DICHTUNG UND GESCHICHTE
Jochachim Sartorius
„Niemals eine Atempause“
Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert

Wir haben mit 2014 ein Jahr hinter uns gebracht in dem wir viel „Geschichte“ und „Gedenken“ geboten bekamen. Der Streit um die „Schuldfrage“ und diese vorgeschobene  „Aufarbeitung der Geschichte“  hat viel Papier vergeudet und zur Vernebelung der Grundwidersprüche in dieser nichtunseren Gesellschaft beigetragen. Schon als Herausgeber der Anthologien „Atlas der neuen Poesie“, „Minima Poetica“ und  „Alexandria Fata Morgana“ hat er mehr als nur lyrisch-poetische Kompetenz bewiesen. In diesem Handbuch wird in neunzehn Ereignissen des vorigen Jahrhunderts von Schriftstellern per Text viel mehr beschrieben, geschildert, kommentiert  und Position bezogen, als die Geschichtswissenschaft leisten könnte. In seinem  kenntnisreichen und bei dem Thema auch notwendig ausführlichen Vorwort schreibt der Herausgeber unter anderem: „Es gibt politische Gedichte ohne Zahl. Es ist ein Meer. Hängt man der These an, dass jedes Gedicht, auch das bukolische, gesellschaftliche Relevanz hat – quasi  ex negativo-, so hat man es mit einem Ozean „politischer“ Gedichte zu tun. Bei der Zusammenstellung dieser Anthologie und ihrer Engführung waren daher zwei Definitionen von zentraler Bedeutung: Was ist ein politisches Gedicht? Und wann ist ein politisches Gedicht ein gutes, ein gelungenes Gedicht?“

Die beiden Fragen beantwortet dieses Handbuch, die Auswahl, die wohl auch durch einen vorgegebenen Umfang durch den Verlag, Grenzen finden musste.  Ob es der Erste Weltkrieg ist, die Russische Revolution, Lob des Kommunismus, das Jahr 1933, der Spanische Bürgerkrieg, Hitler und Stalin, Flucht, Emigration und Exil oder  das Ende des Kalten Krieges um nur einige der  Themenkreise zu erwähnen die politische Poesie bieten. Es fehlen mir allerdings in dieser Sammlung einige  Ereignisse, viel zu oft „übersehen“ wurde der Februar des Jahres 1934, da haben Österreichs Arbeiter im bewaffneten Widerstand gegen den Faschismus und die Ständestaatsdiktatur gekämpft und auch die verbrecherische Vernichtung der Literatur per Bücherverbrennung, sie wäre ein Thema.
Es hätte sicherlich  dieses notwendige und wichtige Handbuch der politischen Poesie noch ein Stück großartiger werden lassen, als es, trotz dieser  Versäumnisse  in das ich gerne den von mir so verehrten und geliebten Dichter Jura Soyfer mit einbeziehe, von dem ich leider keines seiner vielen so wichtigen politischen Gedichte in diesem Buch fand.  Es scheint aber bei Sartorius, bei allem Lob seiner Arbeit doch zu wenig Wissen um weitere wichtige Lyriker zu geben, die man Österreich zurechnen muss. Theodor Kramer, Ernst Jandl oder den von den Nazis  ermordeten Widerstandskämpfer Richard Zach. Da diesem Buch eine zweite Auflage zu wünschen ist, wäre hier eine Erweiterung sicherlich mehr als nur eine Notwendigkeit.

112 Lyrikerinnen und Lyriker mit ihren Gedichten sind in diesem Band versammelt und sehr oft wird klar, wie wenig Kunst und Macht zusammen passen. Das vergangene Jahrhundert hat, vor allem nach 1945 in Deutschland wenig politisch-  lyrische Spuren hinterlassen. Bis auf Erich Fried gab es nur die linken kritischen Liedermacherinnen und Liedermacher. Meist blieb ihnen ein Zugang zur Mehrheit des Publikums verwehrt. Die Zeit aber, sie bräuchte, mehr denn je das politische Gedicht. 
Es war im Jahre 1983 da  hat ein Richter in Hildesheim, dort war der Kriegsdienstverweigerer Armin Juri Hertel eingesperrt  - seine Mutter hatte ihm Bücher von Heinrich Heine, Heinrich Mann und Alfred Döblin geschickt entschieden, dass diese Bücher dem Häftling nicht auszuhändigen seien, weil es sich um Terroristenliteratur handle.

„Niemals eine Atempause“ ist eine Sammlung die viele Fortsetzungen braucht.  Ich könnte hier, gäbe es dafür Platz viele Gedichte zitieren, die in diesem Buch beweisen, wie wichtig das politische Gedicht ist. Wieso gibt es eigentlich in der linken Zeitungslandschaft kaum Platz für das doch so notwendige Gedicht?  Ich könnte hier jetzt eines der vielen Gedichte, die alle mit gutem Grund in dieser Sammlung stehen, hier an’s Ende meiner Kritik setzen. Ich tue es nicht.  Hier ist eines, von Erich Fried, das nicht in diesem Handbuch steht:

Völlig veraltete Klassenkampftheorie
Was den Armen zu wünschen wäre
Für eine bessere Zukunft?
Nur daß sie alle
Im Kampf gegen die Reichen
So unbeirrbar sein sollen
So findig
Und so beständig
Wie die Reichen im Kampf
Gegen die Armen sind

So viele Schurken die  alle Güter dieser Erde ihrem alleinigen Besitz unterwerfen und so wenig Nachrichten von den Meisterinnen und Meistern der Sprache, Kunst und Musik die für eine machtfreie, antireaktionäre und aufgeklärte Gesellschaft kämpfen.  „Niemals eine Atempause“ braucht viele weitere Beispiele politischer  Poesie!

Dieter Braeg

„Niemals eine Atempause“ – Joachim Sartorius ;Taschenbuch: 348 Seiten; Verlag: Kiepenheuer&Witsch ISBN-13: 978-3462046915; 22,99 €