. Mir treibt es jetzt, viele Jahrzehnte später, die Tränen ins Gesicht, während ich um mein Leben schreibe. Es ist nicht mehr viel wert in dieser Zeit, die alle informierenden Zeiger zerstört hat. Die Gewichte, die man auflegt und prüft, sie sind so einseitig. Die Macht hat Gewicht, obwohl kein einziger Eichmeister die Wahrheit dieser Gewichte prüfte und genehmigt hat. Was nichts kostet, ist nichts wert. So fuhr ich in den „Goldenen Westen“! Ich hab bezahlt, mit Kilometern. Von Hermannstadt nach Kronstadt - dann Temesvar, Belgrad, Budapest, Wien, die Demarkationslinie, Salzburg, Zell am See. Endstation, alles aussteigen?

Großmutter hat nicht nur Geschichten erzählt, manchmal machte sie mir Angst, drohte, mich würden die Zigeuner mitnehmen, wenn ich in der Harteneckgasse 56, wie sie wohl heute heißt, meine wenigen Brocken Rumänisch sprach. „Die nehmen solche wie dich mit! Wirst ein Bettelkind mit Wuschelwackel-Läusekopf!“

Aber die Deutschen. Die hat mir niemand erklärt. Schäferhund-Sicherheit. Bei Fuß-Geschrei. Ahnungslos-Gesichter. In dieser Welt gibt es keine Strafe für Vaterlands-Laller.

Ich bekam Unterricht. Macht hat viele Gesichter. Hat einen eigenen Klang. Es wurde von den Erwachsenen gerne gehört, wenn ich den rumänischen König Mihai hochleben ließ. Eines Tages hielten sie mir den Mund zu, in Sibiu - Rumänien, wo die Straßennamen wechselten,  wie die Bilder der großen Söhne und Töchter an den öffentlichen Gebäuden. Zuerst Harteneckgasse, dann Strada Kossuth und dann ..., da war ich fort. Auf die Schienen gebracht. Maikäfer-flieg-Kind. Vater blieb im Krieg, und was er vorher war, das verschwieg man mir.

Mich haben auf dieser Orientexpress-Route viele gefragt, wohin ich fahren würde. Ich Kindskopf  hatte Träume. Was konnte ich wissen von der Freiheit? Jaja, die Freiheit, sie ist mir nirgendwo über den Weg gelaufen. Sie schreibt immer noch letzte Grüße aus allen Gefängnissen dieser Welt. Alle hatten Waffen in der Hand. Ich wäre wehrlos gewesen, hätte ich Verwandtschaft gefeiert mit dem Stalin-Vater aller Werktätigen, dem ich in der Schule Tag für Tag huldigen musste. Allzeit bereit!

Lang lebe Stalin, das größte Genie der Menschheit.
Lang lebe Stalin, der größte militärische Führer.
Lang lebe Stalin, der größte Führer der Internationalen.
Lang lebe Stalin, der beste Freund der Arbeiter und  Bauern.

Als ich dann bei der Mutter war, sie roch noch immer manchmal nach Maiglöckchen, hatte sie mir ein Schwesterchen geschenkt, das lag in einer Wiege. Das sollte, so erzählte man mir, wie Weihnachten sein. Mitten in der klirrenden Februarkälte im Jahre 1951.

Ich kam an, weil mir niemand gesagt hatte, dass man auch von der Bahnsteigkante zurücktreten kann.

In der Schule, da standen alle auf, bewegten die Lippen, als wären sie Automaten und leierten: „Gegrüßet seist du Maria voller Gnaden ...“ und sahen dabei einen an der Wand  hängenden Gekreuzigten an; aber ich sah da, wo der hing, zuerst nur Stalins Bild.

Stalin starb. Ich hab ihn in Zell am See, hinter der Köhlergraben-Sprungschanze, begraben. Dort ist der Skisprung-Vizeweltmeister Bubi Bradl, das hab ich selbst gesehen, auch schon heruntergesprungen. Heute gibt es nur noch den Köhlergraben, ganz ohne Sprungschanze. Ich suchte Hilfe, aber die gab es nicht in dieser Bergstadt. Warum auch. Sozialhilfe gibt es, wenn man kein Geld hat. Identitäten, die zerstört werden, was soll man denen denn geben? Abfindungen gibt es höchstens für jene, deren Arbeitsplätze von der guten Mutter Gewinnmaximierung zerstört wurden. Verpfuschtes Leben hat keinen Anspruch auf irgendeine Hilfe! Das wird abgeschoben!

Schreib ich Geschichten? Ja, aber es sind schmerzliche Versuche, weil die Wegweiser abgerissen wurden. Versteckspiel. Blinder Ochse. Verbundene Augen, Fingerspitzen, mit denen man tastend raten darf. Aber, ist denn ein Land, sind seine Menschen, überhaupt ertastbar? Vaterland nannten sie es. Aber ich suchte noch. Dieses Land muss man sich verdienen, das gibt es nicht für jeden Hergeschickten.

Niemandsland. Ja, das kannte ich. Wusste, wo es lag. Dort lebte und lebe ich.

Jeder kommt eines Tages unter die Deutschen. Heute, wenn einer Ausländer ist und meint, es gäbe kurz nach Überqueren des Flusses Inn bei Passau die Freiheit, der irrt. Passau, das hieß, als ich auf der Donau zum zweiten Mal meine Heimat nicht fand, Pass-Schwein. Das lernt der Verfolgte. Dort ist die neue Mauer. „Papiere her!“ wird gebrüllt. Die Mühseligen und Beladenen kriegen nicht tour-retour! Aber die Mauern, die meine Großmutter, mein Großvater, meine Mutter hinter sich lassen mussten, die sind achthundert Jahre alt. Man lehrte sie und mich zu vergessen, dass unser Name „Mensch“ sei. Weit entfernt von der Stadt Czernowitz, in der ein Dichter zur Welt kam, der uns den Tod als Meister aus Deutschland zur ewigen Mahnung und Erinnerung schrieb. Aus Glauben wird Hoffnung, aus Hoffnung Kirchensteuereinsparung. Wer glaubt, wird selig, wer nicht glaubt, kommt auch nicht in den unsozialen Marktwirtschaftshimmel.

Einer, hier, in Mönchengladbach, der Stadt, die mir jeden Tag tiefe Wunden schlägt, sagte:

Mach doch mal was aus Dir.

Gut. Ich tu es. Es wird so wenig lebendig sein wie alles, was diese Stadt verschweigt, um nicht zum Leben zu finden. Diese Gesichter, die alle den Mund  bewegen zum

„Das-haben-Sie-gesagt“.

Weiter.

Ging Bier holen. Schmittenstraße 504. Wenn ich den Blick nach links richtete, sah ich die Bergstation der Schmittenhöhebahn. Das ist heute sicherlich, auch nach Abzug der Inflationsraten und  Solidaritätsbeiträge, einiges wert. So eine schöne Aussicht hat Lebensqualität! Die hat nicht jedes Kind. Wer darf schon Jugendjahre in einem aufstrebenden Fremdenverkehrsort verbringen? Ganz ohne Kurtaxe zu zahlen?

Tage vorher hörte ich die Namen der Kriegsteilnehmer: Hidekutti, Liebrich, Rahn, Puskas. Mir fehlte noch Rommel, der wüste Fuchs.

Der oberste Feldherr aller Deutschen? Herberger!

Nochmal.
Ging Bier holen. Wohnte Schmittenstraße 504. Vis-á-vis von den Weißbachers, die immer so knofelig rochen. Zum Gasthaus „Stadt Wien“. Ich hatte immer Angst, dorthin zu gehen. Hinter dem Gasthof, im Garten, stand der Schweinestall. Da ging es oft hoch her. Todesquieken. Schrilles Gebrüll vom Schlachter und Schlachtgut. Hausschlachtung hieß das, und dann gab es Schlachtplatte. Frische Blut- und Leberwürste mit dicken Speckbröckerln. Ich hörte die dumpfen Schläge, Knüppel auf Schweineköpfe. Schlachterflüche. Keine Schweine-Sterbebegleitung. Ich wollte immer fort von dort, aber: „Wer Fleisch essen will, muss so was vertragen können.“ Der Wirt? Schwaninger! Vorname? Unbekannt! Staatlich anerkannter Amateurschlächter.

Heute weiß ich, ob man sich wehrt oder nicht - man lebt verkehrt und wird aufgefressen. In der Schule übten wir ein Lied: „Hoamatlaund, Hoamatlaund, haun die soho gean. Wia a Kindal sei Muatta, wia a Hundal sein Hean“.
Viele Strophen. Viele. Dazu Lederhosen, kurz, mittel, lang. Traf man den Ton nicht, gab es was auf die Finger. Rohrstaberl-Erziehung! Gott dankbar sein. Östarreicha sein. War ich nicht! Ich war „a Piefkinesa“. Das ist keine Hunderasse - sonst wäre es mir sicher besser gegangen. Ich fühlte mich wie die Laternenpfähle mit elektrischen Birnen, die damals an der Zell am See-Promenade aufgestellt wurden. Bepinkelt von Hunden und „Gästen“, die man - zahlten sie - „Fremde“ nannte.

Ging also Bier holen. Schmittenstraße 504. Obere Stadt. Dort wohnten wir, die Bergler. „Armutsch-Kerl“. Das Gerümpel des verlorenen Kriegs war unter den Tisch gekehrt. Krieg vorbei. Zinnkraut fand ich da auf der Wiese. Sah giftiges Huflattich-Grün - und für mich flogen die Maikäfer noch immer in den Krieg.

Wusste nicht genau, was ein „Ami-Flitscherl“ war. Aber die dufteten gut, wenn man neben ihnen stand im Lebensmittelgeschäft des Josef Brusatti. Der schnitt die Krakauerwurst immer in dünne Scheiben: „Derfs noch wos sein, gnä Frau?“. „Bua, schleich di“, hatte er für mich als Sonderangebots-Bemerkung übrig.

Großmutters Märchen waren für mich in diesem schmalen Alpenseetal zu Lügen degeneriert. Ich sah zu, wie sie mit Steigeisen an den Schuhen die Berge hinunter das Gras mähten. Sauer. Dürftig. Für spindeldürre Kühe. Den Knechten saß der Bauer im Genick. Fußtritte. Flüche: „Bagasch, geht dös ned schnella?“. Wo sind da die trostvollen Fischerchor-Laller mit ihrem „In die Berg bin i gern“ geblieben? Begrabt mich in der Mitte der dritten Strophe des Kufsteinlieds!

Ging Bierholen. Schmittenstraße 504. Heute gehört das Haus der Familie Sochor. Davon gibt es in der Gegend viele. Die Hausnummer hat sich geändert. Das Quietschen der Haustüre wird in dieser Familie oft mit Druckerschwärze beseitigt.

1954. Ich gehe rein, in den Gang des Wirtshauses. Ölige schwarze Fußbodenbretter. Hätte lieber Disteln in den Fingern. Brennnessel-Fieber an nackten Waden. Die Milchkanne in der Hand. Das „offene“ Bier war billiger. Einen Liter für den Stiefvater. Zu Heringen und Kartoffeln. Das war preiswert und sättigte.

Ich?

Viele Väter für mich, die wären gut. Zärtlichkeit unrasierter Wangen, die hab ich nur beim Großvater gespürt. Man liebt die, die weit weg sind. Unerreichbar. Ich hab vier Zeilen gefunden von Theodor Kramer: Viel verwehte, viel verdarb, Vater starb und Mutter starb; in der Stadt, in die ich kam, wurden mir die Lenden lahm.

Damals standen vor dem Gasthaus die ersten Reisebusse. „Daitsche Gäst“ sagten sie dazu. „Fremde“, nur gut für Fremdenverkehr. Die Nummernschilder der Busse, so unbekannt, versprachen Abenteuer. Ich dachte, das sind die, zu denen du gehörst. Die wohnten im Gasthaus „Stadt Wien“. Schnallten sich am frühen Morgen die Felle und die Langlaufski an. Geld war knapp. Nicht jeder konnte mit der Schmittenhöhebahn  bergwärts fahren. Da halfen Felle, den Berg hochzusteigen durch den tiefen Schnee.

Der Wirt stand im schlecht beleuchteten Gang hinter der Theke am Bierzapfhahn. „An Lita, wia imma. Geh her, Bua“.  Zwei Schilling. Ich hab den Preis nicht vergessen. Dabei ist er so unwichtig. Bei anderer Gelegenheit musste ich viel mehr zahlen für mein Leben. Im Extrazimmer,  da lärmte es normal. Doch dann ...

„TOR, TOR, TOR, TOR. - AUS, AUS, AUS, AUS! - WIR SIND WELTMEISTER!“

Die Holztüre des Extrazimmers zersplitterte. Rote, aufgedunsene Gesichter. Fette Bäuche. Geschrei, Gegröle.

„SIEG, SIEG, SIEG! - WELTMEISTER! - HEIL, HEIL, HEIL! - JA, JA, JA, JA. - WIR-SIND-WIEDER-WER!“

Ich hatte die Milchkanne in der Hand. Um mich herum der Bierdunst. Sieggeheul. Angst im Kopf. Mach den Mund auf. Schrei um Hilfe. So wie in den Nächten in Siebenbürgen/Rumänien, als mich die Großeltern in den Splittergraben zogen, im Harteneckpark, weil die Deutschen die Stadt bombardierten. Gott hat uns Siebenbürger Sachsen bestraft! Deutsche bombardieren die Stadt! Vom Himmel hoch ...

Warum hat man uns die Vergangenheit nicht herausgeholt aus dem Kopf? Warum gab es auf viele Fragen nur die Nicht-gewusst-Antwort? Ich flüchte auf die Straße. Höre noch immer das dumpfe Siegesgeheul. Stolpere. Vom Bier bleibt kaum ein Viertelliter in der Milchkanne drin. Diesen kläglichen Rest bringe ich in das Haus Schmittenstraße 504. Bekomme Ohrfeigen. Jemand sagt: „Hat er sich ja verdient. Glaubt er, weil die Deutschen Weltmeister sind, muss er mein Bier ausschütten?“

Ich bin froh über jeden Tag, an dem Deutschland verliert.

Dieter Braeg