Nazi Spielen

1„Fliegeralarm“
Roman von Gisela Elsner

Es war Gisela Elsners letzter Roman den sie, nachdem ihr der Rowohlt Verlag die Kündigung zustellte, im Jahre 1986 noch veröffentlichen konnte.  Sie schrieb ihn, so erzählte sie, „in 8 Tagen und 8 Nächten, von einer wahren Schreibwut ergriffen“. Der  Zsolnay Verlag veröffentlichte den Text im Jahre 1989 – es war ein lieblos produziertes Buch mit vielen Rechtschreib- und Grammatikfehlern, unvollständigen Sätzen und dazu, als herausragende Schlamperei, fehlte die letztre Zeile der „Internationale“ und aus dem „Heer der Sklaven“ machte der Verlag ein „Herr der Sklaven“.

Die etablierte Literaturkritik zeigte damals jene Kompetenz, auf die man verzichten kann. In der ZEIT, dem „liberalen“ Bürgerblatt stellte der Kritiker Heinz Ludwig Arnold fest: „Gisela Elsners Roman ‚Fliegeralarm’ , freilich unterbietet alles Maß: Der bekannte hypotaktische Stil ist darin bis zur Unlesbarkeit vieler Sätze überzogen, die zudem häufig  fehlerhaft sind in der Konstruktion…“

Herr Arnold mochte es eben nicht, wenn die Nebensätze sich dem Hauptsatz unterordnen und Elsner dann noch dazu einen Roman geschrieben hatte, der von Evelyne Polt Heinzel im Jahre 2007 (da schrieb sie eine kompetente Kritik zu Elsners Roman „Heilig Blut“) „Als den  beste(n) bis heute nicht wieder aufgelegte(n) Roman über den Luftkrieg“ bezeichnet wurde.
Der Berliner Verbrecher Verlag hat, nun ohne schreckliche Druckfehler und andere Unwägbarkeiten die der Zsolnay Verlag diesem Roman zufügte, eine Neuausgabe gewagt, die am Manuskript letzter Hand von Christine Künzel überprüft wurde. 

Boben fallen auf Deutschland, auf Nürnberg, dort spielt Elsners Roman: “Meine Mutter brauchte uns nicht zu wecken. Das Schrillen der Sirenen hatte uns bereits aus dem Schlaf geschreckt. Als sie in ihrer grauen Persianerjacke, die sie über ihrem zerknitterten, zerschlissenen hellblauen Nachthemd trug, mit hochhackigen goldenen Stöckelschuhen und mit hässlichen schwärzlichen Lockenwicklern in unser Kinderzimmer stürzte, saßen wir schon HART WIE KRUPPSTAHL, ZÄH WIE LEDER und jederzeit bereit, für unseren Führer Adolf Hitler zu sterben, in unseren Kinderbetten.“

Diese Kinder spielen das nach, was für sie erfahrbar war aus der damaligen Erwachsenenwelt, die sich, bis zum heutigen Tag mit dem „WirhabenvonNICHTSgewußt –Ritual“ zufrieden gibt. Da war Elsners Roman, trotz der vielen Jahre die er nach Schluss des zweiten Weltkriegs erschien, für die „Kultur“ nicht hinnehmbar. Der kleine Kicki Welser ordnet jeden Tag den Inhalt seiner blutroten Schachtel mit einem pechschwarzen Hakenkreuz. In der Schachtel wurden „naturgetreue Miniaturnachbildungen unsrer deutschen Wehrmacht mitsamt einer naturgetreuen Miniaturnachbildung unsres Führers“ aufbewahrt. Hier tut sich keine idyllische „Kindheit im Krieg“ auf,  Lisa die ältere Schwester von Kicki ist bereit für den Führer zu sterben, weil sie zur Einsicht gekommen war, dass ihr fünfeinhalb Jahre währendes Leben genug gewesen sei und nun dem Führer geopfert werden könne.  Die bombardierte Stadt, die Zerstörung sind für die Kindern in diesem Roman ein Trümmerhaufen,  der Schätze zu bieten hat - Bombentrichter. Die beiden Geschwister spielen mit anderen Kindern SS, KZ und was passiert, wenn Endsieg sein wird.

Die Eltern von Lilas und Kicki leben in einer Parteisiedlung, sie sind desorientiert, haben sich vom System abgewandt und stoßen für ihre Haltung bei den eigenen Kindern auf Unverständnis, ja Verachtung.

Elser gelingt es, mit der Spielwelt der Kinder, ihren ständig wiederkehrenden Naziparolen, die Frage der Ursache von Faschismus und Bombenkrieg Wirklichkeit werden zu lassen. Opfer- und Täterrolle verschwimmen nicht. Es gibt keine verlogenen und verschleiernden Erklärungsversuche.

Bei der Lektüre begegnen wir immer wieder, in GROSSBUCHSTABEN, den NS-Propagandasprüchen, den Phrasen und da wird deutlich – was uns die ZDF Experten so an Geschichtsbildern aus dieser NS-Verbrecherzeit bieten, ist verlogen Entschärftes.

Der Alltag jener Zeit, die Verwahrlosung, die Realität der Erwachsenen, gespielt von Kindern, das war wohl im Jahre 1989 als dieser Roman verstümmelt erschien,  nicht akzeptabel und es scheint, das sich dies nicht geändert hat. Der NAZI-ALLTAG gespielt von Kindern, ist noch immer verdrängt. Jeder Versuch heute, so lange nach dieser Zeit der Verbrechen (/was nicht bedeutet, das heute nicht auch eine Zeit ganz anderer Verbrechen existent ist) ein reales Bild entstehen zu lassen, wird behindert. Immer noch!

Kinder die KZ spielen, foltern und „spielend“  die Sprach- und Denkstrukturen des NS Alltags reproduzieren, die darf es nicht geben. So etwas mag keine Gesellschaft. Was spielen die Kinder heute?
Eines der Kinder wurde zum Juden, und stirbt. Da nicken die Erwachsenenköpfe der Vergangenheit und verkünden: “Kinder sind grausam!“.  So verdrängt man die Verantwortung. Die Kinder machen es den Erwachsenen nach, der Endsieg wird’s schon richten.

Heute bekommen Erwachsene und Kinder öffentlich rechtlich&privat in’s Haus geliefert, dass es in Afghanistan keinen/einen/oder/auch/nichtKrieg gibt. Man tarnt sich Umgangssprachlich!

Was spielen diese  „informierten“ Kinder?

Und es bleibt die Frage, WAS SPIELEN DIE KINDER IN AFGHANISTAN?

Gisela Elsner „Fliegeralarm“ Roman
Herausgegeben  und am Manuskript letzter Hand überprüft von Chrtistine Künzel.
Mit einem Nachwort von Kai Köhler
288 Seiten, brosch. ISBN 987-3-940426-23-9.
14,00 € Verbrecher Verlag Berlin 2009