Im Verlag DIE BUCHMACHERE (www.diebuchmacherei.de) erschienen:

Im Verlag für Literatur und Politik (Wien VIII) erschien in der dort herausgegebenen Zeitschrift ARBEITER-POLITIK, Ausgabe Nr.7/8, Juli/August 1924, auf den Seiten 345 bis 353 zum ersten Mal das Gedicht „Seenot“ von Erich Mühsam.
Der Anlass zur Entstehung zu diesem Gedicht, das bis heute seine Aktua­lität und Gültigkeit bewies, findet sich in den Tagebuchauf­zeichnungen von Erich Mühsam, die derzeit, bereits mit 12 Bänden im Berliner VERBRECHER VERLAG erschienen sind und laut Editionsplan aus insgesamt 15 Bänden beste­hen werden:
„Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 19. Januar 1924
Überall in Deutschland das gleiche Bild: die Kapitalisten de­kretieren unerhörte Arbeitszeitverlängerungen bei gleich­zeitiger ungeheuerlicher Beschneidung der Löhne. Das Heer der Erwerbslosen wächst ins Riesenhafte, und wer nicht in Mammutbetrieben zehn, elf, zwölf Stunden arbeiten muss, ist in den kleineren Betrieben zur Kurzarbeit bei völlig un­auskömmlicher Entlohnung verurteilt. [...]

So liest man von allen Gegenden über Lohn- und Tarifbewe­gungen, vom Verlassen der Arbeitsstätten nach acht Stunden, von Kämpfen und Demonstrationen, bei denen unausgesetzt Arbeiterblut fließt, während doch in Wahrheit die »Errun­genschaften« unseres armen bisschens Revolution längst  beim Teufel sind und alle diese Versuche bloß noch Nach­züglergeplänkel charaktervoller Proletarier sind, die noch nicht sehen, bis zu welchem Grade sie schon verraten sind. Natürlich ist die Wut der Arbeiter allgemein, und gegen er­folgreiches Aufbegehren hat man ja den von Ebert verhäng­ten (von seinen drei Parteigenossen unter den Stresemannen mitbeschlossen) Belage­rungszustand, der selbst­verständlich nicht früher aufgehoben wird, als nicht die Unternehmerschaft ihre letzten Ziele so weit gefördert hat, dass sie nicht mehr kaputt zu machen sind. Diese Ziele gehen konsequent auf die Privatisierung der Staats­betriebe hinaus, was mit schöner Offenherzigkeit von Herrn Stinnes selbst einem französischen Aus­frager entwickelt wurde. Der aufmerksame Leser kann viel aus dem Interview entnehmen. Die Herren wollen nicht nur die Verkehrsmittel in ihren Besitz bringen, sondern, nachdem ihnen die Eskamotierung des Münzmonopols so überraschend gelungen ist, dem Staat auch den eigentlichen Lebensnerv abbinden. Stinnes spricht von der Gründung seiner eigenen - vom Reich unabhängigen! - Bank, der die Steuererhebung zu übertragen wäre. Dass damit auch die Steuerleistungen selbst von den Finanzierern dieser Bank zu bestimmen wären, liegt um so mehr auf der Hand, als ja schon die Rentenbank-Inhaber das Recht zuerkannt erhalten haben, das Reichsbudget vor dem Reichstag zu genehmigen, zu verändern oder abzulehnen. Wir haben also in Deutsch­land, dem Lande, in dem die Hypertrophie des Staatsbegriffs – obwohl hier der Staat jünger ist als fast überall sonst – un­geahnte Dimensionen annehmen konnte, das erste praktische Beispiel der Auflösung des Staats.“

Die Entlassung Erich Mühsams aus der Justizvollzugsanstalt Niederschönenfeld fand am 20. Dezember 1924 statt. Von dort zog er nach Berlin. Dort dürfte er mit Rudolf Geist nicht nur in brieflichem Kontakt gestanden haben.  Im Jahre 1925 gab Rudolf Geist in seinem Verlag der Schriften (Wien -Ober St. Veit) in der Reihe „Verse und Gesänge“ die „Seenot“ von Erich Mühsam heraus.  Dabei hielt er sich, mit einigen „Fehlern“ an die Erstausgabe des Gedichts in der Zeitschrift „Arbeiter-Literatur“.  Die Gesamtauflage betrug 1150 Exemplare, darunter 50 Stück in einer Vorzugsausgabe, die nicht nur künstlerisch gestaltet war, sondern auch vom Autor und Herausgeber handschriftlich autographiert wurden.  In einigen Ausgaben der von Erich Mühsam herausgegebenen Zeitschrift „ Fanal“ gab es ein Inserat mit dem für die Ballade „Seenot“ geworben (Preis brosch. 0,40 RM)) geworben wurde.
Den ursprünglichen Titel „Seenot“ der noch in der Erstaus­gabe verwendet wurde, ist von Paul Heinzelmann in seiner in zwei Auflagen erschienenen Steinklopfer Reihe im Jahre 1959 in Dampfer „Deutschland“ in Seenot zum Vorteil des Gedichts, verändert worden. Auch das Originalgedicht aus dem Jahre 1924 ist von ihm an einigen Stellen vorsichtig korrigiert worden.  
Der hier erst­mals veröffentlichte Briefwechsel zwischen Rudolf Geist, Paul Heinzelmann und Zenzl Mühsam zu diesem Gedicht ist Ansporn und Aufforderung Erich Mühsams Werke nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Erich Mühsam: „Dampfer ‚Deutschland‘ in Seenot“  Mit einem Nachwort von Dieter Braeg und einem Briefwechsel zwischen Paul Heizelmann, Rudolf Geist und Zenzl Mühsam.
 ISBN 978-3-9819243-2-9 -  32 Seiten – 3,50 €