1Aus den Braegschen Archiven. Im Jahre 2006 gab es bei den Salzburger Festspielen eine
spannende Begegnung zwischen Hans Meyer und Martin Kušej, das in meiner kleinen Internetzeitung wieder zu lesen sein muss!

Hans Meyer

Nun gab es zum Abschied keinen Teppich für Hans Meyer. BILD kann jubeln, denn  als Hans Meyer verkündete „Wenn ich spüre, dass kein Vertrauen mehr da ist, werden wir die Reißleine ziehen. Momentan sehe ich das nicht.“  war er schon seinen Job los. Schäbig war, wie immer, der Feudalpräsident des 1. FC Nürnberg der zuließ, dass Meyers Intimfeinde von BILD öffentlich machten, was durch ihre Schreiberei gefördert wurde. Eine Entlassung. Ein Teppichmogul der Adolf heißt und seine Entscheidungen per BILD öffentlich werden lässt, das stört heute wenige. Hans Meyer ist eine saftige Abfindung zu wünschen und weitere glückliche Jahre.
Im Jahre 2006 gab es während der Salzburger Festspiele, gestaltet vom damaligen für das Schauspiel zuständigen Direktor Martin Kušej, die „Magazine des Glücks“. Im Rahmen dieser Veranstaltungen gab es am 3.6. 2006 ein Gespräch zwischen Hans Meyer der damals mit seinen Spielern vom „Glubb“ in Kaprun/Österreich  ein Trainingslager absolvierte, ein längeres Gespräch. Hier Auszüge aus diesem Gespräch, das deutlich werden lässt, das Hans Meyer, der gekonnt und zugespitzt in der Lage war, das schäbig korrupte Geschäft des Springer, Kirch und Bertelsmann – Boulevard zu persiflieren,  dem Fußball nicht verloren gehen sollte. Hier Auszüge aus diesem Gespräch:


Martin Kušej:
Ich habe jetzt hier die Karte (Infokarten zu Hans Meyer), da steht drauf  „Glück“, dazu will ich was fragen. Wir sind ja hier im Magazin des Glücks. Was wäre so eine Idee zum Glück und zwar jetzt ganz bewusst  gesagt auf den Trainer Hans Meyer,  auf seinen Job bezogen und nicht die Privatperson. .

Hans Meyer:
Gehen Sie ruhig davon aus dass ich eigentlich in einer unglaublichen Art und Weise in meinem Leben Glück hatte. Als ganz normaler Schüler. Der „normale“ Schüler  ist in der Regel faul. Es steht in jedem Zeugnis „er könnte normal mehr“. Dann habe ich mein Studium gemacht,  ich könnte im Nachhinein sagen, eher ein Schmalspurstudium, Diplomsportlehrer, weil ich da noch was dazu nehmen musste, hab ich Geschichte genommen,  weil ich da ne zwei hatte, in Biologie und Deutsch ne drei, so auf diese Art. Dann kommst du, weißt ganz genau  von vorn herein als Lehrer,  da wird es nicht so toll. Mein ersten Versuche die ich dort gemacht habe, die waren eher bescheiden.

M.K.
Sie waren also Sportlehrer. Ich hab auch mal dasselbe studiert, allerdings mit Germanistik. Ich hab es aber nie bis zum Lehrer geschafft, weil ich dachte, was soll ich damit. Aber egal…


H.M.
Sie sind durchgefallen?!


M.K.:
Nein…ganz ehrlich, ich bin ein einziges Mal  durchgefallen,  das war tatsächlich im Sportstudium in dem Fach  „Geschichte der Leibesübungen“. Hab ich kein Zeugnis, hab ich nicht geschafft!


H.M.:
Da sind Sie praktisch dort gescheitert, wo ich es zu etwas zu etwas gebracht hab. Ich bin dort in Jena beim Studium zum Leistungssport gekommen. Hab sechs Jahre gespielt. Wer Fußball gespielt hat, auf einem gewissen Niveau – das hat Spaß gemacht - auch die es nicht als Leistungssport gemacht haben,  werden sich an diese Fußballzeit immer gerne erinnern. Du verlierst gemeinsam, du gewinnst gemeinsam. Die sozialen Kontakte sind schön und  du bekommst dann angeboten als Trainer zu arbeiten und du nimmst es wahr und es passt. Du machst es gerne, du machst 35 Jahre deines Lebens etwas,  wovon du was verstehst, was immer Spaß und Freude macht. Ich gehe jeden Tag ins Stadion und es macht mir Spaß und Freude, dann kommt noch das  mit dem Grenzfall dazu. Ich wusste gar nicht,  dass man mit Fußball Geld verdienen kann. Ich bin entschädigt worden für die mageren Jahre vorher. Wenn Sie dann von Glück reden, dann hab ich doch  Glück gehabt  in meinem Beruf,  aber richtig. Nach allen Richtungen. Dann habe ich auch Glück  - es klingt so banal – die Kinder sind gesund und die Enkelkinder….

M.K.:
Sie haben laut meinen Informationen in Ihrer aktiven Zeit ein einziges Tor geschossen, stimmt das?

H.M.:
Sie sind aber richtig gut informiert. Das stimmt und passt in das Klischee,  dass Fußballer nicht viel weiter als bis eins zählen können.

M.K.:
Nein, das hat mir gut gefallen, ich hab das gelesen. Ich hab früher auch ein bisschen Fußball gespielt, ich war rechter Außendecker und ich habe es auch nur auf ein Tor gebracht in meiner Jugend. Aber ich  wollte Sie fragen,  ob Sie sich noch an das Gefühl erinnern als Sie dieses Tor geschossen haben.

H.M.:
Das kann ich, es ist so als wäre es gestern gewesen. Es war ein Gefühl der Überraschung. Es war ein Kopfballtor.

M.K.:
Ich weiß noch, bei meinem Tor war das so …ich hab draufgehalten und das Ding ist so total satt ins Kreuzeck,  rechts oben…

H.M.:
Ich wollt grad sagen, ich kann Sie mir sehr gut   als Rechtsverteidiger vorstellen, der nie über die Mittellinie kam. Sie müssen das Tor von sehr weit geschossen haben.

M.K.:
Ja,  aber ich habe später dann beim Handball erfahren, da habe ich ein paar Tore mehr gemacht und da kann ich mich erinnern und da kann ich auf das Glücksgefühl zurückkommen. Es ist schon was echt Abgefahrenes, wenn man ein wichtiges Tor macht, das ist ein körperlicher Zustand, der ist großartig und hat für mich  jedenfalls wahnsinnig viel mit Glück zu tun. Ich hab das auch deswegen gemacht, eigentlich gar nicht wegen dem Spiel, dann schon im Grunde  sozusagen… das war der Haupttreffer. Ich weiß nicht… wenn man laufen würde, man eine gute Zeit  hat oder…es gibt auch eine Art von körperlichem Empfinden  für das Glück, könnten Sie das bestätigen, jetzt vom Sport her?

H.M.
Ich kann das hundertprozentig  voll nachvollziehen weil es doch Momente gibt, in einem ganz wichtigen Spiel das entscheidende Tor zu machen, der Schütze sagt darüber hinaus, ich hab das für die Mannschaft getan, aber er tut das natürlich auch immer für sich. Wenn Sie von mir erwarten ob ich dieses Glücksgefühl wenn ich selbst ein Tor mache, am eigenen Erleben vielleicht nachzuvollziehen soll, das ist nicht so toll, das war nur einmal. Aber theoretisch weiß ich natürlich, dass das phantastisch ist, das ist richtig schön. Das haben Sie natürlich in ihrem Leben auch  sehr häufig, dieses unmittelbare eigene Erfolgserlebnis, wie schön das ist, am nächsten Tag aufzuwachen und das noch einmal zu genießen und Du weißt ganz genau, dass Du dort  beim  Metzger  diese Scheibe Wurst mehr bekommst und bei der Tankstelle kriegst Du den Entfroster umsonst… Ich sag, ganz im Gegensatz dazu,  wenn Du dann aufwachst früh und hast ein ganz wichtiges Spiel vermasselt, und machst schnell die Augen zu und denkst es ist alles nur ein Traum,  das gibt es eben auch. Mit Erfolgserlebnis und Misserfolg, was dort für den Menschen,  für die eigene Psyche abhängt. Dann gibt es  natürlich auch Typen  die sind eher  weniger emotional und dann gibt es wieder andere die davon  unheimlich profitieren, oder wieder auch im negativen Falle darunter zu leiden haben. Aber das ist schon so, also ich weiß nicht, das ist so wie bei anderen Menschen auch. Das Schlimme ist bloß das eben auch die Presse  mit solchen Fragen ständig kommt, wo man Trainer damit konfrontiert, aber mit Dingen, die bei normalen Menschen auch vorkommen, da gibt es kaum Unterschiede.

M.K.:
Ich hab die Erfahrung gemacht, für mich selber. Ich habe mich  schon im Zuge der letzten Veranstaltung dazu bekannt, dass ich mich  eigentlich glücklich fühle.  Ich weiß, dass ich sehr viel Glück gehabt habe, aber ein wichtiger Baustein für dieses Glückgefühl, oder um dahin zu kommen war für mich doch keine Angst mehr zu haben, oder dieses Gefühl von Angst irgendwie halbwegs unter Kontrolle zu kriegen. Jeder Mensch hat Angst, jeder Mensch  geht im Kleineren oder Größeren mit diesem Gefühl um. Ich hab mir von meiner Mitarbeiterin für heute ein Fachorgan des Fußballs besorgen lassen, „Der Fußballer“ heißt es,  natürlich.  Sie kennen es gar nicht, da steht etwas drinnen über Hans Meyer und Angst, ich dachte das muss ich ihm zeigen. Ja jetzt hat er keine Brille mit. Die ist im Sakko, die muss geholt werden, denn Hans Meyer muss später noch was lesen.
(Es wird die Brille geholt aus dem Sakko…“Nicht alles rausnehmen“ ruft Hans Meyer)
Wir haben hier auch eine Fußballerzeitung die heißt „Festspiele“, die habe ich auch heute besorgt. Bei meinem Artikel steht „Der Unbeugsame“ und bei Ihnen steht auch etwas über die Angst. Das hat auch unmittelbar miteinander zu tun. Also, ja… (die Brille ist bei Hans Meyer angekommen) weil ich das Gefühl habe Sie sind jemand der auch aus Erfahrungen heraus die
er gemacht hat einen Grad von, ich sag’s mal vorsichtig, einen Grad von Entspanntheit erreicht hat, die eben dann zum Glück führt, dass man sich einfach nicht mehr, wie soll ich das sagen.. bei mir war das so .ich hab einmal bei der Produktion gemerkt…weil ich finde die Zeit die ich im Theater verbringe ist ja meine Lebenszeit, so wie Ihre im Fußballstadion oder auf dem Trainingsplatz oder wo auch immer, und ich bin der Meinung ich soll gut sein und spannend und produktiv und jedenfalls in dem Bereich den ich mitbestimmen kann, weil ich ihn natürlich auch als Regisseur gestalte und  man kennt ja vom Theater so echt Scheißesituationen, so schlechte Produktionen, wo alle in der Kantine sitzen und  irgendwie so  lange Gesichter kriegen. Ich hab mir irgendwann gedacht, das will ich nicht mehr erleben und ich habe mich erinnert das auch  Sie irgendwann auch von so einer Situation gesprochen haben, das ist dann  eben genau so,  wenn man fünfmal verloren und nur vier Punkte gemacht  hat und wie das dann so ist, das können Sie uns erzählen, wie das im Fußball so ist. Schauspieler sitzen dann in der Kantine und schauen weg wenn man rein kommt.

H.M.:
Bei mir sitzen sie nicht in der Kantine sondern  in der Kabine genau so,  die Gesichter sind da genau so, da sitzen sie alle und wenn ein Verantwortlicher rein kommt, dann kuckt keiner hoch.  Wenn Sie dann fünfmal reingehen, Sie haben,  wie gesagt, vierfünfmal verloren, da ist es auch ganz kompliziert rein zu kommen und diesen strahlenden Optimismus zu verbreiten, den Jürgen Klinsmann  jetzt zuletzt verbreitet hat. Ich habe schon gesagt, das ist der so genannte Malibu Optimismus.  Also wenn Du mit einem Rucksack voll Geld,  mit einem Schlitten und drei schönen Mädels am Strand liegst  ist es leichter optimistisch zu sein, als wenn Du irgendwo Arbeitslos bist und hast eine Riesenfamilie.
Gut, ich sag mal so. Die Angst bei mir, das haben Sie  ja auch gesagt, die relativiert sich dadurch, dass ich schon so lange dabei bin  und eigentlich im Fußball nichts passieren kann, das mein Leben so verändert,  dass ich irgendwo Existenzangst habe. Existenzangst hängt ja auch davon ab, was sagten die Klassiker des Marxismus Leninismus? Erstens musst Du essen, 
trinken, kleiden, die Philosophie erkämpfen ….Wenn ich Ihnen sage, dass ich 47 Jahre alt war, als die Grenze gefallen ist. Ich hab zwar ein kleines Häuschen, ich hab einen Wartburg gehabt,  meine Frau hat einen Trabant gehabt, das war schon sehr sehr suspekt und als alles umgetauscht war,  also auch die Großmutter ihre 6000 Mark getauscht hatte,  eins zu eins, hatte die Familie 32 000 Westmark, aber keine Eigentumswohnung, keine Versicherung und drei Kinder in der Ausbildung und da haben wir mitbekommen, dass die 32 000 Westmark gar nicht viel waren, die waren schnell weg.  Ich hab dann mitbekommen, dass die  diesen phantastischen Trainer Hans Meyer im Westen gar nicht kannten. Das hat meine Familie zum Glück gar nicht mitbekommen.  Da habe ich mir richtig  Gedanken gemacht, wie wird es weiter gehen? Da möchte ich jedem wünschen, wenn er zu tun hat mit seiner Arbeitsstelle, mit seinem blöden Chef  und mit Arbeitskollegen, die man am liebsten verlassen möchte, dass er so unabhängig wird, wie ich in den letzten Jahren durch die Tatsache, dass ich  bei drei Bundesligamannschaften trainiert habe und auch fast vier Jahre in Holland arbeitete,  wo ich auch finanziell, aber über die Maßen für mich,  in phantastischer Weise verdient habe. Das was meine Familie angeht und meine Enkelkinder, ist alles schön abgesichert. Das gibt   auch eine Freiheit und eine innere Ruhe, dass man dann eigentlich diese Ängste von denen Sie sprechen, eigentlich nicht mehr  kennt. Angst ist für mich etwas Greifbares wenn es darum geht, dass Du  diese Dinge die Du überhaupt  nicht mehr  beeinflussen kannst , wie Krankheiten,  also Menschen die Du gerne hast, die Du liebst, ja, vieles was in der Welt passiert, das registrierst Du ja so wie alle anderen auch. Ganz ganz schlimm, trotzdem geht das nicht ganz tief, aber dieses persönliche Unglück,  wenn das jemand erlebt, das ist natürlich etwas wo du permanent auch Angst haben müsstest, ohne dass du  jetzt  jeden Tag daran denkst. Aber jedes Mal  wenn es um den Beruf geht, das ist es wirklich so, da habe ich keine Angst. Weil ich ja weiß, dass alles möglich ist. Wieso soll ich mir Gedanken machen,  dass ich aus den ersten zwei Spielen vielleicht nur einen Punkt hole  oder gar keinen? Ich weiß, dass das möglich ist und das für den einen oder anderen Fan, der seine dreißig Euro zum Platz bringt, das gelinde gesagt eine Katastrophe wäre. Für mich definiert sich Katastrophe und Angst anders.

M.K.:
Sie haben ja auch einen Status unter den Fans in Deutschland der Außerordentlich ist. Also mir fällt kein einziger Trainer, auch unter den erfolgreichen und renommierten Trainern ein, der ja auf eine gewisse Art so unangreifbar ist wie Sie, aber auf Grund dessen was Sie sind und was Sie tun und was Sie gemacht haben. Ich weiß nicht warum das so geworden ist. Außer das ich mir das so erkläre. Da hab ich einen großen Respekt davor. Weil so ne Art von Unangreifbarkeit ist enorm, im existenziellen Bereich. Man wird ja gerade… als Österreicher da weiß ich das, das da immer so als Erstes da gebohrt wird.

H.M.:
Ich habe das früher auch gesagt. Weil diese Diskussionen die dann auftauchen, wo man bei Abstieg von Katastrophen spricht, von Existenz der Spieler und was alles dranhängt. Das ist doch alles total überzogen. Ich kenne keinen Spieler der nicht  nach dem Abstieg, aber richtig gut,  wieder untergekommen ist. Entweder im selben Club oder einem anderen. Das ist  an irgendeiner Stelle deutlich übertrieben. Das möchte ich gerne jedem wünschen der hier drinnen sitzt, das er in eine Situation kommt wo er zumindest so unabhängig ist, das er nicht die vielen Formen der Unfreiheit in unserer bürgerlichen Freiheit erleben und auch akzeptieren muss. Es ist leider so….

Hans Meyer will weiter in Nürnberg leben. Ich hätte da einen Vorschlag. Der Herr Trappatoni verlässt Red Bull Salzburg, wahrscheinlich mit dem Titel „Österr. Fußballmeister“. Es werden Nachfolger gesucht. Zum „Ösi Schmäh“ passend, wie wäre es da, wenn Hans Meyer in Salzburg  ein wenig Fußballgeschichte schreibt. Das hat er in JENA ja bewiesen mit einer Namenlosmannschaft und der RED BULL BOSS Mateschitz  wünscht sich ja Erfolg im internationalen Fußballgeschäft!

Tonbandabschrift und Fotos: Dieter Braeg