Erich Mühsam
Vor 80 Jahren im Juli 1934 wurde Erich Mühsam nach über 16 monatiger „Schutzhaft“ von der SS ermordet.
Geboren 6. April 1878 in Berlin verbrachte er Kindheit, Jugend, Gymnasialbesuch  in Lübeck; auch sein Heranwachsen, in der damaligen Zeit die Regel,  begleiteten unverständige Lehrer. Niemand kümmerte sich um den begabten Erich. Die Folgen: Widerspenstigkeit, Faulheit, Beschäftigung mit fremden Dingen. Sehr früh entstanden erste Texte. Diese Dichtversuche, stießen  in der Schule und im Elternhause auf Ablehnung. Man warf dem Heranwachsenden  vor, seine Schreibversuche seien Ablenkung von der Pflicht und deshalb im Geheimen geübt. Dumme Jungenstreiche, zuletzt — als Untersekundaner — geheime Berichte über Schulinterna an die sozialdemokratische Zeitung zeigten schon damals, dass er seinen Lebensspruch „Sich fügen heißt Lügen“ ernst nahm. Wegen „sozialistischer Umtriebe“ erfolgte die Relegation. Eine Lehre zum Apotheker in Lübeck und anschließend Arbeit ab 1900  als   Apothekergehilfe an verschiedenen Orten, zuletzt in Berlin. Als freier Schriftsteller

Teilnahme an der Neuen Gemeinschaft der Brüder Hart; Bekanntschaft mit vielen öffentlich sichtbaren Persönlichkeiten. Mit eigenen Worten in Kurzform schilderte Erich Mühsam seinen Lebenslauf bis 1919:

„Als freier Schriftsteller Teilnahme an der Neuen Gemeinschaft der Brüder Hart; Bekanntschaft mit vielen öffentlich sichtbaren Persönlichkeiten. Freundschaft mit Gustav Landauer, Peter Hille, Paul Scheerbart u. a. Bohemeleben; Reisen in der Schweiz, in hallen, Österreich, Frankreich; schließlich 1909 dauernder Wohnsitz in München; Kabarettätigkeit, Theaterkritik, schriftstellerische Tätigkeit, meist polemisch-essayistisch. Freundschaftlicher Verkehr mit Frank Wedekind und vielen anderen Dichtern und Künstlern. Drei Gedichtbände, vier Theaterstücke; 1911—14 Herausgeber der literarisch-revolutionären Monatsschrift „KAIN“ - Zeitschrift für Menschlichkeit- , die vom November 1918 bis April 1919 als reines Revolutionsorgan in neuer Folge erschien.“
In der letzten Nummer seiner Zeitschrift „KAIN“ mit dem Untertitel „Zeitschrift für Menschlichkeit“ die Mitte Juli 1914 erschien,  und deren weiteres Erscheinen Erich Mühsam beendete, begründete er dies in seinem Brief   „An die Leser des Kain!“ unter anderem wie folgt: „Die Ereignisse nehmen mir, der ich um der Menschlichkeit willen meine Zeitschrift geschaffen habe, die Feder aus der Hand.“ In dieser letzten Nummer(Jahrgang  IV . No. 4, Mitte Juli 1914), schrieb Erich Mühsam einen  kleinen Text zum Tod der Friedensnobelpreisträgerin Berta von Suttner: 
„Bertha von Suttner. Wir wollen in ehrender Haltung an die Bahre der Frau treten, die ein langes Leben lang mit gutem Eifer für eine gute Sache gestritten hat. Wir wollen das Andenken der Frau wachhalten, die in reinem Herzen erkannte, daß der Massenmord des Krieges von jeder wahren Religiosität aus gesehen ungöttlich und schlecht ist. Wir wollen den Manen Bertha von Suttners geloben, mit heiliger Leidenschaft das Ziel anzustreben, das sie ihrem Schaffen gesetzt hatte: den Weltfrieden. Unsere Wege sind andere als die der Verstorbenen Wir glauben nicht an internationale Verständigung  zwischen den Staaten. Denn wir wissen, dass Staaten feindliche Abgrenzungen der Länder gegeneinander bedeuten. Nicht die Regierungen werden die Kriege aus der Welt schaffen, sondern die Völker. Kapitalistische Staaten haben kapitalistische Interessen, und kapitalistische Interessen wissen nichts von Idealen. Revolution von oben gibt es nicht. Solange es Staaten und Heere gibt, wird es Kriege geben. ‘Wir nehmen Bertha v. Suttners Kampf- ruf auf, aber wir geben ihn nicht den Herrschern und Regierungen weiter, sondern den Völkern und Armeen: Die Waffen nieder!“

 

Erich Mühsam blieb sein Leben lang ein kompromissloser Anarchist den die Staatsanwälte des Wilhelminischen Kaiserreiches genauso hassten, wie die der ersten deutschen, der Weimarer,  Republik. Aber auch kommunistische Parteifunktionäre, Burschenschafter und Antisemiten, dazu Sozialdemokraten und Gewerkschafter, sie waren nicht seine Freunde. Mühsams kompromisslose Kritik darf nicht verdrängt und vergessen werden!

„Ernste Lyrik“ hat Mühsam einen Teil seines lyrischen Werkes genannt, es ist mit seinen Prosaarbeiten, den Theaterstücken politische Dichtung. Bewusst wählt er volkstümliche Formen, ist ein Reimschüttler, dabei gelingen ihm so unvergessliche Gedichte wie etwa das „Max-Hölz-Lied“ oder der „Der Revoluzzer“:
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Der Revoluzzer
(Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet)

War einmal ein Revoluzzer,
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: "Ich revolüzze!"
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus,
zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
schrie: "Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn' das Licht ausdrehen,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt! ¬
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!"

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.


In der Festung Niederschönfeld entstand neben vielen anderen Texten einer seiner Romane „Ein Mann des Volkes“ oder „Das Leben des Parteifunktionärs Jakob Bröschke“. Die Erfahrungen mit der deutschen Sozialdemokratie hat Mühsam in diesem Roman verarbeitet, in dem er den Aufstieg der Sozialdemokratie in den Rang einer bürgerlichen Partei schildert.
Die erfundene Biographie des Jakob Bröschke, schärfstens satirisch geschildert, die passt auf viele heute politisch Agierende.

Nach Ende des ersten Weltkriegs nahm der sich als „Anarchokommunist“ Bezeichnende die Herausgabe seiner Zeitschrift „Kain“ wieder auf, die er dann mit der Ausgabe Nr. 9 am 25.4.1919 beendete, weil er zunächst in „Schutzhaft“ genommen wurde, als einer der Mitbegründer der bayerischen Räterepublik um dann am 12.Juli 1919 von einem Standgericht in München wegen Hochverrats zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt zu werden. Mühsam kommentiert dieses Urteil: “Über die Rechtsgrundlagen dieser Verurteilung, durch die ein von Sozialdemokraten eingesetztes Tribunal von königlichen Offizieren und Richtern auf Grund monarchistischer Gesetze entschied, was für eine Republik als rechtmäßig zu betrachten sei, die eines nach Bamberg geflüchteten Rumpfkabinetts oder die der Räterepublik des bayerischen Stadt- und Landvolkes, habe ich an anderer Stelle Material beigebracht.“ (siehe dazu „Standrecht in Bayern“ veröffentlicht 1923 in Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten Berlin). Zu den Haftbedingungen in Niederschönefeld schrieb der Soziologe und Jurist Ernst Gumbel u.a.: „Das Schicksal der dortigen Gefangenen ist auch das Schicksal der Republikaner und Sozialisten in Bayern überhaupt. Sie sind vogelfrei und rechtlos.“ Mühsams Haftzeit endete im Dezember 1924

Im Oktober 1926 erscheint die erste Ausgabe der anarchistischen Monatszeitschrift „Fanal“,  in der fast ausschließlich Texte von Erich Mühsam zu lesen sind. Am Rande sei erwähnt, dass der bei Erich Mühsam einige Zeit  zur Untermiete wohnende Herbert Wehner an der Zeitschrift mitarbeitete. „Fanal“  wurde 1931 vom Berliner Polizeipräsidenten Grzesinski (SPD) wegen „Verächtlichmachung der Reichsregierung“ für vier Monate verboten. Reguläre Ausgaben erschienen nicht mehr, Mühsam gab nur noch  einige Rundbriefe heraus, darunter den Text „Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat“ der noch 1933 erschien. Die als Nachdruck 1975 im Impuls Verlag Bremen erschienene Ausgabe in 5 Bänden, die auch die Rundbriefe erhalten, sind leider nur noch antiquarisch, kaum unter 90.--€ zu beziehen. Eine Neuausgabe mit entsprechender Kommentierung wäre mehr als notwendig und würde die hervorragende  Verlegerarbeit des VERBRECHER VERLAGS  der seit  2011 die Tagebücher von Erich Mühsam veröffentlicht wesentlich bereichern. Der 6. Band  des Tagebuchs ist soeben erschienen. Der 15. und letzte Band wird voraussichtlich im Jahre 2018 erscheinen.

Mühsam sah nicht nur die heranwachsende Gefahr der faschistische Diktatur, er veröffentlichte bereits in der ersten Ausgabe von FANAL (Oktober 1926)  seine Kritik am sowjetischen Experiment: „Der Grundirrtum der marxistischen Theorie, das zentralistische Prinzip gewann in Rußland Geltung. Aus der Räterepublik wurde ein »Räte-Staat«, ein Widerspruch in sich selbst. Eine Staatsregierung, an deren Wesensart der Name »Räteregierung« nichts ändern kann, erlässt Staatsgesetze, und das Gefäß des Staates füllt sich langsam und unaufhaltsam mit dem Inhalt, für den die Form des Staates ursprünglich geschaffen, für dessen Aufnahme sie allein geeignet ist: mit dem Inhalt kapitalistischer Konzessionen.“« (Okt. 1926).

Am 20. Februar 1933 redet Mühsam zum letzten Mal in der Öffentlichkeit. Bei der Versammlung der Berliner Ortsgruppe des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller. Selbst in dieser Zeit resigniert er nicht: „Und ich sage euch, das wir, die wir hier versammelt sind, uns alle nicht wiedersehen. Wir sind eine Kompanie auf verlorenem Posten. Aber wenn wir hundertmal in den Gefängnissen verrecken werden, so müssen wir heute doch die Wahrheit sagen, hinausrufen, dass wir protestieren.“

Kurz nach dieser mutigen Rede sah Erich Mühsam sein Leben bedroht und wollte Deutschland verlassen. Die Fahrkarten waren schon gekauft, da wurde er verhaftet, einen Tag vor der geplanten Ausreise. Er war Opfer der Massenverhaftungswelle die Folge des Reichtagsbrandes war. Er wurde in „Schutzhaft“ genommen. Sein Leidensweg  durch Gefängnisse und Konzentrationslager über anderthalb Jahre begann:  Lehrter Straße, Plötzensee, Brandenburg, Sonnenburg, Oranienburg. Er wird gefoltert, man bricht ihm die Finger, einen nach dem anderen, damit er nie wieder schreiben kann. Die Beine werden ihm auseinander gerissen.
Ab 6. Juli 1934 gab es im Konzentrationslager Oranienburg  die Ablösung der SA. Sie war in Ungnade gefallen, nun wütete die SS unter dem Lagerkommandanten  - SS- Gruppenführer Theodor Eicke,  der schon das KZ Dachau geführt und aufgebaut hatte. Erich Mühsam hatte am Vorabend seines Todestages vom SS-Sturmführer Ehrat  unmissverständlich mitgeteilt bekommen, sich selbst binnen 48 Stunden zu töten. Erich Mühsam kam dieser Aufforderung nicht nach. So holten ihn SS Männer ab. Seine Mitgefangenen fanden ihn nach der  Nacht vom 9./10. Juli erdrosselt in einem WC-Raum  - aufgehängt. Die Nazipresse meldete: „Der durch seine Teilnahme am Münchner Geiselmord bekannte sozialdemokratische Schriftsteller Erich Mühsam, der sich in Schutzhaft befand, hat seinem leben durch erhängen ein Ende gemacht.“

Testament
Nein, ich will nicht eher zu Grabe,
eh ich nicht auch die letzten Sprossen
irdischen Glücks erstiegen habe,
eh ich das Leben nicht ganz genossen;

eh ich nicht alle Frauen umschlungen,
die mich durch meine Träume begleiten,
eh nicht alle Lieder gesungen,
die sich in meinem Herzen bereiten;

eh nicht alle Werke gestaltet,
die sich dem schaffenden Geist entbinden,
eh ich der Führerpflicht nicht gewaltet,
dass die Menschen ihr Wegziel finden;

eh ich nicht fröhliche Augen sehe,
die von Erhebung und Stolz verjüngt sind,
eh ich nicht über Äcker gehe,
die statt mit Tränen mit Freude gedüngt sind.

Nimmt der Erlöser dann und Vernichter
Von meinen Tagen die lastenden Ketten,
sollt ihr den seligsten Menschen und Dichter
tief in befreites Erdreich betten.

Dieter Braeg

Aktuelle Leseempfehlung: Im Verbrecher Verlag Berlin ist, herausgegeben von Markus Liske und Manja Präkels,  das Erich Mühsam Lesebuch „Das seid ihr Hunde wert!“ ISBN 978-3-943167-84-9 erschienen. 345 Seiten für 16.--€

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