„Unbekannt verzogen...“
Von Klaus Täubert

Klaus Täubert, Jahrgang 1940, lebt in Berlin und hat mit dieser kleinen, sehr persönlich beschriebenen Lebensweg des Suchtmediziners Fritz Fränkel (1892 bis 1944) der auch KPD-Gründungsmitglied war, eine Arbeit veröffentlicht, die mehr Aufmerksamkeit verdienen würde. Fritz Fränkel war gemeinsam mit Ernst Joël Autor des Buches „Der Codcainismus“ das 1924 erschien und sich mit der grundlegenden Geschichte und Psychopatholgie der Rauschgifte beschäftigte. Fränkel war als Aufsichtsperson an den Rauschgiftexperimenten von Walter Benjamin und Ernst Joël beteiligt und mit den Geschwistern von Benjamin, Dora und Georg sehr gut befreundet.

Heute in dieser großen Zeit, die so klein ist, dass sie die Freiheit mit der Abschaffung des Grundgesetzes verwechselt, nur um Fluglotsen der Privatisierung zuführen zu können, oder den Pissstrahl eines jeden aufzuzeichnen, weil der das Urinal sprengen könnte, wird Geschichte so unwichtig wie ein Kropf. Umso mehr muss Man Klaus Täubert dankbar sein – er hat aus den wenigen Spuren ein Leben entstehen ließ, das trotz der Ermordung, Verfolgung und Vertreibung der Juden nicht ausgelöscht werden konnte.
Als sich im Jahre 1918 die KPD gründete, da kann man in diesem kleinen Buch folgenden Text lesen, den ich hier ungekürzt übernehmen möchte:

„Unweit des Brandenburger Tores treffen an diesem 31. Dezember 1918 zum ersten Mal die 12 Delegierten aus zweiundzwanzig deutschen Bezirken von Brandenburg bis Oberbayern im Preußischen Landtag zusammen.  Sie repräsentieren “Vororte“ wie Beuthien und Hanau, Mannheim und Essen. Sie kommen aus Städten wie Magdeburg, München und Cuxhaven.
Delegiert sind sie durch den Roten Frontkämpferbund und die Internationalen Kommunisten Deutschlands — Otto Rühle und Paul Fröhlich unter ihnen — aus Jugend und observierenden Vertretern der Russischen Sowjetrepublik, Karl Radek voran... Den Hauptteil aller Delegierten freilich stellt der Spartakusbund, dessen elf Vertreter - Hermann und Käthe Duncker, Hugo Ebenem, Leo Jogiches, Paul Lange, Paul Levi, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Ernst Meyer, Wilhelm Pieck und August Thalheimer - die Zentrale der Gruppierung ausmachen.
Sie hatten sich, was ursprünglich als Konferenz aller Spartakus-Gruppen gedacht war, plötzlich und von der Dringlichkeit der Zeit diktiert, mit der Frage einer Parteiengründung konfrontiert gesehen. Ihr Programmentwurf Lag seit Mitte Dezember vor, die ungleich brisantere Frage der Gründung einer neuen Arbeiterpartei schien dagegen den führenden Theoretikern der Basis noch verfrüht, Diese Theoretiker, Rosa Luxemburg und Leo Jogiches, hielten den Moment des Zusammengehens, da ihn die feste, einheitliche Ideologie noch nicht trug, für überstürzt, Die Abstimmung schließlich für Partei und Namen “Kommunistische Partei Deutschlands (Spartakusbund)“ lief zudem dem Vorschlag der beiden zuwider, die unter Ausschluss des Wortes „kommunistisch“ alternativ für “Sozialistische Partei“ votierten, der künftig anzusprechenden “westlichen“ Massen wegen, auf die kommunistisch“ eher abschreckende, osteuropäische — russische! - Eigenheiten assoziieren mussten.
Liebknechts und Piecks Argumente, endgültig aber das mit “stürmischem Beifall“ aufgenommene Referat des Gastredners Karl Radek, Grüße im Samen der Bolschewiki überbringend, entschied endlich, was an Unentschlossenheit in ihr noch immer zu stecken schien, die Resolution zugunsten der Parteigründung. “Schnell abzustimmen“, hatte Rosa Luxemburg noch in einer kurzen Rede des Montagnachmittags gemahnt, zeuge nicht eben von (der) Reife und (dem) Ernst, die in diesen Saal gehören“. Den Vorschlag Paul Levis, sich an den Wahlen zur Nationalversammlung zu beteiligen. unterstützt sie — wiederum gegen die Mehrheit -des Hauses redend - mit dem Argument “innerhalb der Nationalversammlung ein siegreiches Zeichen auf (zu)pflanzen, gestützt auf die Aktion von außen. Wir wollen
dieses Bollwerk von innen heraussprengen.“ Ihr mit “lebhaftem Beifall“ begrüßter Auftritt, ihre glänzende Rhetorik, das Zwingende ihrer Argumentation bleiben indessen folgenlos. Mit nur 23 gegen 62 Stimmen gelingt es der Rednerin nicht, die Majorität u erlangen, gewann an diesem letzten Tag des Jahres 1918 der von Rosa Luxemburg nicht einmal zitierte Karl Radek ein internes Rededuell. Es gewann der Mann aus Moskau für seine Bruderpartei an Einflussnahme und - was für ein Omen!  - an Durchsetzung ideologischer Prioritäten in diesem denkbar frühen, frühesten Stadium einer politischen Selbstfindung.
In den anschließenden, aufgeregten Wortmeldungen hatte ein Mann sich erhoben, der Delegierte aus Königsberg, und angemahnt “die Redezeit auf 5 Minuten zu beschränken“, ein Rat der umgehend abgelehnt worden war. Tags darauf, eine Resolution Rosa Luxemburgs hatte mit den Worten “Die Regierung Ebert-Scheidemann ist der Todfeind des deutschen
Proletariats. Nieder mit Ebert-Scheidemann“ ihren emotionalen Höhepunkt erreicht, stellte dieser Delegierte des östlichen Deutschland unter dem Namen Fränkel wiederum einen Antrag, der vom Vorsitzenden umgehend verlesen wurde:
“Der Parteitag begrüßt die Arbeit der Freien Jugend und wünscht ihre Förderung. Er empfiehlt zur Aufnahme in das Parteiprogramm das Eintreten für das Selbstbestimmungsrecht und Verwaltungsrecht der arbeitenden Jugend.“
Fränkel, der Mann im Soldatenrock, erfährt im Laufe des Tages eine “außerordentliche Freude“ als vom Vorsitz die Bildung eines “Bundes kommunistischer Studenten an der Universität“ verlesen wird.

Soweit ein kleiner Auszug aus dem Buch. Fritz Fränkel der 1915 sein Medizinstudium abgeschlossen hatte und sich freiwillig zum Kriegsdienst meldete, war an der Ostfront Bataillonsarzt. Die dort gemachten Erfahrungen radikalisierten ihn und der Königsberger Soldatenrat schickte ihn als Delegierten zur Konferenz des Spartakusbundes im Dezember 1918, aus der dann der Gründungskongress der KPD wurde.    
Da Fränkel dort nicht nur für die Demokratisierung des Bildungssystems eintrat, sondern auch die Agrarfrage geklärt haben wollte und meinte die Hochschulen, ja die gesamte Wissenschaft, seien dienstbare Geister der Reaktion und Voraussetzung für die Lebensfähigkeit eines kapitalistischen Staates, bot man ihm an sich ins Zentralkomitee wählen zu lassen. Er lehnte ab, ihm war klar, dass er sich nicht zum linientreuen Funktionär eignen würde. Nach einer kurzen Tätigkeit in Stuttgart, eröffnete Fränkel in Berlin Wilmersdorf seine eigene Praxis als Nervenarzt und Suchtmediziner. Er veröffentlichte viele Fachartikel und war im „Proletarischen Gesundheitsdienst“ tätig, einer Abspaltung vom Arbeiter Samariter Bund. Diese Tätigkeit reichte aus, um ihn mit einem Parteiausschlussverfahren zu bedrohen. Fränkel machte reichlich negative Erfahrungen mit der Parteibürokratie der KPD, die ihm Hochstapelei, Quertreiberei und Strebertum vorwarf. Vor dem Ausschluss rette ihn der Reichtagsabgeordnete und Historiker Arthur Rosenberg, der später selbst Opfer ähnlicher Verleumdungen wurde. Zum Freundeskreis von Fränkel gehörten Ruth Fischer, Willi Münzenberg und nach seiner Emigration auch Hannah Arendt, Gustav Regler und Victor Serge.
Trotz Frontdienst und Eisernem kreuz hatte die SA Fränkel im Visier. Nach dem Reichstags Brand wurde er verhaftet und in v verschiedenen SA-Folterkellern in Berlin schwer misshandelt. Nach seiner Flucht in die Schweiz machte er die Misshandlungen öffentlich: „Mit Peitschen und Gummiknüppeln“ sei er misshandelt worden, selbst während er Mitgefangenen ärztlich half, sei er gepeinigt worden und musste ständig mitteilen, dass er „ein stinkender Jude“ sei.

Um Vermögen und die Früchte seiner Arbeit gebracht, verließ Fränkel mit Frau und Sohn Deutschland. Ein Flüchtlingsschicksal folgte – Schweiz, Frankreich. Spanien und Trinidad und zum Schluss Mexiko. Fränkel der versuchte immer zwischen Politik und Medizin eine Brücke zu schlagen. Er kämpfte aktiv im spanischen Bürgerkrieg und erkannte früh, dass dieser Kampf mit einer Niederlage enden würde. Dies brachte ihm, der sich immer mit seiner Meinung zwischen die Stühle setzen, den Vorwurf ein, ein Deserteur zu sein und dazu Morphinist und Trotzkist. Außerdem habe er Verbindung zu Anarchisten gehabt und deutsche Kommunisten an die französische Polizei verraten. Damit wurde er 1937, als er in Paris lebte, konfrontiert und lebte dementsprechend gefährlich. 1938 bürgerten ihn die Nazis aus und bei Kriegsbeginn wurde Fränkel von den Franzosen als Staatenloser interniert. Nach schrecklichen Erfahrungen in mehreren französischen Lagern gelang es ihm, sich nach Übersee abzusetzen. Er lebte zum Schluss in Mexiko City wo er im Alter von 52 Jahren im Jahre 1944 starb. Täuberts Biografie dokumentiert ein wirklich nicht alltägliches Leben. Jener Kleingeisterei die Fritz Fränkel sehr oft das Leben zur Qual werden ließ, der begegnen wir heute wieder. Man muss Hochachtung haben vor einer Generation die viel erdulden musste und doch dem Kommunismus nicht abschwor. Leider ist dieses wichtige Buch nur noch antiquarisch erhältlich!

Dieter Braeg

Klaus Täubert:
„Unbekannt verzogen…“ Der Lebensweg des Suchtmediziners, Psychologen und KPD Gründungsmitgliedes Fritz Fränkel. Trafo Verlag, Berlin 2005. 166 Seiten 14,80 €