1Allerorten hat in Österreich die Festspielzeit begonnen, es jedermandeld bald auf dem Salzburger Domplatz, in Mörbisch beißen die Mücken kräftig zu beim „Zarewitsch“ und  auch sonst zeigt sich, wie immer, ein Sommertheater, dass Karl Kraus in einem Vortrag am 22.9.1922 (später erschienen in „DIE FACKEL Nr. 601-607 Seite 1-7) wie folgt geißelt:

„Statt der eigenen Stimme, die die Wirklichkeit im ersten Schrecken des Wiederantritts mir verschlägt und die ihr entgegenzustellen mir immer aussichtsloser scheint und immer unerträglicher wird, hole ich mit beherzter Absicht ein Stück alter Theaterwelt hervor und attestiere mir, weil es bloß die Übertölpelung der Köpfe durch die Perücken darstellt, meine Zurückgebliebenheit hinter allem Betrug des neuen Welttheaters. Ich bescheide mich, meine schon unüberbietbare Mißachtung für alles Kunstgetue, das einer um ihr nacktes Leben ringenden Menschheit sich als Ausdruck eines Zeitbedürfnisses aufdrängt, lieber in der Wahl abgelebter und nie voll erlebter Werte als durch meine eigene Sprache zu bekunden. Denn sie,selbst sie vermöchte im Augenblick nicht den Abscheu zu meistern, den mir das entfernteste Miterlebnis dieses Kultursommers vermittelt hat, dessen furchtbaren Abschluß wohl die Tatsache bedeutet, daß die Zeitungen wieder erscheinen.“


Heute erscheinen nicht nur die Zeitungen, auch der Rest der sich Geld für die Verbreitung der NICHTeigenenMeinung in Bild (beweglich) und Ton bezahlen lässt, bietet eine Welt in der die Ausgrenzung fröhliche Urständ feiert und der „Jedermann“  150 € Eintritt kostet. Dann sitzt man „unter sich“ und oben drüber redigieren und regieren  das Kapital und der Gott der den Salzburger Dom schuf.

Deswegen empfehle ich Leserin/Leser ein anderes Stück, realen und notwendigen Theaters:

 

€AT
KAPITALISMUS-KIRTAG IN DER KONKURSHALLE
THEATER HAUSRUCK ÜBER
GELD & GESELLSCHAFT, MONETEN & MENSCHEN

 

Idee & künstlerische Leitung: Chris Müller und Georg Schmiedleitner
EINZIGER SPIELTERMIN: SA, 24. Juli 2010, ab 20:00 Uhr
Spielort ist in  ehemalige Polstermöbelfabrik HASAG, Salzburger Straße 101, 4800 Attnang-Puchheim/Österreich.
2
Das Theater Hausruck, im Jahre 2009 mit dem Problem der Migration beschäftigt („A Hetz oder Die letzten Tage der Menschheit“),  kommt nun im viertel Kapitel zur Allgegenwart der ökonomischen Krise und dringt dann in die nahe Zukunft einer Gesellschaft vor, die durch eine sich immer weiter aufspreizende Einkommensschere auseinander zu brechen droht.
„€AT“  untersucht die  Ströme des Kapitals, die Bedingungen und Auswirkungen der herrschenden Wirtschaftsordnung.
Die künstlerischen Leiter des Theater Hausruck, Chris Müller und Georg Schmiedleitner schöpfen wie bei all ihren anderen Stücken mit einem Team aus Laien und Theaterprofis einerseits das Repertoire postdramatischer Theaterformen aus, andererseits begreifen sie €AT auch als Aufklärungs- und Diskursprojekt rund um das Thema Kapitalismus und Weltwirtschaftsordnung.

Es ist ein  Kapitalismus-Kirtag in der Fabrikhalle der in Konkurs gegangenen Polstermöbelfirma Hasag mit ehemals 500 Arbeitsplätzen stattfindet. Es geht um die zentrale Frage: „Was macht Geld mit einem und was macht man alles für Geld.“  Der Ex Chef der Firma lebt im ersten Stock der Halle und verwaltet ein riesiges leer stehendes Gelände. Er dürfte gemerkt haben, dass das Stück auch von ihm handelt.

Der Regisseur Schmiedleitner  will die Bevölkerung nicht schonen. €at ist verdichtetes Leben aus Attnang-Puchheim, einer kleinen Stadt an der Westbahn, Heimatgemeinde von Innenministerin Maria Fekter. Die Heizanlage liegt im Hallenkeller, dort sieht man verstaubte Pokale, die die Belegschaft früher beim Eisstockschießen gewonnen hatte. Ein „Heizer“ sorgt mit zwei Dampfmaschinen für Wärme, wenn es kalt ist.
3
Das Theater Hausruck sammelte seit einem Jahr Geschichten: Langzeitarbeitslose die so lange im Büro des Landeshauptmanns (Ministerpräsident) sitzen blieben, bis man ihnen eine Arbeit verschaffte. Ein 130-Kilo-Bub der sich als Versager fühlt. Kokainsüchtige die sich mit Überstunden und vielen Nebenjobs das weiße Pulver finanzieren. Es wird eine Zusammenkunft mit Arbeitslosen, Drogendealern, Boxern und der Pornodarstellerin Jana Bach die sich Freier herauspickt per Schicksalsrad.  Es wird ein einmaliger Abend werden und 999 zahlende Besucher sind das „Humankapital“ und werden, wie Geld, hin und hergeschoben. Sie alle passieren eine Burn -out Schleuse und per Treibjagd durch eines der drei Schicksalstore getrieben.
9000 Einwohner hat Attnang-Puchheim, 4500 Arbeitsplätze und fast 2000 Einwohner haben Migrationshintergrund. Diesen Samstag  Abend wird sich die Stadt selbst spielen. Arbeitslose aus der Region sind ebenso mit von der Partie wie die Doyenne der empirischen
Sozialforschung Marie Jahoda, Sisyphos und Karl Marx, Rudi Dutschke, König Midas, der Zeugwart und der Kassenwart, eine Burlesque-Truppe, Drogensüchtige und -dealer, Boxer, Kamele, Ziegen, Pferde sowie viele andere bekannte und unbekannte, reale und halluzinierte Figuren. Die Puppen werden tanzen, Ferraris aufheulen und die BesucherInnen werden sich ihren individuellen Weg durch die Simultaneität der Ereignisse bahnen.

Der „Chef“ wird, wie im wirklichen Leben, blaue Briefe verteilen. Chris Müller: „Am  Schluss sitzt der menschliche Ausschuss im Hochregallager und wird mit Hubstaplern entsorgt.“
Helmut Weißböck ist  der Obmann des Judosportzentrums in Attnang-Puchheim. Der Großvater war bei der SS, der Großvater der Frau von Weißböck starben mit 34 Jahren an den Folgen eines KZ-Aufenthalts. Er war einer der Geschichtensammler für dieses Stück.
4
Regisseur Georg Schmiedleitner:„Mit €AT inszenieren wir den Jahrmarkt als Metapher einer globalisierten Welt: Warenangebote, Handelsströme, Geldflüsse, Netzwerke, Fahrgeschäfte und schmutzige Deals. Drahtseilakte und Geisterbahnen, Türkischer Honig und deutsche Würstchen, Halunken und Helden, Habende und Habenichtse, Utopisten und Realisten, Schausteller und zur Schaugestellte, Sieger und Verlierer – wir lassen all diese Figuren einer Weltgesellschaft mitten in Oberösterreich antreten und hoffen, mit ihnen
dem großen Bluff des Kapitalismus auf die Spur zu kommen“.

Mitwirkende u.a.:  Schauspielprofis und Laien aus dem Hausruck, die auf und hinter den
Bühnen sowie in der Organisation Großes leisten, gilt neben den politischen Theaterstoffen als besonderes Markenzeichen des Theater Hausruck. 2010 bleibt das Theater Hausruck Team dieser Tradition treu, präsentiert sich aber bewusst interdisziplinär. Jörg Buttgereit , deutscher Meister des Autoren-Trash-Films ist ebenso mit von der Partie wie der Wiener Autor und Journalist Robert Misik , das Berliner Burlesque-Quintett The Teaserettes , die aus dem „Quatsch Comedy Club“ bekannte Schauspielerin und Arbeitsmigrantin Sandra Steffl der schon bei „A Hetz“ mitwirkende Mime Oscar Blaha sowie „Bühnen-Lokalmatador“ Franz Froschauer. Für knisternde Stimmung wird am 24. Juli auch die deutsche TV-Moderatorin (9live, Beate-Uhse-TV) Jana Bach , Top-Star zahlreicher Erotikfilme aus dem Hause „Inflagranti“ sorgen. Der Autor und Kapitalismuskritiker Christian Felber  bereichert €AT ebenso wie die junge Autorin Anna Weidenholzer  oder der Agrarökonom und Aktivist Dieter A. Behr  Die DramaturgInnen Chris Sennlaub und Elisabeth Tropper sowie das Linzer Puppentheater unter der Leitung von Christa Koinig und Romana Philipp.

Nach diesem „Theaterabend“ wird es weitere Rahmenveranstaltungen geben (siehe dazu  www.eat.theaterhausruck.at)

Der sozialdemokratische Bürgermeister: “Nach diesem Stück geht niemand heim und sagt: So, fesch war’s“

Fotos: Reinhard Müller, Rudolf Schierl