Peter Handke, Literaturnobelpreisträger des Jahres 2019 längst ein Großmeister des bedachten Schweigens, machte zu Beginn seiner Laufbahn mit zwei spektakulären Auftritten auf sich aufmerksam.

Es begann im Jahre 1966. Die „Publikumsbeschimpfung“ mit ihrer brutal realen Abrechnung mit dem Theaterpublikum und einer Gesellschaft, die in Traditionen erstarrt war, war der Anfang. Handke begeisterte eine sich immer mehr aus den Nachkriegszwängen befreiende kulturelle und politische Jugendbewegung. Seine frühen Stücke hatten jenes „Beattempo“ das dazu führte, dass ihn einige Medien zum „fünften Beatle“ ernannten. Die „Beschimpfung“ begann allerdings schon früher. In Priceton tagte im April 1966 die Gruppe 47 und der dort anwesenden literarischen „Elite“ stellt Handke die Rute ins Fenster. „Beschreibungsimpotenz“ betreibe man, „läppisch“ sei diese samt der Sprache „völlig öd“. Den Literaturkritikern sprach er Kompetenz ab, die reiche eben nur für jene Literatur, die er gerade in Grund und Boden gestampft hatte. Im zweiten Teil der Ausstellung kann man in einem Fotoautomatenhäuschen den O-Ton dieser Beschimpfung der Gruppe 47 hören. Nicht nur mich hat in meiner Jugendzeit dieser Text ermutigt, nicht ein Duckmäusertumleben zu führen. Nach dieser „Dichterbeschimpfung“ folgte bald der Erfolg mit der „Publikumsbeschimpfung“.


„Ich habe gerade mit Ach und Krach ein Stück geschrieben. Es heißt „Publikumsbeschimpfung“ und ist mein erstes und mein letztes. Ich möchte es nun aufführen lassen und auch sonst dazu sehen, dass ich es vielleicht anbringe“ – das schrieb am 21. Oktober 1965, der damals 22 Jahre alte Peter Handke an den Verleger Siegfried Unseld. 1966, inszeniert von Claus Peymann. wurde das Stück in Frankfurt uraufgeführt. Das war nicht nur eine radikale Kritik des konventionellen Theaters.
„Sie werden kein Schauspiel sehen.
Ihre Schaulust wird nicht befriedigt werden.
Sie werden kein Spiel sehen.
Hier wird nicht gespielt werden
Ob heute nicht eine „Menschenbeschimpfung“ notwendig wäre? Weil in diesem nicht unserem Land der Mensch seine Entmündigung nicht erkennen will und folglich Schritt für Schritt jene Vision Orwells oder Huxleys bestätigt

Eine kurze Erinnerung an das Jahr 2006. Düsseldorf feierte Heinrich Heines 150 Todestag. Da wurde ein Preis spendiert, den eine Jury beschloss. In ihr saßen „Experten“ und Politiker. Alle waren sich am Anfang einig, der Peter Handke kriegt für sein Gesamtwerk den Heinrich Heine - Preis in Höhe von 50 000 €. Auch damals kam es zu Kontroversen. Schon vor dieser Preisverleihung sprachen sich mehrere Publizisten gegen die Verleihung des Heinrich-Heine-Preises an den Schriftsteller Peter Handke aus. Unter ihnen der damalige Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki und im Radiosender NDR-Kultur sagte der Autor Tilman Spengler, mit einer Preisvergabe an Handke täte man dem Namen Heines großen Schaden an. Der Publizist Ralph Giordano äußerte sich gegenüber dem nämlichen Sender wie folgt: Handke habe zu viel gesagt, was ihn "eindeutig auf die serbische Seite" stelle, und das in einem Konflikt, in dem die Serben furchtbare Verbrechen begangen hätten. Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek sagte zu der Preisverleihung: "Ich denke, das darf man nicht machen." Der Heine-Preis sei eine politisch-publizistische Auszeichnung und habe bei Handke nichts zu suchen. Darauf entschied der Düsseldorfer Stadtrat Handke den Preis nicht zuzusprechen. Das geschah am 22.6.2006!
Im Jahr 1967 formulierte Handke: „Die Wirklichkeit der Literatur hat mich aufmerksam und kritisch für die wirkliche Wirklichkeit gemacht.“ Dies gilt nicht nur für Handkes Frühwerk. Ihm war die Entwicklung der Gesellschaft immer wichtig.
Nicht nur für Handkes erste Texte, oft viel zu wenig beachtet, ist seine große Sensibilität für die Entwicklung der Gesellschaft zu erkennen. Handke führt mit diesem Thema eine lebenslange Auseinandersetzung. In seinem ersten Roman „Die Hornissen“ (1966) findet man die Themen, die Handke bis zum heutigen Tag beschäftigen. „Kaspar“ und „Die Unvernünftigen sterben aus“ zeigen deutlich die Herrschaftsstrukturen, die mit Sprachmissbrauch agieren.  Sieben Wochen nach dem Selbstmord seiner Mutter arbeitet Handke an „Wunschloses Unglück“. Noch heute sollte dieser Text Pflichtlektüren sein. Denn hier schildert Handke das entbehrungsreiche und arme Leben seiner Mutter, natürlich mit Höhen und Tiefen, er vergisst dabei nicht, die eigenen Gedanken und Gefühle bei seiner Schreibarbeit zu erzählen

Sieben Wochen nach dem Suizid seiner Mutter beginnt Handke, Wunschloses Unglück zu verfassen, im Februar 1972 beendet er seine Arbeit an dem Buch. Er beschreibt das Leben seiner Mutter mit allen Höhen und Tiefen, aber gleichzeitig bringt er viele autobiographische Aspekte mit ein oder erzählt über seine Empfindungen während des Schreibens. Grundsätzlich beschreibt dieser Text den Werdegang einer Frau aus einem ärmlichen Milieu, die sich zu emanzipieren und zu verwirklichen versucht. Krieg und Faschismus, sein Entsetzen mit Krieg sind lange vor seinem Entsetzen über den Krieg in Jugoslawien Inhalt und Thema seiner Schreibarbeit. Deutsche Bomben auf Belgrad begründen sein Entsetzen.
„Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ erschien 1996. Im Herbst des Jahres 1995 bereiste Handke die durch Krieg zerstörten Länder des ehemaligen Jugoslawiens. Sein Mitgefühl für die serbische Seite, die Verurteilung des Nato-Bombardements mit deutscher Beteiligung, wurde ihm als politische Parteinahme angelastet. Das führte zum Heinrich-Heine-Preis Skandal, denn Handke reiste 2006 zur Beerdigung von Slobodan Milošević und hielt dort eine Rede.

Damals kritisierte seine Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz den Beschluss des Düsseldorfer Stadtrats, Handke den mit 50.000 Euro dotierten Preis entgegen dem Jury-Votum nicht zu geben. Es handle sich dabei, so Unseld-Berkéwicz, um einen "beispiellosen Akt": "Eine politische Institution beugt sich dem Druck einer Kampagne, die Peter Handke diffamiert. Wenn es nicht zu einem öffentlichen Aufschrei führt, dass einer der größten Dichter derart geächtet wird, ist das ein Zeichen für den drohenden Bankrott unserer Kultur."

Das Theaterstück „Die Fahrt im Einbaum“ sollte nicht unerwähnt bleiben:

HEREINGESCHNEITER (…)zu den DREI INTERNATIONALEN.
Euch gehört also die Sprache zu diesem Krieg?
ZWEITE Ja
HEREINGESCHNEITER: Und wer über den Krieg öffentlich zu Wort kommt, das bestimmt ihr?
ZWEITE :Ja. Nur wir.
ERSTER: Über diesen Krieg kann nur gesprochen werden, wie wir darüber gesprochen haben und weiterhin sprechen werden. Eine andere Sprache zum Krieg, als diese unsere ist eine Verhöhnung der Opfer.
DRITTER: Uns gehört nicht nur die Sprache zum Krieg, sondern auch sein Bild. Uns gehört das Alleruniversalste: Die Bilder-Geschichten!

Da wird die Sprache des  damaligen deutschen Außenministers und seiner Helfershelfer demaskiert. Die Theaterstücke, etwa des nicht nur von mir besonders geschätzten Drama um eine Erbschaft: "Über die Dörfer", das stumme Stück „Das Mündel will Vormund sein“ dazu „Ritt über den Bodensee“  oder dem im Jahre 2011 im Rahmen der Salzburger Festspiele uraufgeführten  autobiografisch fundiertem Geschichts- und Familiendrama „Immer noch Sturm“  sind Ausdruck der vielen Formen des Handke-Theaters.
Wie beim Heinrich-Heine-Preis gibt es Literaturnobelpreiskrawall. Der PEN-Club Amerika ist „sprachlos“, weil Handke geschichtliche Wahrheiten unterwandert. Autor Saša Stanišić kritisiert die Entscheidung. Vladimir Vertlib, der Handkes politische Haltung "widerwärtig" findet, weist aber darauf hin, dass das literarische Werk des Autors "das eines großen Humanisten" sei. 2008 beurteilt Jonathan Littell („Die Wohlgesinnten) Handke: „Man darf unmoralisch sein, solange man sich in der Kunst bewegt. Aber sobald man diesen Bereich verlässt und politisch spricht, gelten andere Regeln. Handke ist ein Arsch.“ Ob Handke Littell auch das beschied, was er einem Zuhörer einer Lesung, der seine Betroffenheit zu Handkes Serbenfreundlichkeit ausführte – nämlich er könne sich seine Betroffenheit in den Arsch schieben?
Der ständige Sekretär der Schwedischen Akademie Mats Malm erklärte, es sei nicht Sache der Akademie, Literatur gegen Politik abzuwägen. Das hat die Akademie im Fall Handke nicht gemacht. In der Vergangenheit war sie nicht davor gefeit.
Was tun?
Handke lesen!

Dieter Braeg