114. März 1944 in Freiburg im Breisgau; † 24. Januar 2011 in Port Antonio, Jamaika

Ein ZUruf von Dieter Braeg

„doppelte reue

meine feinde sagen
ich hätte dies und das
gesagt und getan

manchmal wünsche ich
ich hätte dies und das
gesagt und getan

denn dann wüßte ich
wofür ich sitze
all die langen jahre

aber dann denke ich
wir dürfen uns nicht
abhängig machen
von dem was die feinde
über uns sagen

und bin froh
nicht zu sein
wie meine feinde“

aus:
peter paul zahl
-alle türen offen/ s. 69


2Ein streitbarer Anarchist hat sich, ganz ohne seinen Lieblingsgruß „Freiheit und Glück“, aus dieser Welt verabschiedet. Ein Jahr ist das jetzt her, Zeit vom NACH- zum ZUruf zu kommen. Als  im Jahre 1979 Peter Paul Zahls wohl größter literarischer Erfolg, der Roman „Die Glücklichen“ erstmals erschien,  waren die Zeiten anders. In diesem Schelmenroman erzählte Peter Paul Zahl in  ausschweifender Sprache wie es damals in Berlin Kreuzberg zuging. Bürgerliche Normen wurden auf die Schippe genommen. Im damaligen Berlin-Kreuzberg spielte ein Roman, der üppig erzählend, die bürgerliche Dogmatik samt dazugehöriger Normen der Lächerlichkeit preisgab. Schon damals ging es um Stadtsanierung, Spekulantentum, Wohngemeinschaften, Jointgenuss und zum Schluss gibt’s eine Ballonreise in eine paradiesische Zukunft. Für diesen  Roman bekam Peter-Paul Zahl 1980 den
Bremer Förderpreis für Literatur zugesprochen. Das schon damals gleichgeschaltete Literaten- und Medienpack sorgte dafür, dass dies Unruhe auslöste.

Peter Paul Zahl war damals ein Häftling, er saß schon einige Jahre im Knast als dieser Roman erschien. Er war während einer der zahlreichen Terroristenfahndungen im Jahr 1972  in eine Polizeikontrolle geraten. Er versuchte zu fliehen, griff zu einer Waffe und schoss, ein Beamter wurde verletzt. Wegen Mordversuch wurde er zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt, von denen er zehn abzusitzen hatte.

3In einer Dokumentation („Am Beispiel Peter-Paul Zahl“)   herausgegeben von Helga M. Novak, Erich Fried und einer Initiativgruppe P.P. Zahl, wird ein Deutschland der Sicherheit und Ordnung dokumentiert,  die von denen bezahlt und durchgesetzt wird, die dies vorher, heute und in Zukunft tun werden.  Schon für das Plakat „Freiheit für alle Gefangenen“ fasst P.P. Zahl im Jahre  1973, natürlich „IM NAMEN DES VOLKES“ das man dazu nicht befragte,  ein zusätzliches halbes Jahr Gefängnis aus, zu den schon vorher  15 Jahren des Schusswechselurteils. Die letzten zwei  Sätze dieser sehr lesenswerten 208 Seiten starken Dokumentation sind  von Peter O. Chotjewitz(†) der auch Zahls Anwalt war: “Es gibt keine politischen Gefangenen in der Bundesrepublik? Die Verurteilung des Schriftstellers Zahl ist ein Paradebeispiel für ein politisch motiviertes Urteil.“

Jahrzehnte später, als P.P. Zahl in Mönchengladbach im BIS Kulturzentrum aus einem seiner Krimis las, da erst konnte ich mich dafür bedanken, dass er mit der  Zeitung  agit883 die ab 1969 in Westberlin erschien, auch mir (ich lebte damals bis 1971 dort), der ich zunächst nur ein „braver Gewerkschafter“ war, die Augen geöffnet hat.

4Im Gefängnis hat er auch ein Drama geschrieben,  über Johann Georg Elser, den bayrischen Tischler, der versucht hatte, Adolf Hitler durch eine Bombe zu töten. Das Stück müsste an jedem 20. Juli gespielt werden, gegen die Scheinheiligkeit dieses „Gedenktages“,  es enthält viele Anspielungen aus jener Zeit,  in der es vom Autor geschrieben wurde.  Alfred Kirchner hat das Stück in Bochum uraufgeführt.

Einige biographische Daten, sollten hier noch erwähnt werden. Geboren im Jahre 1944 in Freiburg im Breisgau, wuchs PPZ  in der DDR und im Rheinland auf und erlernte das Druckerhandwerk. Wie viele, die nicht in der Bundeswehr „dienen“ wollten,  zog er 1964 nach Berlin. In seiner eigenen kleinen  Druckerei samt Verlag  war er Herausgeber und Drucker von Schriften der  sich damals entstehenden  APO.  Für ihn war es kein Problem falsche Pässe für junge Amerikaner herzustellen, die sich der Einberufung entziehen wollten. Er half diesen Soldaten auch nach Schweden zu flüchten.P:P: Zahl lehnte alles Doktrinäre ab, deswegen druckte er anarchische Pamphlete und Texte und diese inhaltliche Ausrichtung war auch in der 883, der legendären Berliner Untergrundzeitung ( siehe dazu auch das Buch „agit 883“ erschienen im Verlag Assoziation A) zu lesen.

5Nach Haftende ging er ins Ausland und landete im Jahre 1985 in Jamaica, dort fand er die nötige Ruhe, eine neue Heimat und eine neue Liebe. Er blieb auch dort Schriftsteller und Übersetzer. Im Jahre 1990 erschien das Theaterstück „Die  Erpresser“( über die Entführung
Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer im Jahr 1977).   2002 wurde der Roman „Der Domraub“ veröffentlicht, aber nebenher entstanden Gedichte und Essays. Seine Kriminalromane, in deren Mittelpunkt der schwarze Privatdetektiv Ruffneck stand, waren gute Unterhaltung und  1995 erhielt er für den Krimi „Der schöne Mann“ sogar den Glauser – Krimipreis, die höchste Auszeichnung für deutsche Kriminalromane. Sein letzter Roman war „Miss Mary Huana“,  der im Jahre 2007 veröffentlicht wurde.

Die etablierte Kulturgesellschaft konnte und wollte mit seinen Texten wenig zu tun haben und der Versuch von PPZ für seine vergriffenen Bücher einen Verlag für Neuauflagen zu finden, war zu Lebzeiten nicht erfolgreich. Vor einem Jahr starb er, der als lebensfroher kämpferisch streitbarer Anarchist seine Briefe mit „Freiheit und Glück“ unterschrieb,  auf der Insel Jamaica. Seine Texte, seine Bücher sind noch zum größten Teil antiquarisch für jene erreichbar, die ihn kennen lernen wollen.

6„schon gut/sagte ich/bei euch muß unsereins/schon sehr lange tot sein/eh ihr einen finger rührt/und das/auch nur im theater“

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