1Gunnar Hinck
„Wir waren wie Maschinen“
Die bundesdeutsche Linke der siebziger Jahre

Die Maschinenmenschen sind mir im Buch von Gunnar Hinck nicht begegnet, dafür begegneten mir, oft völlig ungeordnet, was die Zeit und Ereignisse betraf, vor allem Bernd Peter, Dutschke Rudi, Fischer Joschka, Schmid Thomas, Schmierer Hans Gerhard und einige andere. Manchmal seitenweise wurde, vor allem aus dem reichhaltigen Textfundus der hier Aufgezählten zitiert, um damit die eigene Meinung zu verkaufen, die in den Kapitelüberschriften des Buches die „herrschende Meinung“ des Autors sehr deutlich werden läßt: „Macht und Machtmissbrauch“, “Gewalt – Spiel mit dem Feuer“, dazu „Verbrüderung mit Diktaturen“  oder „Der Terror der Worte“ und als NACHschlag dann noch „30 Jahre danach – Untergetaucht, gescheitert, angepaßt.“


Rudi Dutschke kommt da noch einigermaßen gut über die Runden, ansonsten geht’s zur Sache und vor allem die K-Gruppen der 70er Jahre, kriegen gewaltig eins auf die Mütze. Das dabei fast 15 Prozentl der Texte nicht von Hinck stammt, sondern aus der Feder oder mündlichen Aüßerungen der von ihm Kritisierten, meist völlig kunterbunt und zeitlich ungeordnet verwendet, macht die Sache um die es eigentlich gehen sollte, nicht besser.

Ich habe mich dann schon vor der letzten Seite (464) gefragt, wieso ich, es geht ja um die bundesdeutsche Linke in den siebziger Jahren, kein Wort des Lobes oder der Kritik zum Sozialistischen Büro lesen konnte. Wieso eine radikale linke Gewerkschaftsbewegung, die Arbeitskämpfe, Betriebsbesetzungen (etwa Erwitte), Kampf um Arbeitsplätze (Kalldorf), Abschaffung einer diskriminierenden „Leichtlohngruppe“ (Pierburg) oft ohne gewerkschaftliche Zustimmung durchführte, in diesem Buch keinen Platz findet – oder gab es nicht bei Opel, Ford, oder Volvo in Dietzenbach erfolgreiche und erfolglose Kämpfe von abhängig Beschäftigten?

Gab es beim KB (Hamburg) und nicht nur dort,  nicht eine Vielzahl sehr gut gemachter Betriebszeitungen? Keine Zeile zu der Sprache mit der da in den Betrieben der Interessensgegensatz zwischen Kapital und Arbeit den Belegschaften, oft sehr erfolgreich, näher gebracht wurde? Gab es in dieser Zeit kein Russel-Tribunal, dass sich gegen Berufsverbote und die Unvereinbarkeitsbeschlüsse der Gewerkschaften richtete? Der Pfingstkongress in Frankfurt im Jahre 1978, mit keinem Wort erwähnt! Dass in dieser Zeit mit dem Werkkreis Literatur der Arbeitswelt ein besonders erfolgreiches linkes Projekt Wirkung zeigte (beim Fischer Taschenbuch Verlag erzielten die Bände eine Auflage von mehr als einer Million), ist dem Politikwissenschaftler keine Zeile der Erwähnung wert, die Wirkung und Nachhaltigkeit allein dieser Bewegung, hätte einige Kapitel nötig, würde man sich wirklich ernsthaft mit der Geschichte der bundesdeutschen Linken der siebziger Jahre beschäftigen.

Bei Hinck sind die siebziger Jahre sehr stark auf jene fokussiert, die den langen Marsch irgendwann dafür nutzten, um die eigene Karriere voranzutreiben, während für die die gehofft hatten, dieser lange Marsch, im wahrsten Sinne des Wortes, für’n Arsch war. Das hat zwar nicht wirklich etwas mit der Geschichte der Linken in den siebziger Jahren zu tun, aber es macht sich gut, wenn Hinck mit seiner oft hintergründigen Vorwurfssprache etwa feststellt:
„Es fällt auf, dass eine Regierung, die die Grundlagen der Sozial- und Wirtschaftspolitik am stärksten in Richtung des Marktprinzips verschoben hat, diejenige in der Geschichte der Bundesrepublik ist, in der der Anteil ehemaliger dogmatischer Marxisten am höchsten war. Weder vorher noch nachher waren ehemalige Marxisten, Marxisten-Leninisten, Maoisten und linksradikale Straßenschläger auf höchster Ebene nennenswert an einer Bundesregierung oder an der sie stützenden Parlamentsmehrheit beteiligt. Zu nennen wären Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (KBW), Arbeitsminister und SPD -Generalsekretär Olaf Scholz (Stamokap-Juso), Staatssekretär und SPD -Funktionär Matthias Machnig (Mitglied im SHB und Stamokap-Juso), SPD-Funktionär Klaus Uwe Benneter (Stamokap-Juso), Grünen-Co-Fraktionschefin Krista Sager (KBW), Joschka Fischer (»Revolutionärer Kampf«), Tom Koenigs (RK), Grünen-Fraktionschefin Kerstin Müller (Trotzkistin), Gesundheitsministerin Andrea Fischer (Trotzkistin), der grüne Außenpolitiker Winfried Nachtwei (KBW), Umweltminister Jürgen Trittin (KB), die beiden Grünen-Vorsitzenden Reinhard Bütikofer (KBW) und Angelika Beer (KB); geistige Schützenhilfe bekam der grüne Teil der Regierung von der parteinahen Heinrich-Böll-Stiftung, die vom ehemaligen KBWMitglied Ralf Fücks geleitet wurde.“

So elegant formuliert Hinck, wenn eine Führungsriege zur Reparaturkolonne des Kapitals verkommt, da lässt er das „Marktprinzip“ walten. Ob sich Michael Schwelien (ehemals  beim Soz. Büro beschäftigt und später Biograph  von Herrn Fischer) über das Lob von Hincks freut, der meint: „Schweliens Urteil über Fischers Handeln (Kriegsbeteiligung) ist entsprechend vernichtend“ um den Biographen dann zu zitieren, ist nicht bekannt.

Was all diese „Personalien“ und den daraus resultierenden Schlüssen die Hincks in seinem Buch beschreibt mit der Geschichte der Linken von 1970 bis 1980 zu tun hat, bleibt ein Geheimnis.  Die oft eingestreuten Personenbeschreibungen, ob nun von Schmierer oder Semler, die sind mehr als übelwollend. Einer der Höhepunkte ist dann die Anpatzerei mit der er die Mutter von Andreas Baader, Anneliese Baader, der Gemeinheit seiner bösartigen Meinung aussetzt. Als alleinerziehende Mutter, so hält er ihr vor, habe sie ihren Sohn geliebt und ihn „schranken- und bedingungslos“ aufwachsen lassen.

Dass der Rotbuch Verlag in den siebziger Jahren zum Beispiel die kritischen Gewerkschaftsbücher veröffentlichte, oder einen vorbildlichen Band zur Arbeit der Plakat Gruppe bei Daimler Benz herausgab, hat keinen Einfluss auf die Betrachtungen des Autors. Berni Kelbs Betriebsfiebel, die auch meine politische Arbeit im Betrieb beeinflusste, die kennt der Autor nicht und  die Geschichte der Uhrenfabrik LIP, die viele linke Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter mit der Frage der „Produktion ohne Chefs und Kapital“  beschäftigte – kein Wort, kein Satz.

Thema verfehlt, schlechtes Buch, sehr sehr schlechtes Buch!

Dieter Braeg
Gunnar Hinck: „Wir waren wie Maschinen - Die bundesdeutsche Linke der siebziger Jahre.“ Rotbuch, Berlin 2012, 464 Seiten, 19,95 Euro