Der KZ Verband/Verband der Antifaschisten Salzburg hat am 5 Februar in der Academy-Bar, die mit Fug und Recht als Kulturbar bezeichnet werden kann, mit der Autorin Maria Prieler-Woldan, Soziologin und historische Sozialforscherin, und der Enkelin der Bäuerin Maria Etzer, Brigitte Menne, in einer Veranstaltung das Leben der Bäuerin vorgestellt.

Dieses Buch, nicht nur eine Lebensgeschichte, sondern das Zeugnis einer Gesellschaft, die ihre Verhaltensweisen ob in Diktatur oder Demokratie kaum geändert hat, macht betroffen. Es verlangt Stellung zu beziehen, gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.

Im Jahre 1911 heiratete die damals 21-jährige Maria Etzer, ledige Tochter einer Dienstmagd und wurde mit der Hochzeit Bergbäuerin in Goldegg (Pongau). Ihr Mann verstarb, wegen Verletzungen aus dem ersten Weltkrieg und so musste sie ab 1925 den Hof allein bewirtschaften. Von 8 Kindern blieben vier am Leben die sie, wie drei Enkelkinder großzog.
Als Mitglied der katholischen Frauenorganisation blieb sie, auch während der Nazizeit ihrer religiösen Überzeugung treu, während ihre erwachsenen Kinder
Anhänger dieser verbrecherischen Ideologie waren.

Ab Beginn des 2. Weltkriegs fehlten heimische Arbeitskräfte. Als Ersatz für diese wurden den Bauerhöfen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter Zwangsarbeiter(innen) und Kriegsgefangene vermittelt. Der näherer Kontakt samt menschlichem Umgang zu diesen, ja sogar das gemeinsame Essen, wurde von den Nazis streng verboten. Maria Etzer praktizierte gegenüber jenen, die ihr halfen das Selbstverständliche: menschlich humanen Umgang und widerstand der Nazi-Doktrin. Zu einem ihrer Helfer, einem französischen Kriegsgefangenen, meinte sie: „Dieser Franzose war mir als Hilfskraft für meine Landwirtschaft zugeteilt; er war ein fleißiger und williger Arbeiter, und so habe ich ihn auch behandelt.“


Dieser menschlich solidarische Umgang im engsten Umfeld der Maria Etzer hatte Folgen. Sie wurde denunziert. Wegen „verbotenen Umgangs“ mit französischen Kriegsgefangenen wurde sie vom Sondergericht Salzburg zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt und ins Zuchthaus Aichach (Bayern) eingewiesen.

Die Zeitung „Wochenblatt“ stellte am 26.9.1942 fest: „Seien es Polen, Ukrainer oder aber Ostarbeiter, für alle gilt, daß sie in unserer Gemeinschaft am Hofe und im Dorf keinen Platz haben.“

In einem „Merkblatt über das Verhalten deutscher Volksangehöriger gegenüber Kriegsgefangenen“   aus dem Jahre 1940 ist unter Punkt 7 unter anderem für Landwirte festgelegt, dass die „deutschen Volksgenossen“
„den Verkehr mit den Kriegsgefangenen während der Arbeit auf das Mindestmaß beschränken und außerhalb der Arbeit ganz zu vermeiden. Es darf den Kriegsgefangenen nicht gestattet werden, an den gemeinsamen Mahlzeiten der Haushaltsmitglieder teilzunehmen, da sie aus den Gesprächen manches entnehmen könnten, was für den feindlichen Nachrichtendienst von Nutzen wäre.“
Der Verstoß gegen diese Richtlinien führte zur Bestrafung. Vor der der Bestrafung aber gab es einen Leidensweg von Maria Etzer. Folter, brutale Verhörmethoden.
Die Gerichtsverhandlung fand am 24.3.1943 in Salzburg statt. Wegen „verbotenen Umgangs“ mit französischen Kriegsgefangenen wurde sie vom Sondergericht Salzburg zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt und ins Zuchthaus Aichach (Bayern) eingewiesen Die am Urteil beteiligten Juristen waren NSDAP-Mitglieder. Einer der Beisitzer, Mathias Altrichter, war als Amtsrichter von 1958-1968 tätig.  Einen Verteidiger gab es in diesem und vielen anderen Prozessen nicht.

Die Enkelin von Maria Etzer, Brigitte Menne, schildert ihren langen Weg das Leben ihrer Großmutter aus jenem Vergessen zu reißen, das noch immer herrschende Verhaltensweise in großen Teilen dieser nichtunseren Gesellschaft ist. Im Landesarchiv Salzburg war es ihr nicht möglich, die vorliegenden Akten zu kopieren. Sie musste diese abschreiben.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    

Maria Etzer war vom 18,2,1943 bis 12.4.1945 in Aichach und Ingolstadt in politischer Haft.
Damit war aber ihr Leidensweg nicht beendet. In ihrer Heimat, dem Pongauer Goldegg, war Etzer nach 1945 geächtet.  Ihr Ansuchen um Opferrente blieb erfolglos. Die im Buch vorhandenen Auszüge aus den Akten nach 1945 setzen jene Verhaltensweisen samt Sprache fort, die auch während der Nazidiktatur üblich waren: „Dieses freundschaftliche Verhalten einem Kriegsgefangenen gegenüber kann keineswegs als ein Kampf für die Widererrichtung eines freien, demokratischen Österreichs bezeichnet werden. Die Inhaftierung stellt zweifellos ein hartes Schicksal dar, kann aber auf Grund vorliegender Tatsachen nach dem OFG/47 nicht beurteilt werden.“       

Maria Etzer wurde nie als Opfer des Naziterrors anerkannt. Ihr Ansuchen um Opferrente wurde in mehreren Instanzen abgelehnt, weil sie sich nicht "in Wort und Tat für ein freies und demokratisches Österreich eingesetzt" habe.

Die Enkelin: „Am Ende dieses2009 bin ich nach Wien übersiedelt. Beim Auspacken des Übersiedlungsguts fand ich den Wollsträhn (dieser Wollsträhn war während der Veranstaltung zu besichtigen! D.B.), den meine Großmutter Maria Etzer auf ihrem Spinn­rad gesponnen hatte. Ich erinnerte mich, dass ich sie als Volksschulkind in Werfen beim Spinnen gesehen habe. Mit einem Fuß auf und ab bewegte sie das Rad, zog aus dem Bauschen Schafwolle immer wieder etwas heraus, das sie dann mit den Fingern zu einem regelmäßigen Faden drehte, der sich unverzüglich wie von selbst auf einer Spule des Spinnrades aufwickelte. Das Geräusch des Spinnens, das Klap­pern des Holzes und das Surren der Spule hörte ich gern, es war wie eine urtüm­liche Musik. Die Großmutter war dabei entspannt und konzentriert, ein Inbegriff von Großmutter, schweigsam und freundlich. - Und nun dieses Relikt von ihr in Wien, ihre versponnene Wolle in einem dicken, schönen Strähn, zum Verstricken für mich aufgehoben. Ich war bereit ihr zu begegnen, wollte den Faden aufnehmen; wollte wissen, was für ein Mensch das war, diese Maria Etzer. Im Hintergrund stand die Frage, was das wohl macht mit mir, ihr Leben, wie in einer Textur ver­wirkt in meinem: Das wäre dann wirklich - sich erinnern.
„Du bist insara Großmuatta gonz gleich“, flüsterte mir 2014 eine meiner viel älteren Cousinen am Grab meiner Mutter zu. „Danke für das Kompliment“, war meine Antwort. Dann sagte ich leise, aber bestimmt: „Wenn du sagst, dass ich ihr gleich bin, ehrt mich das.“ Ich war nun selbstbestimmt ihre Nachfahrin, hatte schon angefangen mit dem Nachfragen. Maria Etzer sollte ihr menschliches Antlitz, das ihr die Nazis mit den „Verbrecherfotos“ in Aichach genommen hatten, posthum zurückerlangen. Es ging mir aber nicht darum, eine unscheinbare, ihrer Zeit verhaftete Frau, die sicher auch Schattenseiten hatte, posthum auf ein Podest zu stellen und als Heldin zu glorifizieren, denn das war sie nicht. Hervorzuheben ist sie aber doch, weil sie erdgebunden, hilfsbereit und dem vorhandenen Leben zugewandt war. Und sie war nicht gleichgültig, sondern empörte sich heftig gegen­über den Überheblichen und Intoleranten. Jetzt, wo ihr Leben schriftlich vorliegt, wissen wir: Sie ist ein ganzer Mensch geblieben. Ihre Religiosität kann ich nicht tei­len, was sie aber aus ihrem von schweren Prüfungen gezeichneten Leben gemacht hat, rührt mich. Nunmehr leuchtet ihre Gestalt, und wie es hier beschrieben ist, macht ihr Leben Sinn.“
Es war Brigitte Menne, die für die Rehabilitation ihrer Großmutter sorgte. In der Begründung des Urteils vom 18. September 2018 hielt das Landesgericht Wien fest: „Letztlich lag der primäre Grund für die Verfolgung und Verurteilung von M. E. darin begründet, dass sie auch während der NS-Diktatur ihren christlichen Wertvorstellungen treu blieb und sich auch gegenüber den als Zwangsarbeitern eingesetzten Kriegsgefangenen menschlich verhielt. Ein solcher Dissens mit der NS-Ideologie war den Machthabern ein Dorn im Auge und wurde schon als Form des Widerstands angesehen.“
Diese Veranstaltung des KZ-Verbandes Salzburg war wichtig und notwendig. Hier wird die soziale Situation und Realität der Landbevölkerung vor 1938 beschrieben und dazu das oft beschämende Verhalten von Teilen der Bevölkerung während der Nazidiktatur.

Dieses Buch, es ist leider in keiner der gängigen „Bestsellerlisten“ zu finden, müsste zur Pflichtlektüre in den Schulen gehören, noch besser wäre eine Einladung der Autorin Maria Prieler-Woldan und der Enkelin Brigitte Menne.

Es bleibt die Frage, wird heute in diesem nichtunseren Land noch das Selbstverständlich gelebt und getan?

Dieter Braeg

 Maria Prieler-Woldan, "Das Selbstverständliche tun. Maria Etzer und ihr verbotener Einsatz für Fremde im Nationalsozialismus". € 24,90 / 240 Seiten. Studienverlag, Innsbruck 2018