Zum Rückzug von Oskar Lafontaine

Oskar Lafontaine hat seinen Rückzug von allen bundespolitischen Ämtern der LINKEN erklärt. Er will in Zukunft nur Fraktionsvorsitzender der LINKEN im saarländischen Landtag sein. Die Gründe dafür liegen in seiner angeschlagenen Gesundheit – und niemand sollte dies in Frage stellen. Bei allem Streit in der Partei, von dem der meiste ja auch mit guten politischen Gründen geführt wurde, ist sich jeder und jede in der LINKEN bewusst, dass es die LINKE ohne Oskar Lafontaine nicht so und so erfolgreich gegeben hätte und dass es mit ihm in zweiter Reihe sehr viel schwieriger werden wird.  Und keiner, der um die Nachfolge kämpfenden Gockel, kein Intrigantenstadel und wild gewordener Schreiberling sowie schon gar nicht eine der Strömungen in der Partei wären stark genug gewesen, den Vorsitzenden abzuschießen.
Ein Rückzug mitten in einer fast ununterbrochenen Erfolgsgeschichte wird bei der Hauptperson keine Kratzer hinterlassen. Gönnen wir Oskar also seine Pause und wünschen wir ihm baldige Genesung!


Die LINKE gäbe es ohne Lafontaine nicht. Fast alle der gegenwärtigen Spitzenleute der LINKEN mussten vor viereinhalb Jahren zur Einsicht, eine gemeinsame neue Partei eines großen Teils der Linken in Deutschland aufzubauen, geprügelt werden – und der große Zuchtmeister war Oskar Lafontaine.  Er hat seitdem dank seiner rhetorischen Fähigkeiten und seiner medialen Präsenz die LINKE zusammengehalten, wie ein kleiner Caudillo oder Bonapartist, mit Streicheleinheiten und Kopfwäsche mal in die eine – rechtere – oder die andere linkere Richtung. Der Preis dafür ist der Aufbau der LINKEN als merkwürdige Synthese aus altertümlicher, patriarchaler und hierarchischer Männerpartei mit einer Kampfansage an das Kartell der vier anderen Großparteien und einer Popularisierung von lange verschütt gewesenen linken Alltagswahrheiten und sogar einigen jungen rebellischen Elementen.


So eine Rolle kann immer nur einer spielen, das haben die Ernst, Bartsch, Ramelow und wie all die auf eine Nachfolgerchance hoffenden Oberlinken auch heißen, gespürt und werden es noch spüren.  Lafontaine brachte dafür zwei Dinge mit, von denen das erste nur von ihm kommen konnte und beim zweiten reichte ihn weit und breit niemand das Wasser. Lafontaine verkörpert als Person den Bruch mit der SPD, der jahrzehntelang dominierenden Kraft in der deutschen ArbeiterInnenbewegung. Sein Abgang aus Spitzenpositionen und Verzicht auf Privilegien, seine Bereitschaft Neues zu wagen verlieh ihm die Authentizität, die sich als tiefe Glaubwürdigkeit der gesamten Partei die LINKE  fortsetzte.  Paradoxerweise, aber so wirkt historische Dialektik zuweilen,  haben fast alle, die er damit anzog, die SPD  zwar auch verlassen, aber nicht mit dem Bewusstsein eines Bruches, sondern mit der Hoffnung einer Fortsetzung oder Wiederaufnahme alter Hoffnungen aus SPD-Zeiten.  Zum zweiten besitzt Oskar Lafontaine die Gabe, das tiefe Loch in dem sich das sozialistische Gegenmodell zum Kapitalismus nach der Todeskrise des Stalinismus und der Fasttodeskrise der Sozialdemokratie befand, durch manchmal originelle Rückgriffe auf  die – vormarxistische – Frühzeit der sozialistischen Bewegung und Theorie in überzeugender, antikapitalistisch wirkender  und populärer Weise zu überspringen. Jeder geschulte Linke wird in seinem Bücherbord hunderte von Seiten finden, die gnadenlos und gut begründet mit den Lafontain’schen Aussagen über Demokratie, Wirtschaftsdemokratie, Eigentum und Reproduktion abrechnen, aber in der spezifischen deutschen Situation lag darin offensichtlich ein Erfolgsrezept, tausende von vom preußischen Kasernenhofsozialismus der DDR sozialisierte Menschen ebenso wie Ex-Stalinisten, Sozialdemokraten, Trotzkisten und sozial Ausgegrenzte aus Ost und West hinter einer Parteiidee zu vereinigen.


Oskar Lafontaine war wie jeder Bonapartist ein schlechter Vorsitzender. Er nahm an den Sitzungen vom geschäftsführenden Vorstand so gut wie nie und an den Vorstandssitzungen selten teil. Er kennt weder die Namen von allen vierundvierzig Vorstandsmitgliedern noch die Seele der Partei in den hunderten von Kreisverbänden. Diese Defizite wurden anfänglich noch vorwärtsweisend, heute immer mehr zerstörerisch wirkend vom Apparat der alten PDS aufgefangen. Wenn Bürokratisierung und das apparatschiktypische Denken der Politik-der-kurzen-Wege die Oberhand gewinnen, sind die Tage eines Vorsitzenden wie Oskar Lafontaine fast gezählt, auch wenn die kleinen Fiesematenten von Bartsch, Ramelow und Co. aus den letzten Wochen noch scheiterten. Insofern wird in späteren Zeiten sicher festgestellt werden, der Rückzug von Oskar Lafontaine kam gerade zur rechten Zeit.


Das Krisenmanagement nach dem Rückzug Lafontaines unter der Führung von Gregor Gysi hat die Situation noch deutlich verschlimmert. Sein fast schröderianischer Auftritt, er müsse jetzt alles selbst machen, vom Vorstand finden bis zum Programmschreiben, wird die Partei DIE LINKE gerade in die Richtung treiben, aus der sie raus muss: zu einer überalterten patriarchalischen hierarchischen SPD-Kopie.


Jetzt bestände die Chance, einen großen Schritt vorwärts zu machen zu einer aktiven Mitgliederpartei. Es könnten jetzt in aller Ruhe neue, jugendliche Vorsitzende aufgebaut werden und vor allem: die radikale Pose des Lafontain’schen Frühsozialismus könnte und müsste sich mit den realen Klassenkämpfen verbinden und sie radikalisieren. Das wäre dann wirklich eine zweite Chance des Sozialismus in Deutschland.

Erschienen in der Monatszeitschrift SOZ Ausgabe Februar 2010