Marxistisch – defätistisch-pazifistisch – VERBOTEN
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- Erstellt am Samstag, 25. Dezember 2010 13:10
- Geschrieben von Dieter Braeg
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„Karl und das zwanzigste Jahrhundert“
Roman von Rudolf Brunngraber
Dieser Roman der im Jahre 1932 erstmals im Frankfurter Societätsverlag veröffentlicht. In Österreich wurde dieses Buch ausgezeichnet. In Deutschland im Jahre 1933 wurde das Buch von der Gestapo verboten. Der Autor Rudolf Brunngraber ist einer der interessantesten Schriftsteller Österreichs im vorigen Jahrhundert gewesen. Er war Holzfäller in Schweden und Totensänger und Wanderprediger in Finnland, in Wien war er einige Zeit Schüler von Klimt.
Der Roman konnte sich, obwohl nach 1945 mehrmals neu publiziert nicht durchsetzen. 1933 erschien der Roman in englischer Sprache, dann 1934 in Italienisch und im Jahre 1939 in slowenischer Übersetzung. Bei Hitlers Machtergreifung wurde das Buch in Deutschland als „marxistisch, defätistisch und pazifistisch“ verboten.
Nach zwei Neuausgaben in den Jahren 1952 und 1978 gab es 1988 eine Übernahme in die „Andere Bibliothek“ und im Jahre 1999 gab es eine Neuausgabe (im antiquarischen Buchhandel ist derzeit nur ein Exemplar angeboten). Der Wiener Milena Verlag hat nun den Roman neu aufgelegt. Welche Ausgabe aus der Vergangenheit nun nachgedruckt wurde, wird leider in dem Band der auch im Anhang einen Text von Kasimir Edschmied („Sehr exakt und dennoch sehr geheimnisvoll – Brunngraber“ enthält, nicht verraten.
Jedenfalls passt diese Neuausgabe in die heutige Zeit der brutalen Zerstörung sozialen Zusammenhalts und einer Globalisierung, die Schritt für Schritt die Armut der abhängig Beschäftigten und Lebenden vorantreibt.
„Als Frederick W. Tyler(Philadelphia) 1880 als Erster konsequent den Gedanken der Rationalisierung faßte, war der Wiener Karl Lackner noch nicht unter den Lebenden.“
Das ist der erste Satz des Romans. Karl Lackner diue Romanhauptfigur, erlebt Taylorismus und Rationalisierung . Das die Nazis dann, im Rückgriff auf die
Rationalisierungserfahrungen der 20 Jahre, ihre eigene „Arbeitswissenschaft“ samt dazugehörigen „Organisationsideologien“ entwickelten, isdt nicht Romaninhalt. Rudolf Brunngraber blieb im Land und sein Roman „Radium“ erlebte in der Nazizeit große Erfolge. Nach dem Krieg war es für Rudolf Brunngraber dann nicht leicht, wieder als Schriftsteller zu arbeiten. Die SPÖ allerdings hatte keine Probleme ihn nach dem Krieg wieder zum Parteischriftsteller zu machen..
Karl Lackner ist Sohn einer Frau, die im ganzen Roman als „das kleine Weib“ tituliert wird, der Vater, ein Alkoholiker und Straßenbahnschaffner. Es gibt zwischen dem romanhaften beschriebenen Lebenslauf des Karl Lackner und Rudolf Brunngraber viele Gemeinsamkeiten. Lackner absolviert als Werkstudent die Lehrerbildungsanstalt und ist durch sein Abschlusszeugnis verpflichtet, fünf Jahre als Lehrer zu arbeiten, falls nicht, muss er die Studiengebühren die ihm erlassen worden waren, zurückzahlen. Der erste Weltkrieg bringt Hurrapatriotismus, der bald vergeht, dazu noch Orden, die im späteren Leben nach dem krieg nicht helfen. Bei Kriegsende ist die Mutter zum Skelett abgemagert, der Vater an einer verirrten Kugel gestorben und Lehrer braucht man keine nach dem Krieg. Lackner bekommt mal da und dort einen Kurzzeitarbeitsplatz. Auch in Schweden, wo er sich als Gelegenheitsarbeiter versucht, führt er ein Armutsleben. Als er nach Österreich zurück kommt folgt der weitere Abstieg. In den Romanabschnitten „Der neue Kurs“ (1919-1930) und 1930-1931 „Der gepflasterte Weg zur Hölle“ schildern eine Lebensgeschichte, die durch Einschübe den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Zustand der damaligen Zeit schildern.
„Aber schon vorher gibt es Verknüpfungen, wie etwa 1911: Als Karl am Lehrerseminar in den letzten Jahrgang eintrat, okkupierten die Franzosen Fez, womit sie abermals eine internationale Vereinbarung brachen. Die Spanier besetzten Alkasar und die Italiener eröffneten den Krieg gegen die von allen Mächten getretene Türkei um Tripolis und Cyrenaika. Hier wurden (1911) zum ersten Mal aus Aeroplanen Bomben abgeworfen…“
Es ist eine Lebensgeschichte die eng mit den politischen und ökonomischen Ereignissen verflochten ist. Die Gegenüberstellung der einen Realität, die des Karl Lackner, mit der anderen Realität – das wird eine soziale Anklage, die keines zusätzlichen Kommentars bedarf. Es ist die Geschichte wie der arme Karl Lackner die Bekanntschaft mit der Globalisierung macht.
Dieser Roman, vor fast 80 Jahren erschienen, hat eine lange Zeit überlebt und zeigt auf, dass sich bei den Widersprüchen zwischen der Armut einzelner Menschen und dem kaum beschreibbaren gesellschaftlichen Reichtum, eine spannende Detailgenauigkeit durchsetzt, die eine Literaturform auszeichnet, die fast völlig in Vergessenheit geraten ist. Globalisierung hat eine Geschichte und die begann nicht erst nach dem zweiten Weltkrieg.
Die Literaturgeschichte im deutschsprachigen Raum, lässt leider bisher eine Lücke zu, die mehr als bisher erforscht werden müsste. Es gab in der Zeit zwischen erstem und zweitem Weltkrieg deutliche literarische Unterschiede, nicht nur sprachlicher Art, die in Österreich entstanden und bisher kaum beachtet wurden. In dieses Bild passt auch die fast völlige Ignoranz gegenüber jener Phase, in der nach 1968 die „Literatur der Arbeitswelt“ beachtliche Auflagen erzielte und mit dem „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“ Betroffenen half, zu schreiben.
„Und nun erkennt Karl, dass er das Unglück hatte, in das zwanzigste Jahrhundert geboren zu werden und das ihm nichts helfen kann. Es sei denn, dieses Jahrhundert hülfe vorerst sich selbst.“ Das Jahrhundert ist vorbei und dieser Roman wirkt immer noch. Rudolf Brunngraber sah nicht in eine weite romantische Ferne, er lenkt den Blick auf das Naheliegende und damit auf die menschlichen und politischen Schweinereien, die sich seit Jahrzehnten nicht nur nicht geändert haben, nein, sie sind noch schlimmer geworden. Es gibt kein Nachwort, sondern den schon erwähnten Tagebuchtext von Kasimir Edschmid zum Tod von Brunngrabner und dazu zwei autobiographische Kurztexte von Brunngrabner, die einiges zu seinem „Überleben“ während der Nazizeit verraten.
„Karl und das zwanzigste Jahrhundert“ Roman von Rudolf Brunngraber Milena Verlag, Wien 2010. 270 Seiten. ISBN 9789 3 85286 190 6 – 21,90 €


















