1Armselig quält sich die weltweite Wortfabrik, wenn einer stirbt, der ihr den Spiegel vor das Gesicht gehalten hat und nie auf den aufrechten Gang verzichtete. Einige Zeilen der Tagespresse haben nun kläglich Versuche gestartet, den Nachruf zu produzieren, den Georg Kreisler nicht verdient hat. Die letzten Jahre seines Lebens hat er, zusammen mit seiner Frau, in Salzburg verbracht. Ihn hier noch einmal zu hören, war ein großes Geschenk, das das Feuilleton nicht verdient und natürlich auch kaum entsprechend gewürdigt hat.  In seinem Buch „Letzte Lieder“ (erschienen im Jahre 2009) schreibt Georg Kreisler:

1„Gemeinwohl-Ökonomie“ – Das Wirtschaftsmodell der Zukunft
von Christian Felber

Kritik von Dieter Braeg
(Text korrigiert und ergänzt am 14.11.2011)

In dieser großen Zeit die mit ihrem Lieblingsbegriff „Krise“  die Welt verändert,  klammert sich Mensch oft an Strohhalme, die eine Rettung nur suggerieren.  Christian Felber der sich publizistisch schon einige Zeit mit dem Thema alternative Wirtschaftsmodelle beschäftigt, hat in seinem neuen Buch, mal wieder,  unter dem Titel „Gemeinwohlökonomie“  das „Wirtschaftsmodell der Zukunft“ beschrieben. Dieses Wirtschaftsmodell soll einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten und Felber  sind dabei  zwei Eigenschaften seines Wirtschaftszukunftsmodells wichtig: Kooperation ersetzt die Konkurrenz und Profitmaximierung soll nicht stattfinden, sondern überwunden werden. Das kann Mensch natürlich unterschreiben, da Wege  zur Überwindung des Kapitalismus und seines „Wirtschaftens“  nun sogar schon vom Zentralorgan FAZ nicht ausgeschlossen werden, wäre es eigentlich wichtig, nicht Zukunftsmodelle herbeizuschreiben, sondern endlich handfeste Vorschläge zu entwickeln und diese auch anhand pratisch realer Beispiele zu beschreiben!

Schon zu Beginn des Buches gibt es Probleme. Felber schreibt: „Würde heißt Wert und meint den gleichen, bedingungslosen, unveräußerlichen Wert aller Menschen. Würde bedarf keiner „Leistung“ außer der nackten Existenz.“  Wenige Sätze weiter erklärt Felber allerdings, dass man aus einer würdevollen Begegnung sehr wohl Vorteile erzielen kann, weil ja alle das Beste füreinander wollen. Woher bloß kenne ich dieses „ich will ja nur ihr Bestes“ um dann mit Arbeitsbedingungen und einer Bezahlung konfrontiert zu werden, die den „Vorteil“ bei jenen belässt, die ihn schon immer hatten?
Wer sich mit dem feinen Trick der Gruppenarbeit beschäftigt hat, der kennt all die Schlagworte die einem Team jenen Arbeitsseifer vermitteln soll, der der Gruppe nur geringe Vorteile bringt, während dem Gruppenarbeitserfinder der größte Teil des Erfolges in den Schoß fällt ?

Jan Ole Arps
„Frühschicht – Linke Fabrikinterventionen in den 70er Jahren“

2Das Buch beginnt mit den  Personen und ihren abschreckenden Beispielen einer „Betriebsarbeit“ die Jan Ole Arps an Personen festmacht:“Klaus Franz hat es getan, Berthold Huber hat es getan, Joschka Fischer hat es getan.“  Aber auch Eugen Eberle hat es getan. Eugen Eberle (Jahrgang 1908), gelernter Werkzeugmacher und seit 1928 Mitglied der KPD, war nach 1945 für sieben Jahre Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats der Fa. Robert Bosch und in dem leider heute vergessenen Buch „Kampf um Bosch“  (Wagenbach Verlag aus 1974) schildert er sieben Jahre offensiven Kampfes gegen das Kapital. Tilman Fichter analysiert im gleichen Buch die Betriebspolitik der KPD nach 1945 bei der Fa. Bosch.
Dieses Buch hätte Vorbild für die Arbeit von Jan Ole Arps sein müssen, denn die Geschichte der Betriebsinterventionen und der Betriebsarbeit der dogmatischen und undogmatischen Linken, vor allem in den 70er Jahren, hätte viel genauer untersucht und beschrieben werden müssen. Die Betriebsarbeit der K-Gruppen nimmt einen weiten Raum in diesem Buch ein und dass im Quellenverzeichnis bei den Zeitschriften der „Rote Morgen“, „Autonomie“, „Arbeiterkampf „und  „Wir wollen alles“ eine entscheidende Quellenrolle spielen, ist leider viel zu wenig. Von der Gewerkschaftspresse hat der Autor nur  drei Ausgaben der IG Metall Mitgliederzeitung„Metall“ (Nr. 9/68;Nr.9/73 und Nr. 18/73) als Quelle angegeben.

Ulrich Heyden und Ute Weinmann,

Buchumschlag - Opposition gegen das System PutinWährend in Spanien, Chile, Israel, Großbritannien, vielen arabischen Ländern Hunderttausende auf die Straße gehen, um ihren Unmut über Sozialabbau, fehlende Bildungschancen, wachsende Armut und Menschenrechtsverletzungen Ausdruck zu geben, ist es in Russland vergleichsweise ruhig. Den Medien ist es schon eine Meldung wert, wenn sich einige Dutzend Demonstranten im Zentrum Moskaus einfinden.
Sollte sich jedoch die wachsende Unzufriedenheit in Russland über Sozialabbau und Ungerechtigkeiten in den nächsten Wochen in einer wachsenden Zahl von Protestveranstaltungen zeigen, werden einige der Träger dieser Proteste aus dem Kreis derer kommen, die in Heydens und Weinmanns 2009 erschienenen Buch „Opposition gegen das System Putin“ beschrieben sind.
Wer sich ein Bild von der lebendigen, fortschrittlichen Opposition gegen das System Putin machen möchte, ein gesundes Misstrauen gegenüber der Kreml-Kaffeesatzleserei der bürgerlichen Medien hat und sich gleichzeitig mangels guter Russisch-Kenntnisse  keinen Zugang zu den lebendigen Diskussionen und Informationen im russischen Internet, dem Runet, verschaffen kann, sei das Buch der beiden langjährigen Moskau-Korrespondenten Ulrich Heyden und Ute Weinmann ans Herz gelegt.

1„Fliegeralarm“
Roman von Gisela Elsner

Es war Gisela Elsners letzter Roman den sie, nachdem ihr der Rowohlt Verlag die Kündigung zustellte, im Jahre 1986 noch veröffentlichen konnte.  Sie schrieb ihn, so erzählte sie, „in 8 Tagen und 8 Nächten, von einer wahren Schreibwut ergriffen“. Der  Zsolnay Verlag veröffentlichte den Text im Jahre 1989 – es war ein lieblos produziertes Buch mit vielen Rechtschreib- und Grammatikfehlern, unvollständigen Sätzen und dazu, als herausragende Schlamperei, fehlte die letztre Zeile der „Internationale“ und aus dem „Heer der Sklaven“ machte der Verlag ein „Herr der Sklaven“.

Die etablierte Literaturkritik zeigte damals jene Kompetenz, auf die man verzichten kann. In der ZEIT, dem „liberalen“ Bürgerblatt stellte der Kritiker Heinz Ludwig Arnold fest: „Gisela Elsners Roman ‚Fliegeralarm’ , freilich unterbietet alles Maß: Der bekannte hypotaktische Stil ist darin bis zur Unlesbarkeit vieler Sätze überzogen, die zudem häufig  fehlerhaft sind in der Konstruktion…“

Überleben in Russland zwischen Supermarkt und Datscha“
Von Kai Ehlers

1Nein, zu sicheren Finanzanlagen könne er keinen Tipp abgeben, eigentlich, so ein deutscher Manager, den Kai Ehlers in seinem soeben erschienenen Buch „Kartoffeln haben wir immer“ zitiert, könne er lediglich empfehlen, sich einen Garten zuzulegen.
Wesentlich ernster nimmt da Kai Ehlers schon einen Moskauer Taxi-Fahrer, der ihm auf die Frage, wie es denn so um die Dinge bestellt sei, beruhigt zur Antwort gibt: „Na ja, Kartoffeln haben wir jedenfalls immer“. Und der Mann hat mit seiner schlagfertigen Antwort nicht nur den Nagel auf den Kopf getroffen, wie man sich in Russland heute zwischen Supermarkt und Datscha fühlt, er hat auch gleich noch obendrein den Titel für das neue Buch von Kai Ehlers geliefert, der sich in diesem wieder einmal mit der Transformationsgesellschaft Russland beschäftigt.  Ehlers schildert nicht nur, wie sich das Leben in der postsowjetischen Gesellschaft unter den Bedingungen und den Folgen einer neoliberalen Wirtschaftspolitik darstellt, er beschreibt auch die russischen Besonderheiten, die die Krise in vielen Bereichen abmildern, wirft einen Blick in die Zukunft und stellt Überlegungen an, ob man nicht auch im Westen Russland in einigen Dingen etwas abschauen könnte.
Ehlers hat überhaupt nicht den Anspruch, Licht in den Dschungel der Russland-Statistiken zu bringen. Doch seine Zahlen versteht man auch ohne Studium der Wirtschaftswissenschaften, sind sie doch aus dem Alltag der Menschen in Moskau und der Provinz. Zu Wort kommen in seinem Buch die Menschen, die in Russland leben, dort arbeiten und an ihren bescheidenen Möglichkeiten arbeiten, die Gesellschaft etwas zu verändern. Kaffeesatzlesen im Kreml überlässt er anderen.

„Auch Deutsche unter den Opfern“
Texte von
Benjamin Stuckard-Barre

1Falls es die „deutsche Wirklichkeit“ tatsächlich geben sollte und jemand ganz besonderen Wert darauf legt sie zu finden, in diesem Buch findet die Bewertung und Beschreibung durch
einen Einzelnen statt. Allerdings scheint das nur ein Wirklichkeitsteilbereich dieses Landes zu sein.

„Der Autor beschreibt was ist“ – verkündet der Verlag auf dem Buchumschlag. Ja, da hat das unschuldige Papier etwas erreicht, unter dem Titel „Der Polterabend des prominenten Friseurs“ – da liest man „Udo Walz sitzt in seiner Wohnung am Kurfürstendamm vor dem Fernseher, es schimmert der Beruhigungskanal Phoenix“.

Ja, das ist ! Nur frage ich mich, was?

1Evelyne Polt-Heinzl
„Einstürzende Finanzwelten. Markt, Gesellschaft und Literatur“
Nachwort von Wolfgang Polt mit 7 Illustrationen von Thomas Kussin

Die Krise gibt es heute täglich und  man kann sie  nachlesen,  in den Blättern die die Welt in Schutt und Asche schreiben. Tag für Tag schwatzt es Krisengeräusche aus den öffentlichen und privaten Kanälen, da wird der letzte Widerstand der Menschen entsorgt.
Oskar Lafontaine hat ja in seine Reden auch einen „Kulturteil“ eingebaut, da zitiert er dann Brechts Gedichts „Fragen eines lesenden Arbeiters“, er sollte eigentlich wissen, dass ökonomische Krisen, wie sie sich entfalten und gesellschaftlich wirken, von der Literatur in jedem Falle besser beschrieben werden als von den Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaftlern.

1Zuerst erschienen in Fandom Observer Nr. 254/August 2010-08-07

Wie lebt man in einer Gesundheitsdiktatur? Wie ist es, wenn man ständig dazu angehalten
wird Körper und Geist zu ertüchtigen und dabei permanent überwacht zu werden?
Was geschieht mit Menschen, die nicht gewillt sind sich diesen gut gemeinten
Repressalien zu unterwerfen?
Alles Fragen auf die Juli Zeh eine Antwort zu geben versucht. Die Handlung fokussiert sich auf Mia Holl, die ihren Bruder durch Selbstmord verloren hat. Einen Selbstmord, für den sie die Gesundheitsdiktatur verantwortlich macht. Obwohl man ihren Bruder als Rebell
bezeichnen könnte, der Rauschmitteln nicht entsagte und sich regelmäßig einer Zigarette
hingegeben hat, so war er dennoch ein sensibler Mensch, der das ihm zur Last
gelegte Verbrechen nie hätte begehen können.
Mia, die sich nicht unbedingt mit den Ansichten ihres Bruders anfreunden konnte und der Mehrheit der Gesellschaft zuzurechnen war, liebte ihren Bruder innig und gerät nach seinem Freitod völlig aus der Bahn. Überzeugt von dessen Unschuld, welche er immer wieder beteuerte, bricht sie mit dem System, vernachlässigt ihre Körperertüchtigung, fängt an zu rauchen und gerät so sehr rasch in die Maschen der Gesundheitswächter.
Mit all den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versucht sie die Unschuld ihres Bruders zu beweisen, selbst als der eindeutig vorliegende genetische Fingerabdruck ihres Bruders am Tatort gegen ihn spricht.

„Karl und das zwanzigste Jahrhundert“
Roman von Rudolf Brunngraber

1Dieser Roman der im Jahre 1932 erstmals im Frankfurter Societätsverlag veröffentlicht. In Österreich wurde dieses Buch ausgezeichnet. In Deutschland im Jahre 1933 wurde das Buch von der Gestapo verboten. Der Autor Rudolf Brunngraber ist einer der interessantesten Schriftsteller Österreichs im vorigen Jahrhundert gewesen. Er war Holzfäller in Schweden und Totensänger und Wanderprediger in Finnland, in Wien war er einige Zeit Schüler von Klimt.