1Die Zahlen die ein Menschenleben begleiten, vor allem dann, wenn es vorbei ist, die sind so nichtssagend und doch, auf sie trifft  meistens  zu aller erst:

1928 Am 8. Oktober kommt Helmut Qualtinger in Wien zur Welt
1986 Helmut Qualtinger stirbt am 29. September in Wien

So wenige Daten hat sich Helmut Qualtinger nicht verdient.
Natürlich gab es eine „schöne Leich“ und der Schriftsteller Peter Turrini hielt, wie viele andere, eine Grabrede, da meinte er, Qualtinger habe ein Lebensthema gehabt :“die ganze politische Schweinerei, die unter uns lebt und vielleicht auch in uns lebt“.

Zu Lebzeiten, da hatte man für ihn, vor allem ab dem 15.11.1961, denn da wurde der „Herr Karl“ (geschrieben von Carl Merz und Helmut Qualtinger) in der Inszenierung von Erich Neuberg im österr. Fernsehen uraufgeführt, eben einen Namen,  er war der „Herr Karl“.

Als junger Mensch, ich lebte damals in Wien,  war der Besuch des Theaters am Kärntnertor in der Walfischgasse der Beginn eines neuen Lebensabschnittes für mich. Ob es „der Papa wird’s schon richt’n“  oder „Der Wilde“ war. Was da auf dieser Kleinbühne mit Worten, Klang, Gebärden und Inhalten geboten wurde war Zündstoff jener Art, den es nur in Wien geben kann. Da ging es gegen geistige Trägheit und Barbarei, gegen Korruption und Dummheit, gegen jene Sünden wider den Geist, die, solange es Menschen gibt, als giftiger Schimmel durch alle Ritzen dringen. Qualtinger war damals notwendig für Österreich und heute wäre er es noch mehr, um jenen Politikern die zu Handaufhaltern wurden und sich per Anzeigenauftragsvergabe an die Schmutz&Schundpresse sich von der einen guten Ruf schreiben lassen, den Spiegel vor’s Gesicht zu halten. Wien war damals Provinz, in den sechziger Jahren gab es keine Bewegung, damals regierte die ÖVP Österreich, ganz allein. André Heller, der sein Freund war: “Damals haben sich die Langhaarigen auf der Straße noch gegenseitig angestarrt, weil sie’s so unglaublich fanden, dass in dieser Stadt  mehrere von ihnen existierten.“

Helmut Qualtinger war auch Aktionist, zum Beispiel am 3. Juli  1951, als die  Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Redaktionen des Wiener Kurier, der Weltpresse, der Tageszeitung, der Arbeiter-Zeitung, der Volksstimme, der Presse, des Abend, des Kleinen Volksblatts, der Salzburger Nachrichten und der Oberösterreichischen Nachrichten am Wiener Westbahnhof warteten, um den großen Eskimodichter Kobuk (seine Romane: Brennende Arktis und Kocholz) gebührend zu empfangen? Helmut Qualtinger, bekleidet in einen Pelzmantel stieg aus dem Zug und stellte in schönstem Dialekt fest: „Haaß is.“
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Alfred Hrdlicka: “Älter geworden, hat er plötzlich eine sehr linke Schlagseite bekommen. So waren wir alle bei den Lesungen Erich Frieds, und Fried war doch ein überzeugter Kommunist. Plötzlich gab es auch da keine Berührungsangst mehr. Im Alter wurde Qualtinger so etwas wie ein ’Linker’.“

Helmut Qualtinger war Sprechsteller und wer ihn im kurzen Fernsehfilm „Die Zukunft Österreichs“ (der auch im Internet präsent ist)  gesehen hat , wie er in viele unterschiedliche Rollen schlüpft, der hat große Schauspielkunst erlebt. Wer die Chance hat, sollte Helmut Qualtinger als Schriftteller kennenlernen, noch gibt es eine 5 Bändige Gesamtausgabe vom Deuticke Verlag, die 110.--€ kostet, sie beweist das Helmut Qualtinger ein bedeutender und wichtiger Schriftsteller war.

Es gibt über 200 Sprech- und Gesangsschallplatten, ob Anton Kuh, Karl Kraus, Henry David Thoreau, Ödön von Horváth oder Johann Nestroy, Helmut Qualtinger hat damit Querdenkereien, Einsichten und Anregungen geliefert für Hirn und Ohr. Nicht nur „Die letzten Tage der Menschheit“ von ihm gelesen, werden den Ansprüchen gerecht die Karl Kraus, selbst ein großer Vortragender, gefordert hatte.

Helmut Qualtinger kann man noch entdecken und so dokumentiere ich hier zum Abschluss , die Rede des Schriftstellers Peter Turrini, leicht gekürzt:

3„ Ob er dieses Land geliebt hat weiß ich nicht. Ich weiß, daß dieses Land ihn geliebt hat und ich glaube, daß diese Liebe von jener Art war, die einen Menschen zum Ersticken bringen kann. Helmut Qualtinger ist viele Tode gestorben, wovon sein letzter, der physische, nur der öffentliche und folglich auch der offiziell beklagbare ist.
Man hat Qualtinger mit Nestroy verglichen, ich vergleiche ihn mit Bert Brecht. Das Böse, oder besser gesagt das Bösartige und die Bösartigen hatten in Qualtingers Werken durchaus Name und Adresse. Als die Gemeinten mit den wohlklingenden Namen Ende der fünfziger Jahre seine Garderobe betraten, um ihn mit jener österreichischen Liebe zu umarmen, welche Zuwendung vorgibt und Erstickung will, verließ er das Kabarett. Je öffentlicher er wurde, desto umfassender kam dieser tödliche Mechanismus in Gang. Eine ganze Nation verlieh ihm – ungefragt – die kumpelhafte Bezeichnung »Quasi«, weil sie nicht hören wollte was er sagte sondern nur »wie« er es sagte. Sie lieben seine Erscheinung, sie verniedlichten seine Person, um den erschreckenden Inhalten seiner Sätze zu entkommen. Wenn ich mit ihm herumzog und ihn diese ungebetene Liebe buchstäblich umfing, und er nicht aufhörte zu saufen und sich selbst zu zerstören, hatte ich manchmal das Gefühl, er wollte das Objekt dieser Umarmung, seine Erscheinung, seinen Körper vernichten, um ihr endlich zu entgehen.
Es wurde immer wieder gesagt, Helmut Qualtinger verkörpere das Österreichische, ja er sei die Inkarnation des Österreichischen schlechthin. Auch dieses Urteil bedeutet eine Immunisierung, eine Erstickung. Helmut Qualtinger hat österreichischen Figuren seinen Körper seine Stimme, sein Gesicht »geliehen«, aber sein Geist war von ganz und gar unösterreichischer Art. Er war unfähig zu vergessen, unfähig zu verdrängen. Wer ihn näher kannte, weiß, wie sehr sein Kopf ein einziges Lexikon war: angefüllt seit Jahrzehnten mit all der Niedertracht und den Niederträchtigen dieses Landes, abrufbar in verzweifelten Tages- und Nachtstunden.
In den Kommentaren zu Qualtingers Tod steht immer wieder: »Er wird uns unvergeßlich bleiben«. Das ist ein Satz wie ein Grab, in dem schon mehr verschwunden ist als ein Mensch. Was soll uns unvergeßlich, also lebendig bleiben? Jenes lieb gewordene Bild vom »Quasi«, an dem sich nun jeder bis zur absoluten Beliebigkeit bedienen kann, ader die Sätze des Schriftstellers Helmut Qualtinger, die treffen, ja verletzen wollen?
Helmut Qualtinger ist tot und das ist mehr als traurig. Wenn wir den Schriftsteller Helmut Qualtinger wirklich leben lassen wollen, dann müssen wir endlich auf- und annehmen, wovon dieser Schriftsteller redet: das ganze Ausmaß jener politischen und menschlichen Schweinerei, die unter uns lebt und vielleicht auch in uns lebt. Ich wünsche Ihnen und mir die Bereitschaft dazu.“

„Travnicek, was halten Sie von Wien?“„Da müssen S’ mich nachdenken lassen…..NIX.“

Anmerkung: Die Fotos sind von Dieter Braeg und stammen aus der Ausstellung
„Quasi ein Genie“ im Wien Museum (2.10.2003 bis 6.1. 2004)