Juli Zeh - Corpus Delicti

1Zuerst erschienen in Fandom Observer Nr. 254/August 2010-08-07

Wie lebt man in einer Gesundheitsdiktatur? Wie ist es, wenn man ständig dazu angehalten
wird Körper und Geist zu ertüchtigen und dabei permanent überwacht zu werden?
Was geschieht mit Menschen, die nicht gewillt sind sich diesen gut gemeinten
Repressalien zu unterwerfen?
Alles Fragen auf die Juli Zeh eine Antwort zu geben versucht. Die Handlung fokussiert sich auf Mia Holl, die ihren Bruder durch Selbstmord verloren hat. Einen Selbstmord, für den sie die Gesundheitsdiktatur verantwortlich macht. Obwohl man ihren Bruder als Rebell
bezeichnen könnte, der Rauschmitteln nicht entsagte und sich regelmäßig einer Zigarette
hingegeben hat, so war er dennoch ein sensibler Mensch, der das ihm zur Last
gelegte Verbrechen nie hätte begehen können.
Mia, die sich nicht unbedingt mit den Ansichten ihres Bruders anfreunden konnte und der Mehrheit der Gesellschaft zuzurechnen war, liebte ihren Bruder innig und gerät nach seinem Freitod völlig aus der Bahn. Überzeugt von dessen Unschuld, welche er immer wieder beteuerte, bricht sie mit dem System, vernachlässigt ihre Körperertüchtigung, fängt an zu rauchen und gerät so sehr rasch in die Maschen der Gesundheitswächter.
Mit all den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versucht sie die Unschuld ihres Bruders zu beweisen, selbst als der eindeutig vorliegende genetische Fingerabdruck ihres Bruders am Tatort gegen ihn spricht.

Die Handlung und vor allem die Dialoge erinnern einem an ein Bühnenstück, was einem nicht weiter verwundert, wenn man sich ein wenig mit dem Background der Autorin beschäftigt, deren Name ja bisher nicht mit SF-Literatur in Verbindung gebracht wurde. So gibt es neben der Hauptfigur Mia Holl noch einen entsprechenden Gegenpart in Gestalt von Heinrich Kramer, dem die Rolle des Verteidigers dieses Gesundheitssystems zufällt. Er ist völlig von der Notwendigkeit und Richtigkeit dieses Systems überzeugt und versucht Mia in kurzen und längeren Gesprächen von seiner Sichtweise zu überzeugen. Als Gegenspieler ist er Mia argumentativ und auch intellektuell überlegen, als Vertreter des Systems verfügt er zudem über die entsprechenden Möglichkeiten Mia zur Räson zu bringen bzw. sie wegen ihrer Haltung aus der Gesellschaft zu entfernen.
Mia, die als einzelne auf verlorenen Posten steht, erhält regen Zuspruch als sich herausstellt, dass ihr Bruder tatsächlich unschuldig war und Opfer der Wissenschaftsgläubigkeit des Systems wurde. Ab diesem Zeitpunkt bekommt sie Oberwasser, kann dem Vertreter des Systems kraftvoll entgegentreten und wird zur Symbolfigur einer Gesellschaftsströmung, die die persönlichen Freiheitseinschränkungen nicht mehr ohne wenn und aber hinnehmen will. Das System reagiert wie alle totalitären Systeme reagieren würden:
Mia wird aus dem Verkehr gezogen. Ein Gesundheitssystem, in der jeder Bürger dazu angehalten wird Körper und Geist zu ertüchtigen, um so ein langes und gesundes Leben genießen zu können, dürfte für viele Leser gar nicht so abwegig erscheinen. Zumal in der politischen Diskussion der letzten Jahre solche Bestrebungen immer mal wieder aufflammen. Der von vielen befürchtete Kollaps des Gesundheitssystems würde unbestritten durch eine vernünftige Lebensweise aller Menschen zu verhindern sein. Nur sind Menschen leider nicht rational gesteuert und zu sehr Genusssüchtig. Ein solches System müsste wieder mit Zwang und Überwachung einhergehen und langfristig in einem totalen Überwachungsstaat enden. So würde aus einer eigentlich vernünftig klingenden Idee ein totalitäres System entstehen. Selbst wenn man ihm das Etikett einer positiven Utopie anhaften möchte. In den einschlägigen SF-Foren wurde über diesen Roman schon rege diskutiert und durchaus kontrovers. Den durchweg positiven Rezensionen in den großen Tageszeitungen und Magazinen, konnte man nicht durchweg folgen.
Der Roman ragt in jedem Falle von Stil und Sprache er aus den sonstigen Genre-Erscheinungen (wenn man ihn dann als SFRoman bezeichnen möchte) heraus. Dabei kann man durchaus ins Feld führen, dass sich Menschen wie Mia nicht unbedingt durchweg auf solch einem hohen sprachlichen Niveau bewegen. Sprich die Figur an sich wird dadurch ein wenig unglaubwürdig. Von ihrem Gegenspieler kann man hingegen solches erwarten. Die Bezeichnung „verkopft“ passt sicherlich ebenso auf diesen Roman.

Jedenfalls ist das meine Sichtweise als langjähriger SF-Leser, der sich sprachlich eher auf durchschnittlichem Niveau sieht. Sprich die Rezensenten der großen Tageszeitungen und Magazine dürften einen ganz anderen Wertungsrahmen besitzen und dementsprechend zu einer anderen Einschätzung kommen.
„Corpus Delicti“ ist ein lesenswerter Roman jenseits der gängigen Genretitel und stellt einen lohnenswerten Ausflug in die „deutschsprachige Hochliteratur“ dar. Kleine Anmerkung zum Schluss. Wie schwer sich Autoren wie Frau Zeh mit dem Genre Science Fiction oder Phantastik tun, zeigt ihre Ablehnung der Nominierung zum diesjährigen Kurd-Laßwitz-Preis (hier werden die Autoren vor der Bekanntgabe der Nominierungen gefragt, ob sie dagegen Einwände haben). Eine Reaktion ihres Verlags bzw. von ihr selbst auf die Mitteilung, dass der Roman auf die Nominierungsliste des Deutsche Science Fiction Preises gelangt ist, steht zudem noch aus. Gespannt darf man deshalb auf ihre Reaktion sein, sollte ihr Roman als Sieger hervorgehen.

„Corpus Delicti“ Schöffling & Co; Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen; Originalausgabe; BRD: 2009; 263 Seiten. 19,90 €