1Marion Brasch
„Ab jetzt ist Ruhe“
Roman meiner fabelhaften Familie

Marion Brasch erzählt über die Mutter die  aus Wien stammt, den Vater, Horst Brasch und ihre drei Brüder. Ihr Vater bekleidete in der DDR höchste Ämter. Die Eltern, beide jüdischer Abstammung lernten sich, nachdem sie dem Naziregime entkommen konnten in London kennen und lieben. Sie gründeten eine Familie und nach Kriegsende wollte man ein anderes Deutschland aufbauen. Das war nicht so einfach.


Die  drei Söhne gerieten nicht dem Vater nach, aber sie wurden alle als Künstler bekannt. Zwei als Schriftsteller, einer wurde Schauspieler. Thomas Brasch, der 1976 aus der DDR nach Westberlin ausgereist war, sein Prosaband „Vor den Vätern sterben die Söhne“ öffnete nicht nur mir ein neues Verständnis zu meinem im Jahre 1940 begonnen Leben.

Meine Generation hatte Kindheit, aber die war oft nicht beschreibbar. Als ich dann, dem Kindesalter entwachsen, „Damals bei uns daheim“ von Hans Fallada las, da hab ich mir oft mein eigenes vergangenes Kinderleben neu erdacht, mir eine Fluchtleiter gebaut. Falladas Geschichten von Kinderfreundschaften, Sommerfrischefahrten und den Ungerechtigkeiten des damaligen Schulsystem, sie gehören zu den wichtigen Büchern meines Lebens.

„Ich war vier Jahre alt, als ich das erste Mal von zu Hause fortlief. Ich kann mich nicht daran erinnern, doch mir wurde diese Geschichte immer wieder und von verschiedenen Seiten auf sehr widersprüchliche Weise kolportiert.“

So steht es im Prolog des Romans, der eigentlich gar keiner ist, denn Marion Brasch erzählt auf eine sparsame, schnörkellose und sehr einfühlsame Weise das Leben einer Familie und ihr eigenes. 

Die Mutter, eine Wienerin wusste wie man die Kinder zur Ruhe brachte – ihr „Ab jetzt ist Ruhe“ gehörte zum Leben in der DDR und dazu auch das was in diesem Land gelebt wurde. Es sind Konflikte vieler Menschen die da beschrieben werden, es ist lebendig und authentisch.  In diesem Buch findet man Menschen, die haben nichts romanhaftes,  ihr Treiben in den Straßen, an anderen Orten lädt ein mitzumachen, mit zu leben. Da traf man Musiker, Zigarettenverkäufer, Händler und wir lernen eine Sprache und Erzählweise kennen, die in der sich immer mehr verbiegenden Gegenwartsliteratur Seltenheitswert hat, da gibt es Verständliches, Konflikte die bewältigt werden müssen, ohne die abwertenden Schlagworte, die in diesem nichtmeinem Land, die Vergangenheit und Gegenwart auf oft so schäbige Art bewerten. Das Buch hat eine zweite Auflage erreicht, viel zu wenig. Die Einschaltquotenmaschine und die Bestsellerheuchelei sind an diesem Buch vorbei gegangen und es wäre nachzufragen, warum nicht so eine Autorin in Klagenfurt, dort wo nicht nur der Herr Spinnen literarischen Mist vergolden will, zu Wort kommen darf.

Die leider auch vorhandene bösmeinende Kritik, die der Autorin unterstellt, sie hätte ja ein „privilegiertes“ Leben gehabt, dank des in hohen politischen Ämtern agierenden Vaters, haben das Buch wohl nicht wirklich gelesen, denn der Vater war ein Gegner von Privilegien, dies zeigen die geschilderten Wohn- und Lebensverhältnisse, die keineswegs auch nur den Hauch eines Luxuslebens hergeben.

Wie sicher und treffend  Marion Brasch ihre Position im Leben mit denen ihrer Brüder bewertet und vergleicht, sei hier zitiert: „Meine drei Brüder hatten schon so wichtige Dinge getan, als sie in meinem Alter waren. Sie hatten rebelliert, um ihre Träume ins Leben zu holen. Und ich? Keine Leidenschaft für nichts.“

Doch Marion Brasch hat Leidenschaften, die bekommt man mit, wenn sie über die Männer erzählt, die sie in’s eigene Leben lässt. Das ist ein Leben, das in dieser Medienwelt kaum noch einen Platz findet. Es ist traurig, dass es kaum Lesetermine in den Bundesländern gibt, die es besonders nötig hätten, etwas über das Leben in der DDR zu erfahren. Das man dazu auch noch eine großartige Vorleserin der eigenen Texte nicht zu Wort kommen lassen will, ist schon ein Verlust. Aber vielleicht ändert sich das noch, ob in München, Wien oder Salzburg, da gibt es Literaturhäuser, die sollten schleunigst diese Autorin für eine Lesung verpflichten.

Die letzten Sätze des Romans, im Epilog, sind, so meine ich, eine Einladung das ganze Buch zu lesen und eine Autorin kennen zu lernen, die zu den großen Erzählerinnen in unserem Sprachraum zählt:

„ Schließlich fuhr ich zum Friedhof, auf dem meine Eltern lagen, und als ich an ihrem Grab stand, wartete ich wieder auf einen Gedanken. Er kam. Abwesend, dachte ich. Jetzt seid ihr alle abwesend. Das ist traurig, doch es hat auch was Gutes: Ihr könnt mir nicht mehr verlorengehen, weil ich euch schon verloren habe. Ich legte die letzten beiden Rosen auf das Grab meiner Eltern. Ich habe euch lieb, sagte ich. Und ab jetzt ist Ruhe.“

Weiterleben! Weiterschreiben!


Marion Brasch „Ab jetzt ist Ruhe“ Roman meiner fabelhaften Familie. S. Fischer Verlag      
GmbH Frankfurt a. Main 2012. 399 Seiten  19,99 €.  ISBN-13: 978-3100044204