Wien & Bachmann
Joseph McVeigh:
„Ingeborg Bachmanns Wien“

War „Hitlers Wien“ nicht nur ein zutreffender Buchtitel, sondern auch ein recht notwendiges Buch, ist dies bei diesem Buch ein leeres Versprechen. Der Umschlagtext verspricht: „Kenntnis- und detailreich schildert Joseph McVeigh Ingeborg Bachmanns Entwicklung im geistig-kulturellen Milieu der unmittelbaren Nachkriegszeit, von den Studienjahren bis zu ihrem großen Erfolg bei der Lesung der Gruppe 47 im Mai 1953 und ihrem langen Abschied aus Wien.“

Im kriegszerstörten und besetzten Wien im Mai 1948 trafen und liebten sich Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Sie, Tochter eines österreichischen Mitglieds der NSDAP, studierte Philosophie. Celan, staatenloser Jude aus der legendären Stadt Czernowitz, die Eltern ermordet in einem deutschen Konzentrationslager, er Überlebender eines rumänischen Arbeitslagers. Hier ein Gedicht von Paul Celan.

In  Ägypten
Für Ingeborg
Du sollst zum Aug der Fremden sagen: Sei das Wasser!
Du sollst, die du im Wasser weißt, im Aug der Fremden suchen.
Du sollst sie rufen aus dem Wasser: Ruth! Noemi! Mirjam!
Du sollst sie schmücken, wenn du bei der Fremden liegst.
Du sollst sie schmücken mit dem Wolkenhaar der Fremden.
Du sollst zu Ruth, zu Mirjam und Noemi sagen:
Seht, ich schlaf bei ihr!
Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken.
Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noemi.
Du sollst zur Fremden sagen:
Sieh, ich schlief bei diesen!
Wien, am 23. Mai 1948.
Der peinlich Genauen,
22 Jahre nach ihrem Geburtstag,
Der peinlich Ungenaue
Der Autor dieses Buches, Joseph McVeigh (Professor für Germanistik am Smith College in Northampton, Massachusetts), berichtet, wo Ingeborg Bachmann in Wien wohnte, etwa in der Beatrixgasse Nr. 26 (im Roman „Malina“ begegnet man dem „Ungargassenland“ im 3. Bezirk in Wien). Das Thema aber hat er verfehlt. Es reicht nicht, die akademische Laufbahn von Ingeborg Bachmann zu analysieren oder ihre Tätigkeiten für den US-Nachrichtendienst AND und den US-Radiosender Rot-Weiß-Rot. Ist Ingeborg jemals im Arenbergpark gesessen, in den im Zweiten Weltkrieg 1942/43 zwei Flaktürme gebaut wurden, die noch heute dort stehen? Immerhin ist es nicht weit von der Beatrixgasse in diesen Park.
Wien, die Stadt, die sich langsam vom Krieg erholte, hatte damals einen kommunistischen Kulturstadttrat. Er hieß Viktor Matejka und war für den Neubeginn einer Kulturpolitik verantwortlich, die Wien nach den Jahren der Diktatur im wahrsten Sinne des Wortes befreite: “Als Mitglied einer Konzentrationsregierung von SPÖ, ÖVP und KPÖ war ich für alle Wiener da. Außerdem hatte ich nie die Illusion, ich würde mit meiner Auffassung und Praxis einem oder gar mehreren Parteiprogrammen entsprechen. Parteiprogramme enthalten häufig verwaschenes Zeug. Worauf es mir ankam, war der Mensch und seine Initiative, an die er dann seine Zähigkeit anfügen mochte. Nach der Unersättlichkeit der braunen Diktatur und ihrer Zensur versuchte ich alle meine Handlungen auf Liberalität, Zusammenwirken aller Vernünftigen, Freude am Aufbau nach totaler Zerstörung, auf menschliche Toleranz abzustimmen.“

Auch das Wirken von Viktor Matejka gehörte zu Bachmanns Wien. Nur findet man in diesem Buch dazu herzlich wenig. Sogar der „Förderer“ von Ingeborg Bachmann, Hans Weigel, ein kalter Kulturkrieger und Kommunistenfresser, dem die Schauspielerin Käthe Dorsch viel zu wenig Ohrfeigen verabreichte  - „Ich finde es an der Zeit, dass Sie etwas auf Ihr ungewaschenes Maul bekommen!“ -, meinte über Viktor Matejka u. a.: „Viktor Matejka hat viele Gegner, aber keine Feinde. Für die beispielgebende lebendige Amtsführung als Stadtrat gebührt ihm der Dank auch derer, die mit ihm immer wieder verschiedener Meinung waren. … Es ist begrüßenswert, dass junge Schriftsteller sich für das Fortbestehen des Amtes für Kultur und Volksbildung und Viktor Matejkas Wiederbetreuung einsetzen, obwohl sie weder Kommunisten noch Linkssozialisten sind.“          

Hans Weigel war einige Zeit mit Ingeborg Bachmann liiert. Beruflich profitierte sie von dieser Beziehung, wo bei in späteren Jahren ihr diese „Hilfe“ eher als Bevormundung in Erinnerung blieb und Weigels Roman „Unvollendete Symphonie“ - er erschien im Jahre 1951 - ist ein Schlüsselroman über seine Beziehung mit Ingeborg Bachmann und ist auch keine Ruhmestat dieses Kritikers, der in den Nachkriegsjahren im Café Raimund, gelegen im 1. Wiener Bezirk in der Museumsstraße 6, Hof hielt. Milo Dor, Kurt Moldovan, Reinhard Federmann waren auch Gäste in diesem anerkannten Künstler-Café; hier wurden auch die Schrifstellerinnen Jeannie Ebner, Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann entdeckt, und Christine Busta, Gerhard Fritsch, Jörg Mauthe und Friederike Mayröcker gehörten zum Stammpublikum.

Findet man nun in dem Buch ein wenig diese Literaten-Künstler-Kaffeehaus-Atmosphäre? Nein, Wien mag anders sein oder auch dem Motto „Wien bleibt Wien“ entsprechen, da bleibt höchstens nüchterne Arbeitsatmosphäre. Bachmann selbst nannte Wien eine „Stadt ohne Gewähr“ und ihre Sehnsucht nach einer großen Liebe und Anerkennung als Mensch und Literatin erfüllten sich nicht.
Es gab eher herbe Enttäuschungen und zum Teil übelste Reaktionen, denn nicht nur Hans Weigel war ein „Förderer“, sondern auch Hermann Hakel. Hakel wie Weigel unterstützten junge Autorinnen und Autoren, beide erkannten das Talent von Ingeborg Bachmann und förderten es. Beide verlieben sich in Ingeborg Bachmann und müssen verarbeiten, dass die Bachmann Paul Celan liebt. Die im Buch geschilderten politischen Auseinandersetzungen, an denen nicht nur Weigel und Hakel beteiligt waren, dokumentieren in keiner Weise die von Viktor Matejka in Wien geförderte Kulturpolitik.       

Der im Jahre 2008 verstorbene Dichter und Essayist Paul Wimmer sprach von einem „literarischen Giftschrank“ des Hermann Hakel. Wimmer hoffte, dass diese Textsammlung nie veröffentlicht werden würde. Dem war leider nicht so.  

Im Buch „Von denen ich nichts weiß - Wahrnehmungen eines Literaten“, gibt es auf 23 Seiten
„Wahrnehmungen“ zu Ingeborg Bachmann; hier eine kleine Kostprobe: „Die nächsten Bachmann-Szenen spielen in meiner Untermiete in der Josefstädterstraße. Zum ersten Mal ihre Gedichte, mein schneller, halberfolgreicher Verführungs¬versuch, ihre mich erschreckenden, sehr gekonnten, hitzi-gen Zungenküsse und zugleich die willensstark zusam¬mengepressten Schenkel. Die vier Gedichte von ihr in der ersten Nummer meines Lynkeus (Winter 1948/49) waren bloß ein kleiner Teil der mir übergebenen frühen Gedichte, an denen ich von Anfang an nichts auszusetzen fand. Sie war in jeder Hinsicht mit zweiundzwanzig Jahren eine fer¬tige Lyrikerin. Meine ganze Leistung bestand darin, das sofort zu erkennen und ihre Verse so bald wie möglich zu publizieren. Ich weiß nicht, welche von diesen frühen Ge¬dichten sie später in ihren ersten Band aufgenommen hat. Bis zum Winter 1958 besaß ich diese ziemlich umfangrei¬che Sammlung, die aber während meiner vielen Übersied¬lungen verloren ging. Während mich der resolute Ausdruck dieser Verse überraschte und überzeugte, erschreckte mich deren Ausweglosigkeit (»Ich kann in keinem Weg mehr einen Weg sehen«).
Ihres »Wesens Dur und Moll«, wie sie sich in einem anderen der von mir publizierten Gedichte interpretierte, klaffte in der Folge immer mehr auseinander. Ihr Dur setzte sich immer mehr in ihrem Ehrgeiz durch, auch noch in präzis formulierten Versen und Sätzen, ihr Moll aber wurde immer rauschsüchtiger, exaltierter, und endete zu¬weilen in romantischer, kitschiger Sentimentalität. Ihre außergewöhnlich starke Denkfähigkeit benützte sie nicht, um über sich und über die Zeit nachzudenken, sondern um sich einen anerkannten Platz zu erobern. Je mehr Kraft sie dafür aufwandte, umso bedürftiger und hilfloser lieferte sie sich dem aus, was einsame, kinderlose Frauen ihrer Art Liebe nennen. Das Böse dabei war, dass sie bei den jeweils „Erwählten“ auch die praktischen Erfolgschancen miteinkalkulierte.“

Auch diese Nachrichten aus Ingeborg Bachmanns Leben in Wien hätten viel mehr Platz in Joseph McVeighs Buch finden müssen. Wien ist heute „anders“ und der Weg zu diesem Wien fand auch schon in der Zeit statt, als Ingeborg Bachmann in Wien lebte; und so sah sie Wien:

Große Landschaft bei Wien

Geister der Ebene, Geister des wachsenden Stroms,
zu unsrem Ende gerufen, haltet nicht vor der Stadt!
Nehmt auch mit euch, was vom Wein überhing
auf brüchigen Rändern, und führt an ein Rinnsal,
wen nach Ausweg verlangt, und öffnet die Steppen!

Drüben verkümmert das nackte Gelenk eines Baums,
ein Schwungrad springt ein, aus dem Feld schlagen
die Bohrtürme den Frühling, Statuenwäldern weicht
der verworfene Torso des Grüns, und es wacht
die Iris des Öls über den Brunnen im Land.
Was liegt daran? Wir spielen die Tänze nicht mehr.
Nach langer Pause: Dissonanzen gelichtet, wenig cantabile.
(Und ihren Atem spür ich nicht mehr auf den Wangen!)
Still stehn die Räder. Durch Staub und Wolkenspreu
schleift den Mantel, der unsre Liebe deckte, das Riesenrad.

Nirgends gewährt man, wie hier, vor den ersten Küssen
die letzten. Es gilt, mit dem Nachklang im Mund
weiterzugehn und zu schweigen. Wo der Kranich
im Schilf der flachen Gewässer seinen Bogen vollendet,
tönender als die Welle, schlägt ihm die Stunde im Rohr.



Asiens Atem ist jenseits.
Rhythmischer Aufgang von Saaten, reifer Kulturen
Ernten vorm Untergang, sind sie verbrieft, so weiß ich´s
dem Wind noch zu sagen. Hinter der Böschung
trübt weicheres Wasser das Aug,
und es will mich noch anfallen trunkenes Limesgefühl;
unter den Pappeln am Römerstein grab ich
nach dem Schauplatz vielvölkriger Trauer,
nach dem Lächeln Ja und dem Lächeln Nein.

Alles Leben ist abgewandert in Baukästen,
neue Not mildert man sanitär, in den Alleen
blüht die Kastanie duftlos, Kerzenrauch
kostet die Luft nicht wieder, über der Brüstung
im Park weht so einsam das Haar, im Wasser
sinken die Bälle, vorbei an der Kinderhand
bis auf den Grund, und es begegnet
das tote Auge dem blauen, das es einst war.

Wunder des Unglaubens sind ohne Zahl.
Besteht ein Herz darauf, ein Herz zu sein?
Träum, dass du rein bist, heb die Hand zum Schwur,
träum dein Geschlecht, das dich besiegt, träum
und wehr dennoch mystischer Abkehr im Protest.
Mit einer andern Hand gelingen Zahlen
und Analysen, die dich entzaubern.
Was dich trennt, bist du. Verström,
komm wissend wieder, in neuer Abschiedsgestalt.

Dem Orkan voraus fliegt die Sonne nach Westen,
zweitausend Jahre sind um, und uns wird nichts bleiben.
Es hebt der Wind Barockgirlanden auf,
es fällt von den Stiegen das Puttengesicht,
es stürzen Basteien in dämmernde Höfe,
von den Kommoden die Masken und Kränze . . .

Nur auf dem Platz im Mittagslicht, mit der Kette
am Säulenfuß und dem vergänglichsten Augenblick
geneigt und der Schönheit verfallen, sag ich mich los
von der Zeit, ein Geist unter Geistern, die kommen.

Maria am Gestade -
das Schiff ist leer, der Stein ist blind,
gerettet ist keiner, getroffen sind viele,
das Öl will nicht brennen, wir haben
alle davon getrunken - wo bleibt
dein ewiges Licht?

So sind auch die Fische tot und treiben
den schwarzen Meeren zu, die uns erwarten.
Wir aber mündeten längst, vom Sog
anderer Ströme ergriffen, wo die Welt
ausblieb und wenig Heiterkeit war.
Die Türme der Ebene rühmen uns nach,
dass wir willenlos kamen und auf den Stufen
der Schwermut fielen und tiefer fielen,
mit dem scharfen Gehör für den Fall.

(Erstveröffentlichung in „Frankfurter Hefte. Zeitschrift für Kultur und Politik“, Jahrgang 8, Heft Juli 1953)

Dieses Buch hat das Thema, das es im Titel führt, verfehlt!

Dieter Braeg

Joseph McVeigh
„Ingeborg Bachmanns Wien“, Insel Verlag, Berlin 2016, 316 Seiten, ISBN 978-3-458-17645-9.
24,95€