1920 gab es in Salzburg erstmals Festspiele. Vom 22. bis 26.8. 1920. Mit dem Stück „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal, bis heute die immer ausverkaufte Attraktion, wurden die nur 5 Tage dauernden Festspiele eröffnet. Zwei der sechs Vorstellungen des Stücks waren der Salzburger Bevölkerung, damals noch ohne Bezahlung eines Eintritts, vorbehalten.  Zur Geschichte findet man auf der Homepage der Festspiele den Satz: „ Der Werdegang der Salzburger Festspiele ist eng verbunden mit klingenden Namen wie Max Reinhardt, Hugo von Hofmannsthal und Herbert von Karajan.“ Von Anfang bis heute waren die Festspiele mit ihrem konservativ bürgerlichen Programm - Ausnahme war die Zeit in der Gerard Mortier Intendant der Festspiele war - ein Zeichen rückwärtsgerichtetem Kulturverständnis. Die Gründer Bahr, Hofmannsthal und Reinhardt hielten mehr von einem Programm, bei dem die Zeit stehen geblieben war und zielsicher spottete dazu Karl Kraus: „Herr, gib uns unser täglich Barock!“.

Hugo von Hofmannsthal verwendete schon bei einer Rede 1927 in München den Begriff „konservative Revolution“ der auch heute noch Verwendung findet.

Der Gründer der Festspiele, Max Reinhardt stellte 1943, als längst die Nazis auch in Salzburg die „Kulturhoheit“ hatten, fest: „Ich habe den Ruf dieser Stadt mit den Festspielen in 18 Jahren erneuert und habe in dieser Zeit auch das Schloss (Reinhardt meint das Schloss Leopoldskron, das sich in seinem Besitz befand) für Menschen aller Welt erschlossen. Nach 1938 wurde das Schloss von der Gestapo als „volks- und staatsfeindliches Vermögen“ beschlagnahmt.  Schon während dieser Zeit begann die NSDAP-Karriere des Dirigenten Karajan und Salzburg „ehrt“ ihn heute mit dem „Karajan Platz“ im Festspielbezirk.

Die Salzburgerinnen und Salzburger wollten eigentlich nach Ende des ersten Weltkriegs „heim ins Reich“. Dazu fand am 29.5.1921 die Abstimmung zum Anschluss an Deutschland statt. 98,8% stimmten dafür und nur 877 Personen waren dagegen. Die Siegermächte des 1. Weltkriegs verboten allerdings diesen Anschluss, den dann 1938 die Salzburgerinnen und Salzburger jubelnd begrüßten. Bei der Berichterstattung zu den Festspielen wird oft vom „Hunderjahrejubiläum“ der Jedermannaufführungen berichtet. Die Festspiele in der Nazizeit, gefördert nicht nur von Joseph Goebbels setzten den „Starkult“, natürlich ohne jüdische Beteiligung fort. Jedermannaufführungen auf dem Domplatz gab es in dieser Zeit nicht! Die hatte Goebbels verboten! Der Autor Andreas Novak stellte fest: „Die große Werbeoffensive im Vorfeld der Festspiele von 1938 sollte Schwächen in Organisation und Planung kaschieren. Sie bot nach den propagandistischen Inszenierungen die den Anschluss begleiteten nochmals die Chance, auf die vermeintlichen „Segnungen für die Ostmark“ zu verweisen, die durch die Eingliederung in das Dritte Reich nun eingetreten waren, ebenso auf die Wiederauferstehung eines germanischen, von „artfremden Einflüssen“ gereinigten Kulturlebens. Ab 1939 dienten die Festspiele ideologischer und politischer Instrumentalisierung, spiegelten diplomatische Konstellationen, militärische Allianzen und degenerierten zum Instrument psychologischer Kriegsführung. Ihre kulturelle Bedeutung erfuhr eine sukzessive Abwertung und Gleichsetzung mit anderen Festivals des NS-Staates wie Heidelberg und München.

Die Festspielgleichschaltung erfolgte ohne Kompilationen. Der Dirigent Arturo Toscanini sagte seine Teilnahme für den Sommer 1938 ab, nachdem seine Forderung die Verfolgung der Juden einzustellen ignoriert wurde übernahm Wilhelm Furtwängler und dirigierte Richard Wagners „Meistersinger“ bei der Festspieleröffnung in Anwesenheit von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels. Furtwängler der Nazi-Dirigent schwang den Dirigentenstab natürlich nach 1945 weiter bei den Festspielen. Ihn löste später das NSDAP-Mitglied Herbert von Karajan ab.

1944, der totale Krieg tobte, wollte man auch mit einem fulminanten Programm aufwarten. Daraus wurde nichts, denn am 20.8.1944 verkündete Joseph Goebbels die Schließung aller Theater, Opernhäuser, Varietés und Konzertbetriebe. Es blieb bei einer öffentlichen Generalprobe der Oper „Die Liebe der Danae“ von Richard Strauss vor etwa 1000 Besuchern. Strauss nach der Generalprobe: „Ich danke Ihnen allen, Sie haben mir ein großes Geschenk gemacht und diese Vorstellung in so schwierigen Zeiten ermöglicht. Das war das Ende der abendländischen Kultur, ich hoffe, wir sehen uns in einer besseren Welt wieder.“
Eine Generalprobe sind keine Festspiele – also könnte man eigentlich erst 2021 das Hunderjahrfestspieljubiläum feiern. Auch da mag es Zweifel geben, denn ab 1941 gab es in Salzburg „Kriegsfestspiele“!

Am 1.8.2020 begannen in diesem Jahr nicht nur „verkürzte“ Corona-Virus Festspiele, sondern man feiert, weil zählen und die Grundrechnungsarten nicht unbedingt etwas mit Kultur zu tun haben, weiterhin das 100 Jahre Festspieljubiläum. Gleich die Premiere des „Jedermann“ auf dem Domplatz musste in das große Festspielhaus verlegt werden, denn es gab Sturm und Regen! Dass bei diesen Festspielen, ihrer Programmgestaltung als Thema der 75. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus keine Rolle spielt, war zu erwarten. Dass man weiterhin das Festspielsignet verwendet, das von Poldi Wojtek entworfen wurde, sie machte in der NS-Zeit Karriere und wohnte in der arisierten Villa eines Holocaust-Opfers und war mit Kajetan Mühlmann verheiratet, der  während der nationalsozialistischen Herrschaft einer der größten Kunsträuber war, stößt nur bei wenigen Kritikerinnen und Kritikern auf Unverständnis.

Im Jahre 2020 im August tritt auf dem Domplatz, es sei denn es regnet, der Tod ins Leben - und als der „Jedermann“ 1910 in Berlin Uraufführung hatte, da gab es nur negative Kritik. Trotzdem kommt nur selten in der Berichterstattung dieser Festspiele der Name Bertold Brecht vor. Im Frühjahr 1948 lernte Bertold Brecht den jungen österreichischen Komponisten Gottfried von Einem kennen. Dieser gehörte zum Direktorium der Salzburger Festspiele und wollte, nicht im Sinne der Gründer, die Festspiele wiederbeleben. Der damals für die Salzburger Festspiele zuständige Ministerialrat Dr. Egon Hilpert war für Erneuerungen und Brecht sollte beim Wiener Burgtheater und den Festspielen eine bestimmende Rolle übernehmen. Brecht war nach seiner Ausreise aus den Vereinigten Staaten, wie Helene Weigel und schrieb im April 1949 an Gottfried von Einem folgenden Brief:

„Lieber von Einem

Ich sitze hier mit Caspar Neher und wir haben über das Festspiel gesprochen, und es sieht so aus, als ob das ginge. Ich weiß jetzt auch ein Äquivalent, mehr für mich wert als Vorschuss irgendwelcher Art, das wäre ein Asyl, also ein Pass.
Wenn das überhaupt möglich wäre, sollte es natürlich ohne jede Publizität gemacht werden. Und vielleicht wäre ein Weg wie der folgende das Beste. Helene Weigel ist ja gebürtige Österreicherin und wie ich seit 1933 staatenlos. Und jetzt existiert keine deutsche Regierung. Könnte sie wieder einen österreichischen Pass bekommen? Und könnte dann ich, einfach als ihr Mann, einen bekommen? Sie verstehen, ich kenne nicht den legalen Weg. Jedoch wäre für mich tatsächlich ein Pass von enormer Wichtigkeit. Ich kann mich ja nicht in irgendeinen Teil Deutschlands setzen und damit für den anderen tot sein. Vielleicht können Sie mir da wirklich helfen?

Herzlichst ihr Bertold Brecht“

Die damals Kulturverantwortlichen erkannten die Chance und der österreichische Amtsschimmel schaffte es tatsächlich. Am 11. April 1950 wurde Brecht und Weigel die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen.  Doch daraus wurde nichts.

Erst im Jahre 1951 wachte die österreichische Presse auf. Die Staatsbürgerschaft von Brecht und Weigel wurde „der größte Kulturskandal der Zweiten Republik“. Journalisten, die den Namen Mozart noch nie gehört hatten, fühlten sich bemüßigt, dass die österreichische Kultur bedroht sei „was zieht ihn denn in die Mozart- und Festspielstadt Salzburg? Das ist doch sehr verdächtig! (…) Das dürfte ein gefährlicher Agent sein! Und den lassen wir herein?“ (Linzer Volksblatt vom 12.10.1951). Für die Behörden galt, wie so oft die Unschuldsvermutung und der Komponist Gottfried von Einem wurde aus dem Direktorium der Festspiele entfernt. Jahrzehnte traute sich in Österreich keine Bühne, Brechtstücke aufzuführen. Darüber wachten die beiden Kritiker Hans Weigel und Friedrich Torberg.

Auch das gehört zur Jubiläumsgeschichte dieser Festspiele, leider nur selten oder gar nicht erwähnt. Aus Furcht vor dem Virus gibt es statt über 200 000 Karten, nur deren 80 000 und die Festspielpräsidentin freut sich, dass die öffentliche Hand trotzdem alle Subventionen ausschüttet, die für ein Komplettprogramm geplant waren. Die Hochkulturkunst wird gerettet.

Dazu paßt die kapitalismusfreundliche und kulturkompetenzlose Aussage der Präsidentin: "Wir glauben, dass wir künstlerisch Sinnvolles und wirtschaftlich gerade noch Vertretbares machen können."

Sonst ist in Salzburg alles, so wie immer! Am Platzl und in der Linzergasse ein fröhlich-dichter Schanigartenbetrieb. Virusgeil drängt sich das Volk wie vor Jahren. Am linksseitigen Salzachflußufer gibt es den Kitschkulturflohmarkt mit dem hochstaplerischen Namen Salzach-Galerien!  Der Hirnrissigkeitsorden geht an jene Beamtenhirnderln im Schloss Mirabell die das genehmigten. Einen Kunsthandwerksmarkt von einem halben Kilometer Länge auf einem Asphaltstreifen von dreieinhalb Metern Breite?

Schließen wir dieses traurige Kapitel konservativ, oft kapitalismusfreundlicher Festivalkultur die, komme was da wolle, auch in Virusansteckungszeiten geboten werden muss, mit einem Satz aus einem aktuellen Interview mit dem Jedermanndarsteller Tobis Moretti: „Es ist unfassbar wohltuend, dass die Horden von Chinesen und diese geführten Massentrauben heuer durch Corona ausfallen.“

Dieter Braeg