Noch eine Mittelschichtpartei!
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- Erstellt am Freitag, 01. April 2011 19:05
- Geschrieben von Dieter Braeg
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„Jutta Ditfurth, Krieg, Atom, Armut. Was sie reden, was sie tun: Die Grünen.“
Die politische Kultur die man extra erfunden hat, damit die Normalwelt nicht nur mit der
bürgerlichen ihr Kreuz hat, erfreut sich fröhlicher Urständ. Was sich in diesem Jahr 2011 schon abgespielt hat und was noch auf der politischen Bühne gespielt werden wird, das wird, wie immer, nicht die Welt verändern, aber sicherlich dafür sorgen, dass diese bürgerliche Mittelschicht eine Partei mehr hat, Die Grünen, die sie verdient, damit auch alles so bleibt wie es war oder sein wird in diesem nichtunserem Land.
Jutta Ditfurth, die im Jahre 1991 die Grünen nicht mehr ertragen konnte und austrat, folgte damals jenen Linken unter ihnen Rainer Trampert und Thomas Ebermann, die in dieser Partei als Spitzenpolitiker antikapitalistische, radikalökologische und antiimperialistische Politik vertreten hatten. Sie beschreibt auf 288 Seiten den Werdegang einer Anfangs radikalen politischen Bewegung, die nicht nur im Umweltbereich eine andere Gesellschaft einforderte.
Schritt für Schritt entstand in den Jahren nach der Gründung eine Mittelstandsökomüslipartei, die mit der kapitalistischen Produktions- und Konsumweise ihren Frieden geschlossen hat. Schon im Jahr 2000 hat Jutta Ditfurth mit ihrem Buch – „Das waren die Grünen – Abschied von einer Hoffnung“ eine kritische Bilanz veröffentlicht. Für die Grünen, natürlich, kein Grund einen Kurswechsel vorzunehmen.
Wie sehr „politische Arbeit“ in dieser Partei nichts weiter ist als eine Anbiederung an jene Bürgergesellschaft ist, für die die Grünen bei der Gründung noch den Bürgerinnen- und Bürgerschreck gaben , beweisen viele ironisch eingestreute Schilderungen der Autorin. Wenn da etwa die Frau Roth sich endlich angenommen fühlt vom Volk, wenn sie beim Oktoberfest im Bierzelt nicht mehr angepöbelt wird, sondern dem „Gutti“ zuprosten darf, da fühlt sich die Grünenchefin angenommen und „angekommen“.
Willi Hoss der auch Mitgründer der Grünen war, verließ 2001 wegen des Verlustes eines letzten kläglichen Restes Friedenspolitik die Partei, schon im Jahre 1983 hat er in einer Rede nicht nur für das Kapital, sondern, wohl unbewußt, auch für die eigene Partei folgendes festgestellt:
"Die neuen, elektronisch gesteuerten Maschinengenerationen verkörpern in sich die Herrschaft über den Bediener. Die Erfahrungen der Arbeiter und Angestellten, ihre Fähigkeiten, ihre kreativen Möglichkeiten, sind weitgehend in diesen Maschinen materialisiert worden. Die Informationen und Entscheidungsmöglichkeiten sind von ihnen weg, weiter nach oben verlagert, zentralisiert worden. Die Rationalisierungsingenieure der Autoindustrie sagen das so: Überall da, wo noch Produktionsmaschinen vom Tempo eines Bedienungsmannes abhängen, gibt es noch etwas zu rationalisieren."
Was blieb von der 35 Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich? Was blieb von einer solidarischen Gesundheitspolitik? Wo der radikale Protest eine Arbeitswelt zuzulassen die mit Zeit&Leiharbeit die abhängig Beschäftigten in die Armut treibt. HartzIV fand mit Unterstützung dieser Partei statt. Die Geschichte der völligen Umkehrung der Grundsätze einer Partei kann nicht deutlicher beschrieben werden, als Jutta Ditfurth dies tut.
Friedenspartei, der Umwelt verpflichtet für eine radikale Umgestaltung der Gesellschaft, nichts ist geblieben.
Die Spitzenfunktionäre der Grünen haben die Erfahrungen einer außerparlamentarischen Basis in den Wind geschlagen und überall dort, wo sie eigentlich wirken wollten, versagt.
Dass nun, während ihr ehemaliger Oberguru Fischer Atomkraftwerksbetreiber berät, plötzlich „Atomkraft Nein Danke“ neue Macht bringen wird, ist ein Teil der traurigen Geschichte dieser Partei, die zusammen mit der SPD zur Jahrtausendwende in Regierungsverantwortung keinen „Atomausstieg“ durchsetzte, sondern beträchtliche AKW – Laufzeitverlängerungen. Das Bürgertum belohnt diese Haltung bei Wahlen.
Das Buch endet mit folgender Erkenntnis und Botschaft: „Das deutsche Bürgertum verroht, seine Einstellungen vergiften die Gesellschaft. Sein Interesse ist die Besitzstandswahrung, die militante Verteidigung und der Ausbau von Vermögen, Privilegien und Vorrechten. In wellenartigen, beinahe gleichgeschalteten Kampagnen überfluten die Botschafter dieses aggressiven Bürgertum mithilfe der Massenmedien das Land mit der immer brutaleren Botschaft: Du bist nutzlos. Wer unten ist, trägt selbst Schuld daran. Ist wertlos. Solidargemeinschaft – wofür?....Soziale Ungleichheit macht diejenigen, die an ihrer Verschärfung mitarbeiten und von ihr profitieren, bösartig. Sie enthemmen sich, die Maske fällt. Und sie fällt exakt in den Milieus, in denen sich die Grünen heute verorten: in der „Mitte“ und „links der Mitte“. Wie weit rechts das immer sein mag. Die Grünen sind ein ganz spezieller Motor des neokonservativen Rollbacks.“
Mir blieb erspart je bei den Grünen austreten zu müssen, weil nie eine Mitgliedschaft in Frage kam. Aber ich frage mich, wie lange es braucht bis die jetzige Partei Die Lionke. Auf eine ähnliche Geschichte zurückblicken darf. Eines allerdings fehlt in diesem Buch, wie soll Veränderung funktionieren?
Jutta Ditfurth, Krieg, Atom, Armut. Was sie reden, was sie tun: Die Grünen. Rotbuch Verlag, Berlin 2011, 288 Seiten, 14,95 € ISBN 978-3-86789-124-7


















