Einmal waren wir alle gleich.
Proleten im deutschen Neoliberalreich.
Alle in derselben Luft,
beide in gleicher verschwitzter Kluft;
dieselbe Maloche - derselbe Lohn -
derselbe Chefs - dieselbe Fron -
alle dasselbe elende teure WohnKüchenkloloch . . .
Genossen/Kollegen , erinnert ihr euch noch?

Aber ihr, Genossen , ward flinker als wir.
Euch drehen - das konntet  meisterlich ihr.
Wir mußten leiden, ohne zu klagen,
aber ihr - ihr konntet es sagen.
Kanntet die Bücher und die Broschüren,
wußtet  plumpe  Lügenversprechreden zu führen.
Treue um Treue - wir glaubten Euch doch!
Genossen erinnert ihr euch  noch?

Heute ist das alles vergangen.
Man kann  nur durchs Vorzimmer zu euch gelangen.
Ihr raucht nach Tisch die dicken Zigarren,
ihr verhöhnt Antineoliberale als Sektierer und Narren.
Wisst nichts mehr von alten Kameradinnenkammeraden,
würdet gerne  zur SPD eingeladen.
Ihr zuckt die Achseln beim Hennessy
und diktiert die „ROTrotGRÜNkoalitionsdemokratie“.
Ihr habt mit der Welt euren Frieden gemacht.

Hört ihr nicht manchmal in dunkler Nacht
eine leise Stimme, die mahnend spricht:
Genossen, schämt ihr euch nicht -?


nach
        Theobald Tiger
        Die Weltbühne, 06.09.1923, Nr. 36, S. 248, wieder in: Mit
        5 PS, auch u.d.T. »An die Bonzen«.
[Werke und Briefe: 1923, S. 106. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 2955 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 3, S. 351-352) (c) Rowohlt Verlag]
von
Dieter Braeg nach der Lektüre des
leider wirkungslosen Textes „Quo vadis, Die Linke?“ in  www.scharf-links.de der leider keine Kritik an dem unerträglichen Parteibeamtinnenbeamtengehabe enthält!

18.9.2020