Mehr Licht!


Die Geschichte der Arbeit und der Arbeiterbewegung führt in der heutigen Gesellschaft ein Schattendasein. Wenn Geschichte, dann die die Guido Knopp „verkauft“. Sie hinterlässt den faden Nachgeschmack einer  seltsamen „ Ausgewogenheit“.  Wer Arbeit hatte oder hat, dort die meiste Zeit der besten Jahre seines Lebens verbrachte, ja verschwendete, dessen Geschichte erreicht nur selten jene öffentlich rechtlichen Bildschirme, bezahlt per Zwangsbeitrag ohne inhaltliche Einflussnahme.

Friedrich Engels schrieb von Mitte November 1844 bis Mitte März 1845 in Barmen
„Die Lage der arbeitenden Klasse in England - Nach eigner Anschauung und authentischen Quellen“ . Dieser Text gehört zur Geschichte der Arbeit und der Arbeiterbewegung. Geschrieben von   Mitte November 1844 bis Mitte März 1845 in Barmen:
„Wenn ein einzelner einem andern körperlichen Schaden tut, und zwar solchen Schaden, der dem Beschädigten den Tod zuzieht, so nennen wir das Totschlag; wenn der Täter im voraus wußte, daß der Schaden tödlich sein würde, so nennen wir seine Tat einen Mord. Wenn aber die Gesellschaft Hunderte von Proletariern in eine solche Lage versetzt, daß sie notwendig einem vorzeitigen, unnatürlichen Tode verfallen, einem Tode, der ebenso gewaltsam ist wie der Tod durchs Schwert oder die Kugel; wenn sie Tausenden die nötigen Lebensbedingungen entzieht, sie in Verhältnisse stellt, in welchen sie nicht leben können; wenn sie sie durch den starken Arm des Gesetzes zwingt, in diesen Verhältnissen zu bleiben, bis der Tod eintritt, der die Folge dieser Verhältnisse sein muß; wenn sie weiß, nur zu gut weiß, daß diese Tausende solchen Bedingungen zum Opfer fallen müssen, und doch diese Bedingungen bestehen läßt - so ist das ebensogut Mord wie die Tat des einzelnen, nur versteckter, heimtückischer Mord, ein Mord, gegen den sich niemand wehren kann, der kein Mord zu sein scheint, weil man den Mörder nicht sieht, weil alle und doch wieder niemand dieser Mörder ist, weil der Tod des Schlachtopfers wie ein natürlicher aussieht und weil er weniger eine Begehungssünde als eine Unterlassungssünde ist. Aber er bleibt Mord. Ich werde nun zu beweisen haben, daß die Gesellschaft in England diesen von den englischen Arbeiterzeitungen mit vollem Rechte als solchen bezeichneten sozialen Mord täglich und stündlich begeht; daß sie die Arbeiter in eine Lage versetzt hat, in der diese nicht gesund bleiben und nicht lange leben können; daß sie so das Leben dieser Arbeiter stückweise, allmählich untergräbt und sie so vor der Zeit ins Grab bringt; ich werde ferner beweisen müssen, daß die Gesellschaft weiß, wie schädlich eine solche Lage der Gesundheit und dem Leben der Arbeiter ist, und daß sie doch nichts tut, um diese Lege zu verbessern. Daß sie um die Folgen ihrer Einrichtungen weiß, daß ihre Handlungsweise also nicht bloßer Totschlag, sondern Mord ist, habe ich schon bewiesen, wenn ich offizielle Dokumente, Parlaments- und Regierungsberichte als Autorität für das Faktum des Totschlags anführen kann.“
Trotz dieses Elends verging noch einige Zeit bis am 23. Mai 1863 in Leipzig zwölf Delegierte aus elf Städten unter der Führung von Ferdinand Lassalle zusammenkamen um den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) zu gründen. Das war der Anfang und es dauerte Jahrzehnte bis sich daraus  eine starke gesellschaftliche und politische Kraft in Deutschland entwickelte.
Im Landesmuseum für Technik und Arbeit, dem Technoseum,  ist noch bis Ende August 2013 die wohl wichtigste und faszinierendste Ausstellung der letzten Jahre zu besichtigen. Der Titel „Durch Nacht zum Licht?“ entspricht der ersten Strophe des Internationalen Knappenliedes. Streikende Bergleute an der Ruhr sagen dieses Lied 1889: „Glück auf, Kameraden, durch Nacht zum Licht!“ – das aus dem Ausrufungszeichen beim Ausstellungstitel ein  Fragezeichen wurde, das wird die Zukunft der Geschichte der abhängig Beschäftigten beantworten. Denn die Ausstellung zur Geschichte der Arbeiterbewegung, die leider in Mannheim nur bis Ende August2013 gezeigt wird, müsste eigentlich zu einer ständig durch Deutschland wandernden Dauerausstellung werden. Sie müsste, sollte sie dem Ausstellungsmotto gerecht werden, „fragend voranschreiten“!
Zwar feiert auch die Sozialdemokratie ihr hundertfünfzigjähriges Jubiläum und es ist spätestens mit Beginn des ersten Weltkriegs und der Kriegskreditezustimmung eine oft blamable Geschichte, die in dieser Ausstellung von Kurator Horst Steffens und seinem Mitstreiter Torsten Bewernitz streng sachlich, ohne Pathos oder nostalgische Verklärung in sechs Abteilungen (01 - vor 1863; 02 - 1863 bis 1890; 03 - 1890 bis 1918; 04 – 1919 bis 1949/45; 05 – 1940/45 bis 1980 und 06 – nach 1980) mit insgesamt mehr als 500 Exponaten dargestellt  wird. Mehr als 70 Leihgeber haben mit zum Erfolg der Ausstellung, der Niederlagen und Erfolge der Arbeiterbewegung dokumentiert, beigetragen.
Am Beginn der Ausstellung begegnet man Karl Marx in voller Größe, wie er auf das Untergeschoss befindlich Museumskaffee schaut, das zu einer typischen Fabrikkantine umgestaltet wurde.  Beeindruckend ist auch, am Beginn des Weges durch die Ausstellung, die ausgestellte Columbia Handdruckpresse (Besucherin und Besucher können dort, erklärt und bedient von einer Fachkraft, den Druckvorgang in allen Arbeitsschritten verfolgen und ein Exemplar des Druckergebnisses mitnehmen). Sie zeigt, wie aus der Kunst solche Maschinen zu konstruieren und zu fertigen, auch ein Fortschritt in der Drucktechnik erreicht wurde. Wer dies mit der heutigen Herstellung von Druckerzeugnissen vergleicht, dem wird klar, wie sehr sich Arbeit verändert hat.  Denn diese Ausstellung erzählt nicht nur die Geschichte der Arbeiterbewegung, dazu gehört auch die Arbeit – in vielen Fällen gibt es da nur marginale Zusammenhänge die dargestellt werden. Verschwunden und unbekannt sind viele Berufe, etwa der Fächermacher, Posamentierer, Goldschläger, Theriakkrämer, Lichtputzer, Haftelmacher oder der Nagelschmied. Immer war gemeinsame Arbeit mit ihren Auswirkungen ein wichtiger Bestandteil für die Menschen, um sich zu organisieren und zur Wehr zu setzen.
Die Arbeiterbewegung, beginnend im Deutschen Reich hatte immer mit Behinderungen zu leben. Der Historiker Thomas Welskopp schreibt im empfehlenswerten Ausstellungskatalog: „In der deutschen Arbeiterbewegung scheint es schon bald viel ‚Organisation’ gegeben zu haben, phasenweise mehr als ‚Bewegung’ und daher muss man sie vielleicht gerade in ihrer Frühzeit gegen Romantisierungen in Schutz nehmen und sie weniger als typische denn als besondere Erscheinung behandeln, die sie speziellen deutschen Bedingungen verdankte.“

Dass es noch großen Forschungsbedarf gibt, beweist die Ausstellung auch. Die Geschichte der Organisationen, ob politische Parteien oder Gewerkschaften und ihrer „Spielregeln“(die bis zum heutigen Tag immer wieder für Niederlagen und Entsolidarisierung bei notwendigen und wichtigen Kämpfen sorgte) steht im Vordergrund, die genau so wichtige „andere Arbeiterbewegung“ bekam in dieser Ausstellung wenig Platz eingeräumt. Sie, die in der Sprache der Betroffenen Geschichte lebendig werden lässt, gehört dazu.

Nach 1945 teilt sich die Ausstellung, der BRD Teil ist bei weitem aussagekräftiger. Da wird sehr genau gezeigt, wie sehr die Sozialdemokratie samt der ihr nahe stehenden Gewerkschaftsbürokratie für den Abbau sozialer Errungenschaften verantwortlich ist. Hans Günther Thien, Soziologe, schreibt dazu im Katalog: „Zwar wurden wichtige Weichenstellungen zur Deregulierung der sozialstaatlichen Absicherung der Widrigkeiten des Lebens im Kapitalismus der Achtziger und Neunziger“  von der CDU unter Helm Kohl vorgenommen, aber den eigentlichen Durchbruch habe sein „Nachfolger gegeben, der schon als junger Juso an den Pforten des Kanzleramts gerüttelt hatte und schließlich gemeinsam mit den Grünen als Verkörperung der Neuen Sozialen  Bewegungen dieses tatsächlich erreichte.“

Die  DDR-Historie allerdings bedarf einer kritischen Überarbeitung. Es klingt ein wenig zu einfach, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter in der DDR „von allen wichtigen wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen ausgeschlossen“ gewesen seien und die Frauen „real benachteiligt“.
Für den Schulunterricht wurde ein überaus lehrreiches Arbeitsheft entwickelt, dem ein möglichst vielfältiger Einsatz im Unterricht zu wünschen wäre.

Diese Ausstellung darf nicht „Geschichte“ werden. Da gibt es täglichen Zuwachs. Es darf kein Stichtag eingeführt werden, vor dem die Gesamtgeschichte, vor allem die der abhängig Beschäftigten, verfällt.  „Geschichte wiederholt sich“ deswegen sollte man unsere Geschichte der Arbeit, Ausbeutung Abhängigkeit nicht unter den Tisch kehren. Also – MEHR LICHT – ganz ohne Fragezeichen.

Dieter Braeg

Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863-2013
bis 25. August 2013
TECHNOSEUM
Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim
Museumsstr. 1
68165 Mannheim
Öffnungszeiten: Täglich von 9,00 bis 17,00 Uhr
Tel. + 49 (0) 621 / 4298-9
E-Mail: info(at)technoseum.de

Zur Ausstellung ist ein Katalog (ISBN-Nr. 978-3-9808571-7-8) erschienen, er kostet 20,00 Euro und kann im Shop des TECHNOSEUM gekauft werden. Auch eine Bestellung unter Tel. 0621-4298-839 oder unter info.kasse(at)technoseum.de ist möglich.

Von Anfang November 2013 bis 1. Mai 2014 kann die Ausstellung im
Industriemuseum Chemnitz
Zwickauer Straße 119
09112 Chemnitz
besucht werden.

 

Alle Fotos: Dieter Braeg