Georg Trakl  3.2.1887 - 3.11.1914
„Inzwischen habe ich viel gelesen: ergriffen, staunend, ahnend und ratlos; denn man begreift bald, dass  die Bedingungen dieses Auftönens und Hinklingens unwiederbringlich einzig waren, wie die Umstände, aus denen eben ein Traum kommen mag.Denn Trakls Erleben geht wie in Spiegelbildern und füllt seinen ganzen Raum, der unbetretbar ist, wie der Raum im Spiegel.
Wer mag er gewesen sein?“
Rilke über Trakl

Musik im Mirabell
Ein Brunnen singt. Die Wolken stehn
Im klaren Blau, die weißen, zarten.
Bedächtig stille Menschen gehn
Am Abend durch den alten Garten.

Der Ahnen Marmor ist ergraut.
Ein Vogelzug streift in die Weiten.
Ein Faun mit toten Augen schaut
Nach Schatten, die ins Dunkel gleiten.

Das Laub fällt rot vom alten Baum
Und kreist herein durchs offne Fenster.
Ein Feuerschein glüht auf im Raum
Und malet trübe Angstgespenster.

Ein weißer Fremdling tritt ins Haus.
Ein Hund stürzt durch verfallene Gänge.
Die Magd löscht eine Lampe aus,
Das Ohr hört nachts Sonatenklänge.

Trakl schrieb dieses Gedicht im Alter von 20 Jahren. Sein Leben war bereits überschattet von Ereignissen, die den weiteren Verlauf seines Lebens entscheidend bestimmen sollten. Die Wirklichkeit zerfiel für ihn zusehends und ein Lebensgefühl erfasste ihn, in dem zunehmend Ängste vorherrschten, mit denen er im Laufe seines Lebens nicht mehr fertig wurde. 

Während Trakls Kindheit jedoch stellten seine Geschwister noch nichts Auffälliges an ihm fest.
Trakl war ein Kind wie alle anderen auch: fröhlich, wild und gesund. Trakl kam als viertes von sieben Kindern in Salzburg in dem Haus - heute Waagplatz 1A - zur Welt. Die Eltern - der Vater war Kaufmann - waren 1879 von Wiener Neustadt nach Salzburg übersiedelt. Es war ein Aufstieg, als die Familie später in das Haus auf dem Mozartplatz in eine große helle Wohnung im ersten Stock übersiedelte, wo später jahrzehntelang das Café Glockenspiel beheimatet war. Im Parterre betrieb der Vater die Eisenhandlung Trakl. Der Vater, protestantisch gütig und anspruchslos, ist der Ruhepol der Familie. Die Mutter, katholisch, wird von Georgs Bruder Fritz wie folgt beschrieben: „Sie war eine kühle, reservierte Frau; sie sorgte wohl für uns, aber es fehlte ihr die  Wärme. Sie fühlte sich unverstanden von ihrem Mann, ihren Kindern, von der ganzen Welt. Ganz glücklich war sie nur, wenn sie allein mit ihren Sammlungen blieb - sie schloss sich tagelang in ihre Zimmer ein, die vollgestopft waren mit Barockmöbeln, Gläsern und Porzellan. Wir Kinder waren etwas unglücklich darüber, denn je länger ihre Leidenschaft dauerte, desto mehr Zimmer waren für uns tabu.“  Marie Boring ist Mutterersatz. Sie verbringt als Gouvernante 14 Jahre im Haus Trakl. Georg war drei Jahre alt, als sie ihren Dienst antrat. Als strenge Katholikin hinterlässt sie, auch bei Georg, Spuren. Seine Schuldgefühle wegen der verbotenen Liebe zu seiner Schwester Grete lasten schwer auf ihm.

Erhard Buschbeck, seit Volksschultagen mit ihm befreundet: „Meine Erinnerungen an Trakl reichen in die Zeit der Volksschule zurück, und ich sehe ihn noch vor mir - ein kleiner gut gepflegter Bub mit langen blonden Haaren, von einer französischen Frau begleitet. Für uns Normalschüler hatten diejenigen, die bloß an manchen Nachmittagen zum Religionsunterricht kamen, wohl immer etwas besonders Feines, aber bei Trakl trat überdies noch ein Sich-Fernhalten-von-den-anderen, ein scheues Absonderungsbedürfnis zu Tage. Irgendwie aber kamen wir damals doch zusammen. Sprachen miteinander und kannten uns. Wir kamen uns damals in unzähligen Literaturfragen und Diskussionen näher. Namentlich erinnere ich mich noch an brennende Gespräche über Dostojewski, den Trakl sehr früh und mit vollem Einsatz zu lesen begann und bald ganz kannte.“

Der Schulbesuch ergab keine Erfolge. Beim Wechsel zum humanistische Gymnasium, entsprach  dies  nicht Trakls Interessen. In Griechisch und Latein versagte er und musste die vierte Klasse wiederholen. Als dann noch Probleme mit Mathematik dazu kamen, verließ Trakl die Schule und begann ein Praktikum als Apotheker (1905 bis 1908) in der „Engel Apotheke“ am Anfang der Linzer Gasse; dort begegnet man auch an der Fassade Trakls Gedicht „Im Dunkel“:

Apotheker war damals der einzige akademische Beruf, der keine Matura (Abitur) voraussetzte.
Für Trakl war diese Entwicklung ein Abstieg. Trakl versuchte auf andere Weise Bestätigung zu bekommen, und so schrieb er zwei Theaterstücke, „Totentag“ und „Fata Morgana“, die auch im Stadttheater Salzburg - der „Totentag“ am 31.3.1906 und am 15.9.1906 „Fata Morgana“ - aufgeführt wurden. Es war kein Erfolg, und so vernichtete Trakl alle Textbücher und damit die Möglichkeit, die Inhalte zu beurteilen.

Seine erste schriftliche Veröffentlichung erfolgte dann aber doch im Salzburger Volksblatt am 22. Mai 1906:

Traumland
Eine Episode
Manchmal muß ich wieder jener stillen Tage gedenken, die mir sind wie ein wundersames, glücklich verbrachtes Leben, das ich fraglos genießen konnte, gleich einem Geschenk aus gütigen, unbekannten Händen. Und jene kleine Stadt im Talesgrund ersteht da wieder in meiner Erinnerung mit ihrer breiten Hauptstraße, durch die sich eine lange Allee prachtvoller Lindenbäume hinzieht, mit ihren winkeligen Seitengassen, die erfüllt sind von heimlich schaffendem Leben kleiner Kaufleute und Handwerker und mit dem alten Stadtbrunnen mitten auf dem Platze, der im Sonnenschein so verträumt plätschert, und wo am Abend zum Rauschen des Wassers Liebesgeflüster klingt. Die Stadt aber scheint von vergangenem Leben zu träumen …

Trakls traf sich mit Gleichgesinnten vor allem im Café Tomaselli. Man gab sich Namen wie „Apollo“ oder „Minerva“, diskutierte über moderne Literatur und Kunst und war ein Gegenpol gegen das Salzburger Spießbürgertum, das bis zur heutigen Zeit diese Stadt beherrscht. Man sammelte Erfahrungen mit Narkotika und besuchte Bordelle in der Steingasse. Die „Fackel“ von Karl Kraus, der die bürgerliche Scheinmoral angriff, lieferte Gesprächs- und Diskussionsstoff bei langen Spaziergängen, genauso wie die Romane von Dostojewski. Da entstanden die ersten Gedichte, deren Titel durch die Spaziergänge inspiriert wurden. Die Orte waren meist nur Anlass, um mit Bildern  Trakls inneren Zustand widerzuspiegeln. Die Schönheiten der Umgebung nimmt er wahr, aber auch der Verfall entgeht seiner Wahrnehmung nicht.

Verfall
Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.
Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.
Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,
Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.



Trakls Eltern verstanden ihren Sohn nicht, und viele seiner Gedichtentwürfe sind kurz nach seinem Tod vernichtet worden. So verstand sich Georg Trakl vor allem mit seiner Schwester Gretel, die ähnlich wie er veranlagt war. Aber da war mehr als Verständnis, da war Liebe und Zuneigung mit im Spiel, und so entstanden Schuldgefühle, die Trakl nie loswerden konnte. Von 1908 bis 1911 studierte Trakl in Wien Pharmazie. Er fand sich in Wien nicht zurecht, und so hatte Salzburg „jenen Zauber“, den er in Wien nie fand. In Wien entwickelten sich Kontakte zu Stefan Zweig und Hermann Bahr. Er besuchte Lesungen von Karl Kraus und besuchte ihn einmal in seiner Wohnung. Den Maler Oskar Kokoschka besuchte er öfter; er inspirierte Trakl, auch zu malen. Erhalten blieb ein Selbstportrait, das aber erst später in Innsbruck entstand.

In einem Brief an Buschbeck charakterisierte er sein Lebensgefühl: „Ich bin ganz alleine in Wien. Vertrage es auch, bis auf einen kleinen Brief, den ich vor kurzem bekommen habe, und eine große Angst und beispiellose Entäußerung. Ich möchte mich gerne ganz einhüllen und anders wohin unsichtbar werden, und es bleibt immer bei den Worten oder besser gesagt bei der fürchterlichen Ohnmacht. Soll ich Dir weiter in diesem Stil schreiben? Welch ein Unsinn! Alles ist so ganz anders geworden und schaut und schaut und die geringsten Dinge sind ohne Ende und man wird immer ärmer je reicher man wird.“

Trakl fand für die vielen neuen Gedichte keinen Verleger. Im Juni 1910 starb der Vater, und Trakl  schloss mit der Magisterprüfung sein Studium ab. Seine finanzielle Situation war sehr schlecht, und seine Schwester, die ein Jahr in  Wien gelebt hatte, zog nach Berlin, um dort ihr Klavierstudium fortzusetzen. Ein Jahr Militärdienst absolvierte er auch noch in Wien. Alkohol und Drogen waren in dieser Zeit sicherlich nicht tröstliche Begleiter. Seine Wohnsituation verschlechterte sich immer mehr. In der Josefstätdter Straße bewohnte er, nach eigenen Worten, einen Raum von der Größe „eines Klos“ und befürchtete, idiotisch zu werden.
Als k. u. k. Medikamentakzessist, nach Ableistung des Militärdienstes, hätte es seinen Einstieg in ein bürgerliches Leben ermöglicht. Aber dazu kam es nicht. Viel zu sehr stand eine rigide „Arbeitsordnung“ dem Drang ein anderes, ein schreibendes Leben zu führen, im Wege.

Buschbeck, ein Lebensbegleiter Trakls, schickte einige seiner Gedichte an den Herausgeber des „Brenner“, Ludwig von Ficker. (Im Jahre 1910 gründete Ludwig von Ficker diese Halbmonatsschrift, die im ganzen deutschen Sprachraum als Zeitschrift für Kulturkritik und avantgardistische Literatur bekannt wurde. Die letzte Ausgabe - „Vorstadt im Föhn“ - erschien im Jahre 1954 im Brenner-Verlag, Innsbruck.) Ein erstes Gedicht Trakls erschien in der Ausgabe des „Brenner“ vom 1.3.1912.

Es dauerte nicht lange, und Trakl wurde zum persönlichen Freund des Brenner-Herausgebers und wurde auch sehr freundlich in den „Brenner-Freundeskreis“ aufgenommen.  Es war der „Brenner“, in dem die meisten Gedichte zu Trakls Lebenszeiten erstmals veröffentlicht wurden.

Buschbeck schreibt 1917 in seinen Erinnerungen zu Trakl unter dem Titel „Requiem“: „Er meidet das Restaurant aus Furcht vor dem Kellner. Das Fahren wegen Beklemmung über die Mitfahrenden. Aus dem Fenster kann er die Feuermauer nicht mehr sehen. Sie scheint ihm ein grinsendes Nichts. Er hasst den Tag, der ihm zu deutlich geworden.“

Nach vergeblichem Versuch, in Wien zu arbeiten, kehrte Trakl im Januar 1913 nach Innsbruck zurück.
Noch zu Lebzeiten erschien im Kurt-Wolf-Verlag, Leipzig, zusammengestellt und lektoriert von Franz Werfel, ein Gedichtband. Trotzdem kam es zu einem Nervenzusammenbruch, und er berichtete v. Ficker aus Wien: „Vielleicht schreiben Sie mir zwei Worte. Ich weiß nicht mehr ein und aus. Es ist ein so namenloses Unglück, wenn einem die Welt entzwei bricht. Oh mein Gott, welch ein Gericht ist über mich hereingebrochen. Sagen Sie mir, dass ich die Kraft haben muss noch zu leben, um das Wahre zu tun. Sagen Sie mir, dass ich nicht irre bin. Es ist ein steinernes Dunkel hereingebrochen. Oh mein Freund, wie klein und unglücklich bin ich geworden.“

Auslöser des Zusammenbruchs könnte auch die gescheiterte Ehe seiner Schwester Grete in Berlin gewesen sein.

Bei Beginn des Ersten Weltkriegs rückte Trakl als Militärapotheker an die Ostfront ein. Er meldet sich  als Sanitäter und kommt mit seiner Einheit, dem Feldspital 7/14, am 7. September 1914 nach Galizien. Seiner Mutter schreibt er: „Seit einer Woche reisen wir kreuz und quer in Galizien herum und haben bis jetzt noch nichts zu tun gehabt.“ An Ludwig von Ficker in Innsbruck schreibt er: „Es scheint sich eine neue große Schlacht vorzubereiten.“

Die russischen Truppen hatten Lemberg besetzt und die österreichischen Truppen versuchen den Vormarsch zu stoppen. Trakls Einheit wird in der Nähe von Lemberg bei Grodek stationiert.  Zwischen der Brusilow-Armee und der 3. Armee der Österreicher kommt es zur Schlacht bei Grodek. Die Schlacht endet mit einer schweren Niederlage der Österreicher. Ein panischer Rückzug folgt. Trakl musste in einer Scheune neunzig Verwundete ohne ärztliche Hilfe und ausreichende Ausrüstung betreuen. Den oft schwer Verwundeten konnte er nicht helfen. Einer tötete sich mit einem Kopfschuss, weil er die Qualen nicht länger ertrug. Der Apotheker Rawski-Conroy berichtete: „Ich sah, wie Trakl mit von Entsetzen aufgerissenen Augen an der Bretterwand der Scheune lehnte. Die Kappe war seinen Händen entglitten. Er merkte es nicht, und ohne auf Zuspruch zu hören, keuchte er: ‘Was kann ich tun? Wie soll ich helfen? Es ist unerträglich‘.“
Trakl, der dies alles nicht verkraften konnte, wurde „zur Beobachtung seines Geisteszustandes“  ins Garnisonspital Nr.15 in Krakau überstellt. Dort besuchte ihn Ludwig von Ficker am 24.10.1914.Trakl hoffte auf Besuche, die nicht kamen, und so schrieb er an Ludwig von Ficker in zwei letzten Briefen: „Seit lhrem Besuch im Spital ist mir doppelt traurig zu Mute. Ich fühle mich fast schon jenseits der Welt. Zum Schlusse will ich noch beifügen, dass im Fall meines Ablebens es mein Wusch und Wille ist, dass meine liebe Schwester Grete, alles was ich an Geld und sonstigen Gegenständen besitze, zu eigen haben soll.“  Den Briefen waren die Gedichte „Klage II“ und „Grodek“ beigefügt. Am Abend des 2. November muss Trakl  eine große Dosis Kokain eingenommen haben, und am 4 November schließt die Krankengeschichte, abgeschlossen mit der Feststellung: „Todesursache Kokainvergiftung.“

Grodek
Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunklen Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre,
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

Die Schwester Grete lebte nur drei Jahre länger als ihr Bruder Georg. Eine gescheiterte Ehe, eine Fehlgeburt und dazu schwerste Suchtzustände begleiten die letzten Lebensjahre. Am 22. November 1917 erschießt sie sich in ihrem Zimmer im Haus von Herwarth Walden in Berlin.

Die Eltern haben den Nachlass von Grete und Georg mit äußerster Akribie vernichtet!

Franz Fühmann zu Trakl: „Ich brauchte kein Bild, und ich wehrte es, da es mir aufgedrängt wurde, wie übrigens auch biographische Einzelheiten, so lange ab, bis ich schmerzhaft zu begreifen begann, daß ein Dichter auch ein Mensch ist, und nicht nur ein Mund.“

Dieter Braeg

Literatur
Gunnar Decker: Georg Trakl (Deutscher Kunstverlag); Literatur und Kritik Nr. 483/484, Ausgabe Mai 2014 (Literaturzeitschrift - Otto Müller Verlag); Rüdiger Görner: Georg Trakl - Dichter im Jahrzehnt der Extreme (Zsolnay Verlag); Hans Weichselbaum: Georg Trakl (Otto Müller Verlag); Franz Fühmann: Vor Feuerschlünden - Erfahrung mit Georg Trakl (Hinstorff Verlag).
Anmerkung: Das letzte Bild des Textes ist ein Selbstportrait von Georg Trakl!