1Am 13, Mai 1992 setzte Gisela Elsner, nach knapp 55 Jahren, ihrem Leben ein Ende. Die Linke die sich heute schon selbst vergessen hat, ging damals wie jetzt nicht pfleglich mit dieser außergewöhnlichen Frau um.
Erstaunlich was die Tante FAZ im Nachruf  nach ihren Freitod  schrieb: „ die letzte radikale Tat in einem an Rebellionen und Widersprüchen, an engagierter Zeitgenossenschaft und vielen enttäuschten Hoffnungen reichen Lebenslauf“. Bürgerliche Federn sind großzügig, wenn Gegnerinnen und Gegner die Bühne des Lebens verlassen haben.
Ihr größter literarischer Erfolg war der Roman „Die Riesenzwerge“  der im Jahre 1964 im Rowohlt Verlag erschien.
Zwei Monate vor ihrem Tod schrieb Gisela Elsner einen Brief an eine Kollegin. Briefdatum:
13. März 1992:
„…Im Februar 91 hat Rowohlt eine Totalverramschung meiner Bücher veranstaltet. Eine Art Räumungsschlussverkauf in Sachen Elsner. Der Verlagschef Dr. Naumann war früher einer der Herausgeber des „Monat“, der kalten Kriegszeitschrift für gehobene Ansprüche, einer Zeitschrift, die vom CIA finanziert wurde. Der neue Verlagsleiter, der nach dem Verkauf des Rowohlt-Verlags an den Holtzbrinck-Konzern trotz des Protests von 350 Schriftstellern seinen Posten bezog, war ein ehemaliger CIA-Geldspitzenempfänger und obendrein ist er der Gatte der Tochter eines ehemaligen Bundesnachrichtendienchefs. Mit ihm konnte ich natürlich nicht zurande kommen. Das, was alles geschah, spielt jetzt keine Rolle mehr. Jedenfalls schmiß er mich, weil er die „breite moralische Kluft zwischen Buch und Autor“ nicht ertragen konnte, aus dem Verlag raus. Ich ging aus Geldmangel zu Paul Zsolnay. Der Zsolnayverlag wurde an die übelste Mediengruppierung Bastei, Moewig, Bauer, verkauft. Dort erscheint wohl auch Konsalik. Der Zsonlnayverlagsleiter wurde gefeuert. Die Niederlage des Sozialismus oder das Scheitern des großartigen Versuchs, den Sozialismus zu realisieren, verursachte bei mir die schlimmste Verzweiflung und entsprechende Geschehnisse, die mich daran hinderten, einen neuen Roman zu schreiben. Mittlerweile habe ich 120 Seiten eines neuen Romans geschafft, mit denen ich im großen und ganzen zufrieden bin. Aber mir fehlt das Geld, um diesen Roman fertigzustellen. Ich stehe unter einem absoluten Erfolgszwang. Von dem Roman hängt nicht nur das Geschick meiner Bücher, sondern  auch mein Geschick ab. Das ganze ist zu einer Existenzfrage ausgeartet. Daher bitte ich Dich, diesen Brief als einen schriftlichen Notruf aufzufassen. Kannst Du mir irgendwelche Tips geben, wie ich zu Geld komme? ...
Du wirst fragen: Wie kommt diese Gisela Elsner dazu, mir so einen Brief zu schreiben? Ich bin in einer Lage die mich dazu zwingt, alles zu versuchen. Doch bitte ich Dich, Dich zu nichts verpflichtet zu fühlen. Allein der Anblick der blauen Bankkuverts, die der Postbote in den Briefkastenschlitz meiner Wohnung wirft, hat für mich die Wirkung eines
Hitchcock-Effekts. Ich habe heute drei weitere Briefe dieser Art geschrieben. Dies schreibe ich Dir, damit Du Dich zu nichts verpflichtet fühlst.
Ich habe mich oft gefragt, wie es Dir wohl gehen mag. Begeistert kannst Du über die Niederlage des Sozialismus nicht sein…Ich hoffe, dass Dir die DKP-Mitgliedschaft nicht so geschadet hat, wie mir. Ich bin ja erst aus der DKP ausgetreten, in der ich ein paar Monate im Vorstand war, weil ich mir einbildete, ich könnte dort etwas zur Änderung der Politik beitragen. Einer meiner größten Irrtümer, für die ich böse büßen muß. Als sich dann im Osten alles da zusammenbraute, trat ich wieder ein, um zu zeigen, auf wessen Seite ich stehe. Jetzt habe ich überhaupt keine Verbindungen mehr zur DKP, der meine Radikalität ebenso suspekt war, wie meine Verzweiflung.
Ich weiß nicht, welche Einstellung Du jetzt zu dieser Partei hast. Mir reicht es jedenfalls für immer, was nicht zu besagen hat, dass sich meine Einstellung zum Marxismus-Leninismus, wie es bei vielen der sogenannten Genossen der Fall ist, übernacht ins Gegenteil verwandelt hat.“

2Gisela Elsners Roman „Die Riesenzwerge“ wurde im Jahre 1995 in der ROTBUCH BIBLIOTHEK wieder veröffentlicht. Es ist eine Abrechnung mit dem scheinheiligen Bürgertum des Wiederaufbaus nach dem zweiten Weltkrieg. Auch heute ist dieser Roman wieder zum „Ramschobjekt“ geworden. Diese Gesellschaft, die so vieles was ihr störend erscheint, erledigt, die kann die Erinnerung an eine Literatin und ihre Literatur nicht ertragen die mehr sein wollte, als nur unterhaltsam. Messbar an einer „Einschaltquote“ oder der Empfehlung durch irgendwelche Fernsehvorlesetanten und Onkels. Die „Riesenzwerge“ sind die Abrechnung mit der Bourgeoisie der fünfziger Jahre. Es ist die Demontage der Lügenwelten, dieser „vonNICHTSgewußtZeit“ und Scheinheiligkeit. Elsners Vater hatte sie gezwungen eine Beziehung zu beenden, drohte dem Freund mit einer Klage wegen „Entführung Minderjähriger“. Da War die Elsner schon zwanzig Jahre alt. In diesem ersten Roman, ihrem größten Erfolg, da schreibt sie sich die Wut über das Leben der eigenen Eltern von der Seele. Da demaskiert die Sprache aus dem Wörterbuch jener, die einem Adolf Hitler und seiner Ideologie folgten, durch alle Täler und Höhen der Unmenschlichkeit.
Gisela Elsner stellte das Manuskript das erste Mal auf einer Lesung der Gruppe 47 vor. Sie saß allein auf einer Bühne, las vor und durfte anschließen ihr Werk nicht verteidigen. Es verwundert gar nicht, wenn man die Geschichte des Günter Grass kennt, dass dieser das Buch heftigst ablehnte.

Der Berliner Verbrecher Verlag hat nun, eine editionsgeschichtliche Kuriosität,  den Roman veröffentlicht, den der ehemalige Verlag von Gisela Elsner, Rowohlt,  abgelehnt hatte.
„Heilig Blut“ so wird von Christine Künzel im Nachwort festgestellt, sei „eines der gelungensten Werke“ der Autorin. Dieses Buch hat der Herausgeberin viel Arbeit gemacht. Das Manuskript war nicht durchfertig abgeschlossen. So ist „Heilig Blut“ nicht unbedingt  der Roman in Elsners Romanwelten, der zunächst schlüssig ist. Aber es wird, kennt man den Lebenslauf der Autorin, schon klar, warum sich in diesem Roman eine Anzahl von Germanistinnen, unter ihnen eine Herausgeberin vorkommt  – die auf Werke der Autorin aufmerksam machen. Heiligenblut mag vielen Deutschen nichts sagen, wer aber die Großglocknerstraße aus Richtung Zell am See bergan fuhr, kam auf der anderen Seiten durch Heiligenblut. Ein Ort den Gisela Elsner sicherlich nicht gekannt hat.  Aber der Name ist in ihrem Roman nicht weit entfernt. Ein fiktiver Ort im bayerischen Wald, in dessen Nähe fünf Ewiggestrige eine entsprechend ausgestattete Jagdhütte besitzen. Man erinnert sich an Elfriede Jelinek,  obwohl es keine Jagdpächterin gibt  wie in „Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr“. Aber  das Ambiente der Jagdgesellschaft ist stimmig. 
Der Verbrecher Verlag  hat schon zwei von Elsners Romanen wieder veröffentlicht – „Die Zähmung“ und „Das Berührungsverbot“. So ist nicht ganz wahr geworden, was die Autorin in dem zitierten Brief beklagte. Ihre Romane werden nicht verramscht. Es sei denn man sucht nach „Die Riesenzwerge“, die gibt es in der Ausgabe des ROTBUCH Verlags, allerdings bei Amazon für wenig Geld.
So ist „Heilig Blut“ eine Passionsgeschichte in den deutschen Wäldern, ein Roman mit der Thematik der Männerbündelei,  samt den dazu gehörigen  Generationskonflikten. Dabei geht es nicht nur um NS-Engagement. Hier liest man von der Angst der Männer, deren Welt verschwindet, samt den daraus abgeleiteten Machtansprüchen.

Das Ende von Elsner Leben ? Sie klappt auf offener Straße zusammen. Nach täglich vier Packungen Gitanes, kaum 50 Kilo schwer.  Sie landet im Krankenhaus Josefinum. Es ist eine katholische Klinik. Damals mit sehr guter Verpflegung. Die gehörte dem Orden der Barmherzigen Schwestern. In der Aufnahme sagt man Gisela Elsner „Ihnen geht es aber schlecht“. Sie wird ins Zimmer 401 eingewiesen im vierten Stock. Dort wird Gisela Elsner von den Nonnen betreut, die so ganz anders gekleidet waren. Ganz anders als die Elsner. Lauter fromme Frauen. Ob ihr da klar wurde, dass ihr Leben nur aus Niederlagen bestanden hatte?  Sie kauft sich am nächsten Tag,  dem 13 Mai 1992,  bei einem kleinen  einige Häuser von der Klinik entfernt,  eine Schachtel Gitanes. Nach dem Abendessen an diesem Tag klettert sie über die Kloschüssel durch ein schmales Fenster auf das Dach der Klinik. Sie sieht in den Innenhof, dort steht, trotz nahender Dunkelheit, ein geöffneter Sonnenschirm. Sie wechselt die Position. Sie wartet nicht, sie will keine Stimmen hören die ihr zum Leben raten. Sie stürzt, kopfüber, in die Tiefe.
Ein schreckliches letztes Kapitel einer Lebensgeschichte.