Streikbeforschung ?

Peter Birke:
„Wilde Streiks im Wirtschaftswunder. Arbeitskämpfe, Gewerkschaften und soziale Bewegungen in der Bundesrepublik und Dänemark“

In der Einleitung meint der Autor u. a.: „Diese offene Situation und die in ihr sichtbare Neuzusammensetzung der sozialen Konflikte war Ausgangspunkt meiner Neugier auf eine intensive Beschäftigung mit der Geschichte der wilden Streiks. Die Arbeitskonflikte schienen mir ein Thema zu sein, das einen anderen Blick auf „1968“ ermöglichen könnte als in der bundesdeutschen Forschung üblich. Mich interessierte auf der einen Seite, wie diese Konflikte jenseits der Fabrik wirkten, und auf der anderen Seite, wie die neuen sozialen Bewegungen sich in den Fabriken geltend machten. Ich nahm an, dass es genügend Spuren und Hinweise geben müsste, um diese Frage anhand der wilden Streiks zu untersuchen.
Ich nahm mir vor, dies nicht anhand des französischen oder italienischen Beispiels zu diskutieren, sondern anhand zweier Länder, die eher, wie es der Titels einer Studie von Marica Tolomelli („'Repressiv getrennt' oder 'organisch verbündet' - Studenten und Arbeiter 1968 in der Bundesrepublik Deutschland und in Italien.“ - Das Buch befasst sich mit den Protestbewegungen, die 1968 in der Bundesrepublik Deutschland und Italien - sowie in den meisten westlichen Industrieländern - kulminierten. Besonders prägend für die Entwicklung der 68er Bewegung, so die These, erwiesen sich die Beziehungen, die die mobilisierten Studenten- zur Arbeiterbewegung aufbauten.) paraphrasiert, für die »repressive Trennung« als für die »organische Verbindung« der Proteste bekannt sind. Damit begannen die Probleme …

Das erste Problem: Man könnte meinen, dass die »1968er« zumindest in der Bundesrepublik so gut »beforscht« sind, dass es irgendwo mal ein Projekt mit Namen »1968 in der Fabrik« gegeben haben müsste. Tatsächlich werden nicht nur die Verweigerung der Arbeit und die Proteste der Arbeiterinnen und Arbeiter, sondern das Thema »Arbeit« überhaupt in der Debatte um »1968« fast nie berührt. Selbst die Produktions- und Reproduktionsverhältnisse, die das Leben der sagenhaften »Akteure« des Aufstandes bestimmt haben müssten,
kommen so gut wie nicht vor. Wilde Streiks? Ebenfalls ein »blinder Fleck« in der aktuellen Forschung. Die vorliegende Arbeit ist leider die erste systematisch zusammenfassende Studie über die »illegalen« Arbeitskämpfe in der Zeit von 1950 bis 1973.“

Die schlechte Gesellschaft, in der sich die abhängig Beschäftigten mehr und mehr um ihr kritisches Bewusstsein bringen ließen und lassen, hat schon lange auch die Sprache erreicht. „Wild“ ist alles, was ein Jäger vor die Flinte bekommen kann, dass ein Arbeitskampf „wild“ ist, wurde in Deutschland erst nach 1945 in den Sprachgebrauch eingeführt. Wer als Verkäufer seiner Arbeitskraft diese verweigert, aus gutem Grunde und leider viel zu wenig oft, der ist dann ein „wilder“ Streiker, wenn nicht eine der im sozialpartnerschaftlichen Geschmuse eingebundenen Gewerkschaft diesen „Kampf“ ausruft. Allein schon der Begriff „Tarifpolitik“ sagt nur zu deutlich, dass es hier gesittet zugeht. Verhandlung, Scheitern der Verhandlung, Urabstimmung und dann Streik. Das ist der geregelte Ablauf. So muss das gehen, sonst wird es „wild“! Auch beim Autor Peter Birke.

Die „Beforschung“ jener Arbeitskämpfe die wirklich basis-nah und meist gegen ein Unternehmertum gerichtet waren, das im „Wirtschaftswunder“ für die Gewinnmaximierung kämpfte - ganz ohne Urabstimmung - ist dann „wild“, wenn es die Übel der Arbeitswelt - schlechte Löhne, miserable Arbeitsplätze, unsoziale Betriebsordnungen - bekämpfte, und das war nur mit einem Mittel möglich: Arbeitsniederlegung/Streik. „Wild“ war und ist - bis zum heutigen Tage - die Vorgehensweise des Kapitals gegen die, die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen um zu überleben. 

Zu gut erinnere ich mich an den Ausspruch des Neusser Polizeipräsidenten Knecht im Jahre 1973 vor dem Fabriktor der Firma Pierburg: „Wilder Streik ist Revolution“ - das Kapital hatte schon da seine Bündnispartner, um Ruhe und Ordnung zu schaffen, damit die Profitmaximierung klappt.

Die „Untersuchung“ der Arbeitskämpfe, an denen sich die Gewerkschaften nicht beteiligen wollten, gehen bis in das Jahr 1973/74; warum da Schluss ist mit der „Beforschung“, das ist nicht erkennbar. Dass man deutsche Arbeitskämpfe mit denen in Dänemark in einem Buch untergebracht hat, ist mir eigentlich auch ein Rätsel. Der Forschungsgegenstand, sich mit den Arbeitskämpfen der BRD zu beschäftigen, die von den Arbeiterinnen und Arbeitern in alleiniger Verantwortung stattfanden, hätte genauer untersucht werden können. So blieb viel an der Oberfläche. Obwohl es deutliche Spuren gab, hätte man nur genauer gesucht!

Traurig ist, dass einer der wichtigsten Kämpfe, die Betriebsbesetzung der Zementfabrik Seibel & Söhne, nicht erwähnt wird. Weil Peter Birke seine Arbeit nicht weiter ausdehnte bis zum Jahr 1975 und weiter. Deswegen hier - exemplarisch - ein kurzer Bericht über diesen Kampf um Arbeitsplätze, zitiert:

„Seit Montag, dem 10. März, streiken die 160 Kollegen der Zementfabrik Seibel & Söhne in Erwitte bei Lippstadt in Westfalen. Sie haben das Werk besetzt und es mit quergestellten Lkws blockiert, um die Entlassung von 86 Kollegen zu verhindern. An den Wagen hängen Schilder mit der Aufschrift: ´Dieser Betrieb wird bestreikt´. Davor stehen Streikposten, die nur denjenigen durchlassen, der erwünscht ist. Die Arbeiter sind fest entschlossen, für die Erhaltung ihrer Arbeitsplätze zu kämpfen, auch wenn es vier Wochen und länger dauern sollte; denn es geht bei vielen um die nackte Existenz, da in Lippstadt schon 2.000 arbeitslos sind.

Die Kollegen haben jahrelang - manche schon seit 20 Jahren - in Tag- und Nachtschicht geschuftet, Überstunden gemacht und sich für Seibel abgerackert. Alles, damit dieser Ausbeuter sich ein schönes Leben machen konnte, z. B. hat er sich in Kanada riesige Ländereien gekauft, den Quadratmeter für 5 bis 7 Pfennig.

Mit allen Mitteln versucht Seibel, den Widerstand der Kollegen zu brechen: Er gab seinem Fahrer die Anweisung, auf die Kollegen loszufahren. Die konnten sich nur durch einen Sprung zur Seite retten. Um weitere Angriffe zu verhindern, spannten die Arbeiter ein Stahlseil zwischen die Lkws. Er fotografierte die Streikposten, um sie fristlos zu entlassen. Inzwischen haben fast alle Kollegen die Kündigung bekommen. Nachdem Seibel den Ofen hatte stilllegen lassen, um während des Streiks nicht die Energie zahlen zu müssen, behielt er einen Teil des Februar-Lohns zurück, mit der Behauptung, von dem Geld müsse er die am Ofen entstandenen Schäden reparieren. Ingesamt steckte er sich ca. 32.000 Mark ein. Die Kollegen bekamen nur den nichtpfändbaren Teil ihres Lohnes ausgezahlt: 100 bis 900 Mark.

Dieser Schinder hat die Arbeiter jahrelang schikaniert. So berichtete ein Kollege, dass er nach einer 12-Stunden-Schicht noch einen Schaden am Ofen reparieren sollte. Sie wurden von ihm als „Drecksäue“ beschimpft. Jeder, dessen Nase ihm nicht passte, wurde rausgeschmissen.

Die Seibel-Arbeiter führen den Kampf äußerst diszipliniert: Sie achten streng darauf, dass sich niemand betrinkt. Die Solidarität unter der Bevölkerung ist groß: Kollegen kommen vorbei und bringen Zigaretten und Verpflegung mit. Von mehreren Betrieben wurden Solidaritäts-Telegramme geschickt. Auch wenn dieser Streik mit äußerster Härte geführt wird, sind die meisten der Kollegen der Meinung, dass es hierbei nur gegen einen Kapitalisten geht. Sie sagen: Dieser Streik ist unpolitisch, es geht nur um unsere Arbeitsplätze. Es ist die Schuld von Seibel, dass es zum Streik kommen musste, weil er so unvernünftig ist.

Die Kollegen haben eine Streikleitung gewählt, in der Betriebsräte, Vertrauensleute und andere Kollegen sind. Die Industriegewerkschaft Chemie-Papier-Keramik hat den Streik bis jetzt unterstützt, sie hat eine Frauenversammlung durchgeführt, auf der die Frauen über den Kampf der Männer informiert wurden. Doch die Kollegen werden über die Verhandlungen mit den Kapitalisten kaum informiert. Wenn sie etwas erfahren, dann ist es so durchgesickert. Die bisherige Politik der Gewerkschaftsführer zeigte, dass sie nicht konsequent die Interessen der Arbeiter vertreten. Deshalb wäre es nicht verwunderlich, wenn sie als Ergebnis ihres ´Kampfes´ einen langsamen Personalabbau ausmauscheln würden.“

Ich könnte hier noch einige Seiten darüber schreiben, wie es zu diesem Kampf in Erwitte kam, der heute in Vergessenheit geraten ist, schon weil es gefährlich wäre, sich bei dem gängigen Sozialplan-Gewinsel samt Frühverrentungs-Betrug wieder mit Betriebsbesetzungen zu beschäftigen. Wie fein NOKIA abgewickelt wurde, weil das Wissen um den Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit fehlte, kann beklagt werden; ob es sich ändern wird, bleibt offen. Dass zum Beispiel die kämpfenden Arbeiterinnen und Arbeiter in Erwitte auch einen Besuch von der LIP-Belegschaft (ein sehr lange Zeit besetzter Betrieb, der auch die Produktion wieder aufnahm) aus Frankreich bekamen, sei am Rande erwähnt.

Ich hatte an dieses Buch die Erwartung, dass es in die Tiefe geht, die Möglichkeiten aufzeigt, wie man diese Kämpfe organisiert hatte - aber es bleibt leider bei ziemlich oberflächlichen Beschreibungen. Trotz einer langen Literaturliste.

Ich möchte hier einige Beispiele gelungener Kampf-und-Streik-Berichterstattung erwähnen. Da wäre „Wir gehen nach vorn“ von Gerd Höhne, zu den Auseinandersetzungen bei Mannesmann im Jahre 1974. Auch das Buch der Plakat-Gruppe, das die Kämpfe bei Mercedes Benz beschreibt, an denen Willi Hoss beteiligt war, samt der exemplarischen politischen Betriebsarbeit, war und ist wichtig. Die vielen Auseinandersetzungen bei OPEL Bochum, an denen nicht nur das Kapital, sondern auch die IG Metall beteiligt war, die mit Gewerkschaftsausschlüssen die Kampfkraft der Belegschaft schwächen wollte. „Kampf um Bosch“ von Eugen Eberle und Tilman Fichter war und ist für mich ein Buch (Wagenbach Verlag, 1974), das deutlich machte, wie wichtig es ist, im Betrieb zu kämpfen. Berni Kelbs „Betriebsfibel“ aus dem Jahre 1971 war für mich ein Muss, um bei Pierburg die skandalösen Arbeits- und Lebensbedingungen der dort beschäftigten ausländischen Frauen zu bekämpfen. 

Auch ihre Kämpfe kommen in dieser Untersuchung am Rande vor, gehen nicht in die Tiefe. Dass der Autor dann auch noch behauptet, es gäbe bei der IG Metall dazu aussagekräftige Unterlagen, ist eine schlimme Sache. Dass die IG Metall es bis zum Jahr 2000 nicht geschafft hat, aus den Tarifverträgen die Frauenleichtlohngruppe zu eliminieren, die bei Pierburg 1973 von Frauen und Männern weggestreikt wurde, ist blamabel! Seltsam ist, dass Peter Birke in den IG Metall-Archiven keine Belege fand, wie eng Teile des Vorstands mit der Familie Pierburg zusammenarbeiteten um den „Frieden im Betrieb“ wieder herzustellen.
Es wäre auch lohnend gewesen, sich mit dem Ford-Streik in Köln zu beschäftigen, um dabei zu dokumentieren, wie da ein rechter „kölscher“ Gewerkschaftsklüngel diesen Kampf zur Niederlage werden ließ.

Ich bin der Meinung, dass die APO und die heute so seltsam fremd und unreal dargestellte 68er-Bewegung gerade bei den „echten“ Kämpfen in den Jahren ab 1970 herum sehr viel bewirkte und auch bei den Gewerkschaften Spuren hinterließ. Nicht die, nun zu kämpfen, sondern zu schwächen. Besonders schlimm waren die Aktionen gegen jene Linken, die sich in kleinen Parteien organisiert hatten. Unvereinbarkeitsbeschlüsse sorgten für den Ausschluss aus der Gewerkschaft, dem bald darauf Kündigung und Berufsverbot folgte.

Das wäre ein Thema zur „Beforschung“, nur nicht so, dass es - wie bei diesem Buch - nicht zum Ursächlichen vorstößt, sondern dafür sorgt, dass man was daraus lernen kann, dass dieses „Wirtschaftswunder“ keine Wunder in der Lebenshaltung der abhängig Beschäftigten bedeutete und dass die dann daraus resultierenden Kämpfe notwendig und leider viel zu oft erfolglos waren!

Dieter Braeg


Birke, Peter: Wilde Streiks im Wirtschaftswunder. Arbeitskämpfe, Gewerkschaften und soziale Bewegungen in der Bundesrepublik und Dänemark. Campus Verlag, Frankfurt/Main 2007, ISBN 978-3-593-38444-3; 39,90 €